Britische Post Regierung Cameron will Royal Mail privatisieren

Das älteste Postunternehmen der Welt soll privatisiert werden. Die britische Regierung will Royal Mail bis zum Herbst an die Börse bringen. Der Schritt ist historisch: An die Privatisierung des Postamts traute sich nicht einmal Margaret Thatcher.

Royal-Mail-Auto: Bis Herbst soll das Postunternehmen an die Börse
REUTERS

Royal-Mail-Auto: Bis Herbst soll das Postunternehmen an die Börse


London - Die britische Regierung plant einen der größten Privatisierungscoups der vergangenen Jahrzehnte: Die staatliche Post soll an die Börse. Aktien der Royal Mail könnten noch im Herbst frei gehandelt werden, kündigte Premierminister David Cameron an. "Dies ist eine logische, wirtschaftliche Entscheidung. Sie soll die Zukunft der Royal Mail auf lange Sicht nachhaltig gestalten", sagte Wirtschaftsminister Vince Cable.

Zehn Prozent der Aktien, deren Gesamtwert auf bis zu drei Milliarden Pfund geschätzt wird, sollen für die derzeit 150.000 Royal-Mail-Beschäftigten reserviert werden. Die Regierung entschied sich gegen einen Verkauf an einen Investor. Die Regierung dürfte demnach einen Anteil von 49 Prozent behalten und den Rest verkaufen. Bei einem geschätzten Unternehmenswert von drei Milliarden Pfund (3,5 Milliarden Euro) könnte der Börsengang so rund 1,2 Milliarden Pfund (1,4 Milliarden Euro) in die leere britische Staatskasse spülen.

Die Gewerkschaften stehen dem Schritt ausgesprochen kritisch gegenüber. Sie fordern ihre Mitglieder auf, die Aktien nicht zu kaufen. "Kauft nicht, was Euch schon gehört", hieß es auf Plakaten. Die Labour-Opposition kritisierte, dass die Regierung zuvor den Pensionsfonds der Royal Mail und damit langfristige Zahlungsverpflichtungen verstaatlicht hat. "Sie haben Schulden verstaatlicht, jetzt wollen sie Profite privatisieren", sagte Labours Wirtschaftsexperte Chuka Umunna.

Die Regierung greift damit inmitten einer weiterhin schweren Schuldenkrise auf politische Mittel aus der Zeit von Premierministerin Margaret Thatcher zurück. Die "Eiserne Lady" hatte in den 1980er Jahren mit einer bis dahin nicht dagewesenen Privatisierungswelle versucht, die Staatsfinanzen zu ordnen und vor allem Versorgungsunternehmen in private Hände gegeben. Die Privatisierung der Royal Mail hatte Thatcher jedoch ebenso wenig vorangetrieben wie ihre Nachfolger John Major oder Tony Blair, wohl auch weil die 1516 gegründete Royal Mail als nationales Heiligtum gilt.

Das Unternehmen arbeitet nach einer Phase der Umstrukturierung inzwischen wirtschaftlich profitabel. Experten sehen aber noch immer große strukturelle Probleme. So hinkt die Wirtschaftlichkeit um etwa 30 Prozent hinter der internationalen Konkurrenz zurück. Durch den Wechsel zu E-Mail und anderen elektronischen Diensten verlor der Brief- und Paketreise ein Viertel seines Geschäftes. Der Boom im Online-Versandhandel konnte dies nur zum Teil kompensieren.

ade/dpa/AFP



insgesamt 5 Beiträge
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Badischer Revoluzzer 10.07.2013
1. Hoffentlich
kauft sich da kein deutsches Unternehmen ein. So etwas endet meist desaströs.
Mertrager 10.07.2013
2. Eisenbahn
Schauen wir uns die Entwicklung der Eisenbahn in Britannien an. Wirklich gut ist das nach der Privatisierung wohl nicht geraten.
Martin24 11.07.2013
3. Sinnvoll???
Es wird überhaupt nicht hinterfragt, ob der Verkauf überhaupt sinnvoll ist. Hat der Staat überhaupt einen langfristigen Nutzen davon. Er mag ja einmal Geld sehen, aber danach gibt er Einnahmen auf. Auch bei der Eisenbahn hat der Staat, die Bevölkerung und die Mitarbeiter draufgezahlt. Jetzt sitzt GB auf einem maroden Schiennennetz, was die Wirtschaft behindert. Wo soll denn auch die Wirtschaftlichkeit herkommen, wenn Erträge an privat abgeführt werden müssen?
Illoinen 11.07.2013
4. Privat vor Staat ist reine Propaganda
Zitat von sysopREUTERSDas älteste Postunternehmen der Welt soll privatisiert werden. Die britische Regierung will Royal Mail bis zum Herbst an die Börse bringen. Der Schritt ist historisch: An die Privatisierung des Postamts traute sich nicht einmal Margaret Thatcher. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/regierung-cameron-will-britische-post-royal-mail-privatisieren-a-910513.html
Und man erstarrt in Ehrfurcht vor David Cameron: der traut sich sogar etwas, vor dem Thatcher zurückschreckte! Die Fragen "ist das überhaupt sinnvoll?", "zahlt der Staat drauf oder profitiert er?" und "wie geht es den Beschäftigten damit?" werden überhaupt nicht diskutiert – nur zwei Tage, nachdem er am Beispiel der Uniklinik Gießen der Wahnsinn von Privatisierungen öffentlichen Eigentums vorgeführt hat. Da ist wieder der gute alte SPIEGEL, der "Reformen" fordert, den Verkauf öffentlichen Eigentums und die "Konsolidierung der Staatsfinanzen", und zwar immer auf dem Rücken der Beschäftigten und der Schwachen.
pro_europa 12.07.2013
5. Großbritannien schlimmer als Frankreich
Es ist eine Frechheit der Ratingagenturen S&P und Moodys Frankreich herabzustufen, während man GB auf dem Spitzenrating beläst. Man sieht hier erneut das es um GB deutlich schlechter steht als um FR, während GB mehrere Sparprogramme aufgelegt hat kommt man auf ein Defizit von ca. 8% des BIP, in Frankreich liegt dieses ohne Sparmaßnahmen bei nur 3,7% des BIP, die britische Schuldenquote wird dieses Jahr die französisch um 2 Prozentpunkte übersteigen. Während der franz. Finanzsektor einer der stabilsten der Welt ist, er hat die Finanz-,Weltwirtschafts- und Eurokrise nahezu unbeschadet überstanden, kommt der zusammengebrochene brit. Finanzsektor nicht aus der Krise, es lauern weitere Milliardenbelastungen.
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