Kapitalismus-Kritik "Nur arme Staaten sollten wachsen"

Flüchtlinge, Klimawandel, Bankenbeben - die großen Krisen hängen eng zusammen, sagt der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske. Er prophezeit das Ende der weltweiten Wachstumspolitik und fordert eine radikale Reform des Kapitalismus.
Indischer Junge in einem verschmutzten See: "Nicht mehr 'immer mehr'"

Indischer Junge in einem verschmutzten See: "Nicht mehr 'immer mehr'"

Foto: Sanheev Gupta/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Loske, der Club of Rome hat schon 1972 vor den Folgen einer auf Wachstum fixierten Wirtschaftspolitik gewarnt. Geändert hat sich seither wenig, warum sollte das nun anders sein?

Reinhard Loske: Weil die Debatte in den Siebzigern eine ziemlich negative Note hatte. Die gegenwärtige Wachstumskritik ist aber sehr kulturoptimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Loske: Derzeit entstehen neue Formen der Share Economy, zum Beispiel Energiegenossenschaften. Die ziehen vor allem junge Leute an und stellen nicht die Grenzen des Wachstums in den Mittelpunkt - sondern die Möglichkeit eines guten Lebens bei gleichzeitiger Anerkennung ökologischer Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Menschen auf der Welt haben ganz andere Probleme. Was muss sich also ändern, damit aus diesem überschaubaren Trend eine globale Wende wird?

Loske: Wir müssen uns vom Irrglauben befreien, alle Probleme durch ewiges Wirtschaftswachstum lösen zu können. Natürlich gibt es Grundbedürfnisse wie Ernährung, Behausung oder Gesundheit, die müssen erfüllt sein - aber darüber hinaus erhöht materieller Wohlstand die Zufriedenheit kaum oder gar nicht. Deswegen lautet in Industriegesellschaften das Ziel vieler Menschen inzwischen nicht mehr "immer mehr". "Zeitwohlstand" gewinnt an Bedeutung, "Güterwohlstand" verliert.

Zur Person
Foto: Reinhard Loske

Reinhard Loske, Jahrgang 1959, ist Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Zuvor forschte er zwischen 1992 und 1998 am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, saß für die Grünen neun Jahre lang im Bundestag und war von 2007 bis 2011 Umweltsenator in Bremen. Er ist Autor des Buchs "Politik der Zukunftsfähigkeit" .

SPIEGEL ONLINE: In Entwicklungsländern ist das anders. Könnte Wirtschaftswachstum in bitterarmen Staaten nicht viele Menschenleben retten?

Loske: Natürlich, diese Ungleichverteilung des Wohlstandes ist ja gerade das Problem. Aber es klingt ziemlich zynisch zu sagen: "Wir müssen wachsen, damit Entwicklungsländer auch wachsen können." Dieser erhoffte "Trickle-down-Effekt" ist empirisch kaum messbar, es leben ja noch immer sehr viele Menschen in sehr schlechten Verhältnissen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das ändern?

Loske: Nur arme Staaten sollten noch ökonomisch wachsen. Aber sie sollten direkt den Weg der nachhaltigen Entwicklung einschlagen und unsere Fehler der vergangenen Jahrzehnte vermeiden. Das heißt: erneuerbare Energien von Anfang an und ein Abrücken vom Export- und Freihandelsmantra. Denn ohne einen robusten Binnenmarkt werden vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten die Verlierer sein.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings lehnen Schwellenländer wie China solche Forderungen nach einer gemäßigten Wirtschaftspolitik ab - für sie ist das Kolonialismus im grünen Gewand.

Loske: Bislang schon, aber die Stimmung scheint selbst in China zu kippen, da Luft und Wasser dort enorm verschmutzt sind. In der Gesellschaft gibt es Widerstände gegen diesen Kurs des rücksichtslosen Wachstums - und auch die Staatsführung scheint das langsam zu verstehen und nach Alternativen zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Alternative ist die sogenannte Green Economy, die Wirtschaftswachstum und Umweltschutz in Einklang bringen will - indem etwa Kohle und Erdöl durch Windkraft und Biomasse ersetzt werden.

