Modelle für die Energiewende Fahrplan für die Öko-Republik

Angela Merkel lädt zu einem neuen Stromgipfel - nur an die großen Probleme wagt sich die Regierung vor der Wahl nicht heran. Dabei gibt es im Umweltministerium längst Pläne, wie die nächste Phase der Energiewende zu schaffen ist.
Windräder zwischen Husum und Niebüll: Konzepte für die zweite Phase der Energiewende

Windräder zwischen Husum und Niebüll: Konzepte für die zweite Phase der Energiewende

Foto: Christian Charisius/ dpa

Hamburg - Am Mittag lädt Kanzlerin Angela Merkel zum Energiewende-Spitzentreffen. Geladen sind Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft, von Gewerkschaften und Umweltverbänden. Es geht unter anderem um den Stand beim Ausbau der Stromnetze. Vergangene Woche hatten sich Bund und Länder getroffen, um mögliche Begrenzungen beim Anstieg des Strompreises zu besprechen.

Das sind wichtige Themen, trotzdem stockt die Energiewende. Weil eine noch wichtigere Baustelle der Öko-Republik zu langsam vorankommt. Vor der Bundestagswahl wagt sich die Regierung nicht an sie heran.

Es geht um das zentrale Förderinstrument zum Ausbau der erneuerbaren Energien, das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es wurde für Phase eins der Energiewende konzipiert. In der ging es darum, Technologien zu entwickeln, Kosten zu drücken und den Bau von Ökostromanlagen zu beschleunigen. Mit Erfolg: Inzwischen wird rund ein Viertel unserer Elektrizität aus erneuerbaren Energien erzeugt.

Jetzt hat Phase zwei der Energiewende begonnen. Nun gilt es, die immer größeren Mengen Ökostrom so ins System zu integrieren, dass die Versorgung sicher und bezahlbar bleibt. Das erfordert eine ganz andere Energiepolitik. Ein neues Grand Design.

Offiziell hüllt sich die Regierung darüber in Schweigen, und es kommt immer wieder zu Verzögerungen. Vergangene Woche etwa sollten Experten im Umweltministerium über die EEG-Reform beraten. Das Treffen wurde abgesagt. Wegen der Strompreisbremse.

Dabei existieren die Modelle für die kommenden Jahre schon längst. Und erste Tendenzen, wer in der Regierung welche Präferenzen hat. Es werde dabei um eine Kombination von alten und neuen Ideen gehen, sagen Insider. Eine erste frühe Übersicht:

1. Preissteuerung über feste Tarife

Konzept: Netzbetreiber nehmen Betreibern von Ökostromanlagen die Kilowattstunde zum Fixpreis ab; die Differenz zum tatsächlichen Börsenstrompreis zahlen die Verbraucher über ihre Stromrechnung. Derzeit funktioniert die Ökostromförderung größtenteils so.

Vorteil: Hohe Sicherheit für Investoren - und dadurch starker Ausbau der erneuerbaren Energien

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Grafiken: Feste Tarife zur EEG-Förderung

Foto: Fraunhofer ISI

Nachteile: Weniger geeignet, um das Zusammenspiel der verschiedenen erneuerbaren Energien zu steuern. Starke Abhängigkeit vom Börsenstrompreis: Sinkt er, steigen die Kosten für die Verbraucher.

Neue Ansätze: Es kursieren Vorschläge, den Effekt der sinkenden Börsenstrompreise auszugleichen. Etwa indem die fixe Förderung automatisch sinkt, wenn der Preis an der Strombörse ein gewisses Niveau unterschreitet.

2. Preissteuerung über Boni

Konzept: Die Betreiber der Ökoanlagen verkaufen ihren Strom selbst an der Börse. Sie erhalten dennoch einen Fixpreis pro Kilowattstunde, die sogenannte Marktprämie gleicht die Differenz zum Börsenpreis aus. Wird derzeit so praktiziert.

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Grafiken: Neue Konzepte für das Boni-Modell

Foto: Fraunhofer ISI

Die Vor- und Nachteile sind dieselben wie beim Tarifmodell. Zusätzlicher Nachteil: höhere Kosten durch ineffizientere Vermarktung.

Neue Ansätze: Es kursieren Vorschläge, um die Effekte des sinkenden Börsenstrompreises auszugleichen. Zum Beispiel, indem man auf jede verkaufte Kilowattstunde denselben Bonus draufschlägt - unabhängig vom Börsenpreis.

3. Mengensteuerung per Quote

Konzept: Energieversorger werden in diesem Modell verpflichtet, einen bestimmten Anteil Ökostrom zu liefern. Als Zeitraum, die Quote zu erfüllen, wird oft ein Jahr veranschlagt. Das Konzept ist in Deutschland derzeit nicht im Einsatz.

