Henrik Müller

Regierungswechsel in Tokio Die Japan-Falle

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Einst war Japan Vorzeige-Volkswirtschaft, weltweit beneidet und gefürchtet. Das ist längst vorbei - und führt uns Europäern vor, wie gefährlich es ist, Reformen zu verschleppen.
Ausgehviertel Shinjuku in Tokio

Ausgehviertel Shinjuku in Tokio

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Alexander Spatari / Getty Images

Langsame Veränderungen haben etwas Tückisches: Man kann sich leicht an sie gewöhnen - und womöglich den richtigen Zeitpunkt für Veränderungen verpassen. Wenn schließlich die Erkenntnis gereift ist, dass es nicht weitergeht wie bislang, ist es womöglich zu spät.

Insofern ist die Entwicklung Japans eine Warnung an andere westliche Länder. In den vergangenen acht Jahren hat Premier Shinzo Abe versucht, sein Land aus der Dauerstagnation herauszuholen - mit einer Mischung aus aggressiver Geld- und Finanzpolitik sowie überfälligen Strukturreformen; die Dreifachstrategie ist unter dem Namen "Abenomics" bekannt geworden. Doch die Resultate sind bescheiden. Nun werden sie durch die Corona-Pandemie und die folgende Weltrezession womöglich komplett zunichtegemacht.

Abes Nachfolger, der Montag gekürt werden soll, steht vor einem gigantischen Berg von Problemen, darunter der höchsten Staatsschuldenquote auf dem Globus (rund 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts).

Nirgends sonst ist die demografische Entwicklung so weit fortgeschritten: Die Lebenserwartung ist die längste weltweit, so die Industrieländerorganisation OECD ; die Geburtenzahlen sind inzwischen niedriger als im späten 19. Jahrhundert. Immer weniger Leute stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Seit 2000 ist die Zahl der Menschen im üblicherweise erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) um 12 Prozent gesunken.

Geht es weiter wie bislang, wird die Zahl der Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, bis 2050 um 15 Millionen sinken – fast ein Viertel weniger als heute. Unter sonst gleichen Bedingungen werden die Staatsschulden dann bei 400 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. Eine beispiellose Konstellation.

Nach dem großen Knall

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber in den Achtzigerjahren galt Japan als Angstgegner der westeuropäischen und US-amerikanischen Wirtschaft. Mit großer Schlagkraft und in enger Kooperation mit der staatlichen Wirtschaftspolitik rollten Japans Konzerne einen Markt nach dem anderen auf: Autos, Optik, Mikro- und Unterhaltungselektronik. Unaufhaltsam schien die neue fernöstliche Wirtschaftsweltmacht die westliche Konkurrenz zu übertrumpfen. Ab der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre hatte Japan zu einem Wachstumsspurt angesetzt. Bis 1991 halbierte sich die Wohlstandslücke gegenüber den USA und der Bundesrepublik (siehe Grafik).

Doch dann knallte es. 1992 platzte Japans gigantische Aktien- und Immobilienpreisblase, die sich in den Jahren der Aufholeuphorie aufgepumpt hatte. Zu dieser Zeit knickte der Wachstumspfad ab. Die Wohlstandslücke gegenüber den USA hat sich seither immer weiter geöffnet. Inzwischen ist sie größer als jemals zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wie kann das sein? Wie kann ein Land so nachhaltig seinen Schwung verlieren?

"Ein verlorenes Jahrzehnt"

In den Neunzigerjahren tat sich Japan schwer damit, die Bilanzen aufzuräumen. Das Platzen der Blase erforderte gigantische Abschreibungen – was aber bedeutet hätte, sich einzugestehen, dass die alten Bewertungen in den Firmenbilanzen nicht zurückkehren würden. Weil der Schuldenabbau nur schleppend vorankam, litten Japans Unternehmen über die Neunzigerjahre hinweg unter einer hohen Schuldenlast – sie war damals die höchste unter allen OECD-Ländern . Ein Bremsklotz für die wirtschaftliche Dynamik.

Von "Japans verlorenen Jahrzehnt" war damals die Rede. Während das Land mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, nahm die Globalisierung ihren Lauf: Durch die weltweite Öffnung tauchten neue Konkurrenten auf, in Osteuropa, vor allem aber in Asien selbst. Japans Unternehmen investierten verstärkt im Ausland und begannen, im Rest der Welt ein stattliches Vermögen aufzubauen .

Als in den Nullerjahren der Globalisierungsboom Fahrt aufnahm, rutschte Japan in eine neue Problematik: Deflation. Leicht sinkende Konsumentenpreise und stagnierende Löhne dämpften die heimische wirtschaftliche Entwicklung. Die Notenbank steuerte mit immer niedrigeren Zinsen gegen, die Regierung mit einer langen Reihe von schuldenfinanzierten Ausgabenprogrammen. Genützt hat es wenig.