Loske: Technik allein führt sicherlich nicht ans Ziel, weil wir beispielsweise immer sparsamere Autos haben - aber auch immer mehr. Die Wachstumseffekte fressen die Effizienzgewinne wieder auf, weshalb man auch vom "Rebound-Effekt" redet, vom Rückschlageffekt. Schon der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und die anschließende Digitalisierung haben die negative Klimabilanz unserer Ökonomien kaum verändert. Natürlich ist vor allem für Unternehmen ressourcensparende Technik ein guter Weg. Wer aber alles auf diese Karte setzt, scheitert.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die Industriestaaten stattdessen ändern?

Loske: Sie müssen Ressourcen, Energie und Flächen viel sparsamer und intelligenter verwenden, allein der CO2-Ausstoß muss bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 Prozent sinken. Nur dann lässt sich der Temperaturanstieg weltweit auf maximal zwei Grad begrenzen - und selbst dieses Szenario ist noch mit großen Risiken verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen nicht alle Experten so - und etliche Klimakonferenzen sind schon an deutlich bescheideneren Zielen gescheitert.

Loske: Die Fakten und Zahlen sind natürlich erschütternd, und Optimismus zu predigen fällt nicht leicht. Aber was bleibt uns schon übrig? Ich sehe drei große Kräfte am Werk: Einerseits das Leiden an den Verhältnissen, wenn die Lage also so schlimm ist, dass sie ohne Veränderungen nicht auszuhalten ist. Außerdem den Zwang, etwa durch Umweltkatastrophen oder politische Regulierung. Und schließlich die Entwicklung von gesellschaftlichen und ökonomischen Alternativen. Die Politik kann und muss zeigen, dass eine andere Welt möglich ist - auch wenn es am Ende des Tages durchaus sein kann, dass alle drei Wirkmächte ihren Anteil am Wandel haben werden: das Leiden, der Zwang und die Entwicklung von Alternativen.

SPIEGEL ONLINE: Vieles ist ja schon geschehen: Deutschland hat die Energiewende und den Atomausstieg beschlossen, sogar der US-Präsident und Papst Franziskus werben für eine neue Klima- und Wirtschaftspolitik. Sind das nicht schon riesige Erfolge?

Loske: So optimistisch bin ich nicht. Wir waren an ähnlichen Punkten ja schon mal: Um 1990 entstanden der Weltklimarat und die Klimarahmenkonvention, aber das Ende der bipolaren Welt und der Siegeszug des Neoliberalismus machten die Hoffnungen auf einen Wandel zunichte. Ähnliches geschah um 2007, als Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt und Angela Merkel sich als Klimakanzlerin gab - doch dann kam die Finanzkrise und fegte den Klimaschutz erneut von der Tagesordnung. Im Ergebnis sind die klimaschädlichen Emissionen seit 1990 um mehr als fünfzig Prozent gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt stehen wir wieder an einem Scheideweg. Scheitert die politische Wende diesmal wegen der Flüchtlingskrise?

Loske: Dafür ist die Lage viel zu dramatisch - und die großen Krisen unserer Zeit sind sehr eng miteinander verbunden. Die Internationale Organisation für Migration rechnet in den nächsten Jahrzehnten mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen. Wenn der Klimawandel also eskaliert, wird es gewaltige Flüchtlingsbewegungen geben, denen gegenüber die derzeitige Krise ein leises Säuseln ist. Und diese Zusammenhänge verstehen offenbar immer mehr Entscheidungsträger.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit brauchte es allerdings große Unglücke, um die Debatte voranzutreiben: Vor allem die AKW-Explosionen in Tschernobyl und Fukushima schoben die Idee einer nachhaltigen, umweltfreundlichen Politik an. Brauchen wir eine neue Katastrophe?

Loske: Diese Denke ist beim Klimaschutz falsch, denn jenseits bestimmter Schwellen ist er irreversibel, unumkehrbar. Wenn wir also bis zur großen Katastrophe warten, ist es schon zu spät. Wir sollten jetzt aus Einsicht handeln statt auf große Unglücke zu warten. Deshalb gehört Nachhaltigkeit als Grundrecht ins Grundgesetz - und eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft muss den Kapitalismus ersetzen.


Zusammengefasst: Der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske sieht das Ende der globalen Wachstumspolitik gekommen. Er prophezeit, dass künftig allein der Klimawandel Hunderte Millionen Menschen in die Flucht treiben wird. Um den Planeten zu retten, müsse die globale Wirtschaft daher schnellstmöglich neu ausgerichtet werden: Nur noch Entwicklungsländer sollten wachsen dürfen, zudem müsse der CO2-Ausstoß radikal gesenkt werden.