Vorteil: Die Menge der erneuerbaren Energien wird genau gesteuert - und mit ihr die Kosten für die Förderung, die alle Verbraucher über ihre Stromrechnung tragen.

Nachteile: Die letzte Ökostromanlage, die zur Erfüllung der Quote benötigt wird, bestimmt den Strompreis. Wenn dies eine Anlage ist, die den Strom teurer produziert, steigen die Kosten. Versorger würden sie auf die Verbraucher abwälzen. Das Problem ließe sich mit eigenen Quoten für jede Stromtechnologie vermeiden; der Verwaltungsaufwand wäre dann aber enorm.

Befürworter/Gegner: Die FDP, allen voran Wirtschaftsminister Philipp Rösler, plädiert für das Quotenmodell. Im Umweltministerium ist dieser Ansatz offenbar wenig beliebt. Bei den Beratungsgesprächen hielt kürzlich Mario Ragwitz vom Forschungsinstitut Fraunhofer ISI dazu einen kritischen Vortrag. Der Wissenschaftler vergleicht seit zehn Jahren die Fördersysteme für erneuerbare Energien in ganz Europa. "Man hatte den Eindruck, das Umweltministerium hat ihn eingeladen, um das Quotenmodell zu töten", sagt einer, der dabei war.

4. Mengensteuerung per Ausschreibung

Konzept: Der Staat schreibt einen gewissen Bedarf an Ökostromanlagen aus. Nur diese erhalten Förderung. Unternehmen bewerben sich um diese Ausschreibung. Der Projektbetreiber mit dem besten Angebot erhält den Zuschlag. Das Konzept ist in Deutschland derzeit nicht im Einsatz.

Vorteile: Volle Kontrolle für die Regierung. Der Staat kann festlegen, welche Mengen welcher Technologie in welcher Region wie schnell gebaut werden.

Nachteile: Starke Einflussnahme des Staates. Großkonzerne sind im Vorteil; sie können sich das unternehmerische Risiko und den Kostenwettbewerb besser leisten. Kleine Konkurrenten müssten aufwendig durch Sonderregeln geschützt werden. Eine den Großkonzernen gewogene Regierung könnte den Ausbau der erneuerbaren Energien stark begrenzen, um die Laufzeiten von Kohlekraftwerken zu verlängern.

Befürworter/Gegner: Das Referat Grundsatzangelegenheiten und ökonomische Fragen im Umweltministerium - eine der zentralen Abteilungen für die Energiewende -, zeigt laut Insidern Sympathien für dieses Modell. Offenbar aus Sorge, dass in den kommenden Jahren viel mehr Ökostromanlagen gebaut werden als geplant - vor allem Windräder an Land.

Spezielle Instrumente für jede Technologie

Weitgehend Konsens ist, dass sich am Ende nicht ein Modell komplett durchsetzen wird. Die Prämisse "ein Förderkonzept für alle Technologien" gilt als veraltet. Technologien wie Wind und Solar werden im Strommix der Zukunft verschiedene Funktionen übernehmen - und müssen auf unterschiedliche Weise gefördert werden. Zwei Beispiele für Konzepte, die Experten diskutieren:

  • Biogasanlagen sollen künftig stärker als Stabilisatoren eingesetzt werden. Sie sollen einspringen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Die derzeitige Förderung motiviert dazu, so viel Strom wie möglich abzusetzen, egal wann. Für die nächste Phase der Energiewende braucht es Anreize, Stromreserven zu speichern und bei entsprechender Nachfrage gezielt zu verkaufen. Eine Art Prämie für das koordinierte Nichtstun.
  • Das derzeitige Fördersystem belohnt zudem möglichst leistungsstarke Windräder sowie Solaranlagen mit Ausrichtung nach Süden - Anlagen, die zu Hochzeiten massig Strom in die Netze leiten, deren Produktion bei nicht optimalen Bedingungen aber rasch abflaut. Für eine stabile Versorgung wären leistungsschwächere Windräder sowie Solaranlagen mit Ost-West-Ausrichtung besser. Diese produzieren unterm Strich weniger Strom, dafür kontinuierlicher.

Sich über solche Maßnahmen zu einigen und sie entgegen aller Lobbyinteressen zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammenzuführen, ist ungleich schwerer, als über steigende Strompreise zu streiten. Doch ein neues Grand Design ist dringend nötig. Denn die einfachen Gesetze aus der ersten Energiewende-Phase werden den komplexen Realitäten immer weniger gerecht. Wenn sich nicht bald etwas grundlegend ändert, dann werden die Kosten der Energiewende immer weiter außer Kontrolle geraten, dann wird die Stromversorgung unsicherer. Dann drohen Probleme, die sich mit Flickschustereien nicht mehr lösen lassen.

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