Erst Premiers Abes entschlossener Expansionskurs hat die Deflation in den 2010er-Jahren zeitweise beendet, auch wenn die Inflationsraten nach wie vor niedrig waren. Die Notenbank startete ein aggressives Programm zum Aufkauf von Wertpapieren; inzwischen hat ihre Bilanz ein Volumen von rund 120 Prozent des BIP (Achten Sie Donnerstag auf die Beschlüsse des Tokioter Gouverneursrates). Zum Vergleich: Die Europäische Zentralbank hat eine Bilanzsumme von rund der Hälfte des Euro-BIPs, bei der amerikanischen Fed ist es rund ein Drittel. In der Folge begannen die Löhne endlich wieder zu steigen.

Die Covid-Krise macht die bescheidenen positiven Effekte der "Abenomics" nun großteils zunichte. Erneut sinkt das Preisniveau, während die Wirtschaftsleistung wohl auf längere Zeit hinter dem Niveau von 2019 zurückbleiben wird . All das verschärft Japans Schuldenproblematik. Eine nachhaltige Gesundung des Staatshaushalts scheint unmöglich.

Rente mit 60, zwangsweise

Das Grundproblem ist die ungünstige Demografie. Das Arbeitskräftepotenzial begann bereits vor einem Jahrzehnt zu schrumpfen. Die Regierung steuerte 2000 mit einer Reform gegen, die das Renteneintrittsalter in mehreren Stufen heraufsetzt. Doch das offizielle Rentenalter liegt auch heute nur bei 65 (Männer) oder 64 Jahren (Frauen) – niedrig gemessen an der hohen japanischen Lebenserwartung.

In der Realität wird dieser Wert häufig nicht mal erreicht. 80 Prozent der Unternehmen drängen ihre Mitarbeiter mit Vollendung des 60. Lebensjahr aus ihren regulären Beschäftigungsverhältnissen – um sie dann als irreguläre Arbeitskräfte zu deutlich niedrigeren Löhnen weiterzubeschäftigen. Eine Altersdiskriminierung sondergleichen.

Eigentlich sollte bei steigernder Lebenserwartung der Eintritt in den Altersruhestand nach hinten verschoben werden. Um längerfristig beschäftigungsfähig und produktiv bleiben zu können, müssen sich Beschäftigte immer weder fortbilden und sich gegebenenfalls auch im fortgeschrittenen Alter noch beruflich umorientieren. Anreiz dafür wäre die längerfristige Perspektive, auch im höheren Alter noch einen ordentlichen Job ausüben zu können und anständig bezahlt zu werden. Die schlechte Behandlung älterer Arbeitnehmer könnte deshalb ein Grund für die schwache Produktivitätsentwicklung Japans sein.

Auch beim Thema Zuwanderung hat Japan lange an alten Vorstellungen festgehalten. Die Inselnation blieb am liebsten unter sich. Die Hürden für Immigranten waren hoch, und sie sind es bis heute.

Zunehmende Arbeitskräfteknappheit schuf jedoch Zwänge, die die Regierung mit einer schrittweisen Lockerung der Zuwanderungsregeln beantwortete. In Abes Amtszeit stieg die Zahl ausländischer Beschäftigter um rund eine Million Menschen, überwiegend aus Vietnam, China und den Philippinen, die vor allem in der Industrie, im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Groß- und Einzelhandel eingesetzt werden, so der Internationale Währungsfonds . Immerhin. Aber der Ausländeranteil liegt auch heute nur bei 2 Prozent aller Beschäftigten.

Andere Länder mögen um Hochqualifizierte aus aller Welt werben. Im alternden und schrumpfenden Japan gibt es erst seit vorigem Jahr ein Immigrationsgesetz: Im Regelfall beschränkt es die Aufenthaltsdauer auf fünf Jahre und sieht keinen Familiennachzug vor – eine Einladung an die Hochproduktiven dieser Welt sieht anders aus.

Der fernöstliche Spiegel

Ein kurzer Gedanke zum Schluss: Vielleicht ist uns Japan nur eine halbe Generation voraus. Es gibt viele Parallelen zu Westeuropa und Nordamerika: die demografische Entwicklung, der Abwärtstrend von Preisen und Zinsen, das Abflauen des Produktivitätswachstums, die explosionsartig steigenden Staatsschulden, der mentale Rückzug auf die eigene Nation. All das ist auch bei uns zu beobachten.

Womöglich ist es eine Eigenart alternder Gesellschaften, veränderte Realitäten nur verzögert anzuerkennen und allzu spät gegenzusteuern. Aber wir sollten uns nicht damit zufriedengeben.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Tokio - Nach Abe – Japans Regierungspartei LDP wählt den Nachfolger von Partei- und Regierungschef Shinzo Abe.

Düsseldorf – Herzkammern und andere Organe – Nachlese zu den Kommunalwahlen vom Sonntag in Nordrhein-Westfalen. Signale werden erwartet, etwa zur Stärke von Armin Laschet als Bewerber um den CDU-Vorsitz, zur Vitalität der SPD.

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