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21. Dezember 2011, 11:15 Uhr

Regionen-Vergleich

Wo Deutschland am ärmsten ist

Die deutsche Wirtschaft wächst - doch die Armut, die das Land zerreißt, bleibt. So die Kernaussage einer neuen Studie, die auch belegt, dass in manchen Städten im Ruhrgebiet die Not größer ist als in ostdeutschen Ländern. Ein bundesweiter Vergleich zeigt die sozialen Brennpunkte der Republik.

Hamburg - Die Armut in Deutschland hat sich von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Das ist die Kernaussage eines Berichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Seit sechs Jahren ist die Armutsgefährdung demnach auf Rekordniveau, selbst im Boomjahr 2010 ging die Quote nur geringfügig zurück. Als armutsgefährdet gilt nach EU-Definition, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Einkommens verfügt.

Der Sozialverband spricht von "verhärteter Armut". Dieses Phänomen zeige sich auch bei den Hartz-IV-Empfängern. Kurz nach der Einführung 2005 lag die Quote bei 10,3 Prozent. Im Sommer 2011 notierte der Wert fast unverändert bei 9,8 Prozent. Mit Verweis auf diese Zahlen kritisiert der Wohlfahrtsverband die "arbeitsmarktpolitischen Erfolgsmeldungen der Bundesregierung".

Die wesentliche Aussage des Armutsberichts: "Deutschland ist nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land." Die Quoten beruhen auf dem Mikrozensus, einer jährlichen Befragung von einem Prozent der deutschen Haushalte. Das entspricht mehreren hunderttausend Menschen.

Während sich in neun Bundesländern seit 2005 kaum etwas bewegt habe, gebe es in den restlichen sieben dem Bericht zufolge durchaus Veränderungen. In Hamburg, Brandenburg und Thüringen gingen die Armutsquoten kontinuierlich zurück. Dabei ist vor allem der positive Trend in den beiden ostdeutschen Ländern auffällig: In Thüringen fiel die Quote von 19,9 auf 17,6 Prozent, in Brandenburg von 19,2 auf 16,3 Prozent - ein Rückgang von 10 beziehungsweise 15 Prozent.

Negativ ist der Trend dagegen in Berlin und Nordrhein-Westfalen. In der Hauptstadt stieg die Armutsquote von 17 auf 19,2 Prozent - ein Zuwachs von 13 Prozent. In NRW stellten die Autoren ein Plus von knapp 14 Prozent fest. Das bevölkerungsreichste Bundesland rutschte damit im innerdeutschen Ranking von Platz sechs auf Platz neun ab (siehe Fotostrecke).

Aber auch innerhalb der Länder gibt es große Unterschiede: Die Studie zeigt, dass Deutschland mehr und mehr als "armutspolitischer Flickenteppich" erscheint. So gebe es im Westen Regionen, in denen die Armutsgefährdung deutlich über dem ostdeutschen Durchschnitt liege - Dortmund zum Beispiel, aber auch Bremen und Hannover.

Als Problemregion bezeichnen die Autoren das Ruhrgebiet: So habe die Armutsgefährdung in Dortmund seit 2005 um 24 Prozent zugenommen. In Duisburg betrug der Anstieg sogar 26 Prozent. Die Hartz-IV-Zahlen unterstreichen diese Entwicklung. So waren im Juli 2011 in den beiden Ruhrgebietsstädten 17,8 Prozent der Einwohner unter 65 Jahren auf Hartz IV angewiesen. In Gelsenkirchen waren es sogar 21,6 Prozent - also rund jeder Fünfte.

Besonders auffällig: Nicht ein einziger Kreis schneidet besser ab als der Bundesdurchschnitt. Im Schnitt bekommt mehr als jeder siebte Bürger im Ruhrgebiet Hartz IV.

cte

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