DIW-Studie Rente benachteiligt Geringverdiener - weil sie früher sterben

Die gesetzliche Rente vergrößert die Ungleichheit bei den Einkommen. Das stellen DIW-Forscher in einer aktuellen Studie fest. Der Grund: Arm und Reich leben sehr unterschiedlich lang.
Ältere Arbeitnehmer in Industriebetrieb: Die Lebenserwartung hängt stark vom Einkommen ab

Ältere Arbeitnehmer in Industriebetrieb: Die Lebenserwartung hängt stark vom Einkommen ab

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Arno Burgi/DPA

Eigentlich gilt in der deutschen Rentenversicherung ein eherner Grundsatz: Wie viel Rente jemand bekommt, hängt davon ab, wie viel er oder sie zuvor eingezahlt hat. Wer in seinem Berufsleben zehn Prozent mehr Beiträge geleistet hat als der Nachbar, bekommt im Alter jeden Monat eine um zehn Prozent höhere Rente.

Der Fachbegriff für diesen Grundsatz heißt Äquivalenzprinzip. So wie das deutsche Rentensystem derzeit geregelt ist, wird dieses Prinzip allerdings verletzt - so lautet das Fazit einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Das Argument der DIW-Forscher: Statistisch ist erwiesen , dass Menschen mit geringen Einkommen deutlich früher sterben als Gutverdiener. Das wird in der Rentenformel aber nicht berücksichtigt - in ihr wird angenommen, dass die Lebenserwartung innerhalb eines Geburtsjahrgangs gleich hoch ist. Das Verhältnis zwischen eingezahlten Beiträgen und insgesamt ausgezahlten Renten ist bei Geringverdienern also erheblich schlechter als bei Menschen mit höheren Löhnen.

Dieses Argument ist an sich nicht neu. So hatte zum Beispiel im Jahr 2006 ein Forscherteam um den jetzigen SPD-Bundestagsabgeordneten und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach eine entsprechende Studie vorgelegt . Doch bislang wurden die Effekte auf Grundlage der vorliegenden Daten über die je nach Einkommen unterschiedliche Lebenserwartung in der Gesamtbevölkerung geschätzt.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch bei den Lebensjahren größer

Die DIW-Forscher haben nun aber zielgenauer berechnet, wie stark sich die Lebenserwartung speziell im Kreis der Bezieher von gesetzlicher Rente unterscheidet, also ohne Personengruppen wie Selbstständige und Beamte. Dazu werteten die Forscher unter anderem Daten der Deutschen Rentenversicherung aus - konkret von westdeutschen, männlichen Arbeitnehmern der Geburtsjahrgänge 1926 bis 1949 mit mindestens 30 Beitragspunkten. Von dieser Personengruppe liegen Daten in sehr guter Qualität vor - für Frauen und Ostdeutsche aus historischen Gründen nicht.

Die Ergebnisse:

  • Die Lebenserwartung steigt - wie zu erwarten - mit dem Lohneinkommen.
  • Der Unterschied zwischen den obersten zehn Prozent und den untersten zehn Prozent wächst dabei im Zeitverlauf stetig:
    Wer zwischen 1926 und 1928 geboren war, hatte im Alter von 65 Jahren im Schnitt noch 18,2 Jahre zu leben, wenn er zu den obersten zehn Einkommensprozent zählte - aber nur 13,9 Jahre, wenn er zu den untersten zehn Prozent gehörte. Das ist eine Differenz von 4,3 Jahren.
    Bei den Geburtsjahrgängen 1947 bis 1949 wächst diese Differenz auf 7,0 Jahre: Die oberen zehn Prozent hatten im Alter von 65 Jahren im Schnitt eine Lebenserwartung von weiteren 22,2 Jahren, die unteren zehn Prozent von 15,2 Jahren.
  • Berücksichtigt man die Lebenserwartung, erzielen die verschiedenen Einkommensklassen mit der Rente rechnerisch deutlich unterschiedliche Renditen: Für die Geburtsjahrgänge 1947 bis 1949 ist sie in der obersten Einkommensklasse mit 1,4 Prozent doppelt so hoch wie in der untersten Einkommensklasse (0,7 Prozent). Die Inflation wurde dabei schon berücksichtigt, es handelt sich also um reale Kaufkraftgewinne.

Das Rentensystem wird laut der Studie also seinem Anspruch nicht gerecht, die Ungleichheit weder zu verkleinern noch zu vergrößern. "Dies hat insofern eine Verteilungswirkung, als die Lebenseinkommen nun insgesamt, einschließlich des Renteneinkommens, ungleicher werden", sagt DIW-Forscher Daniel Kemptner.

Im aktuellen Streit über die Grundrente spielt das eine wichtige Rolle. SPD-Sozialminister Hubertus Heil will die Rente von langjährigen Versicherten mit dennoch nur niedrigen Ansprüchen deutlich erhöhen.

Einige Ökonomen argumentieren dagegen, dass Heils Pläne gegen das Äquivalenzprinzip verstoßen würden und schon deshalb nicht umgesetzt werden dürften. Mit Hans-Jürgen Papier hält ein ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts das Konzept deswegen sogar für einen möglichen Verstoß gegen das Grundgesetz .

Die DIW-Studie liefert nun Belege dafür, dass es sich auch genau andersherum verhalten könnte: Nur durch Anhebung der Rente von Menschen mit niedrigen Einkommen stehen deren Auszahlungen demnach in einem gerechten Verhältnis zu den von ihnen geleisteten Beiträgen. "Eine Grundrente würde der Verletzung des Äquivalenzprinzips entgegenwirken", sagt DIW-Forscher Kemptner.

Im Streit mit dem Koalitionspartner wird das Arbeitsminister Heil wohl dennoch wenig helfen. Denn die Union blockiert das Vorhaben vor allem deshalb, weil das Einkommen des Partners nicht berücksichtigt werden soll. So würden auch Paare profitieren, die eigentlich gut situiert seien. Überdies ist fraglich, inwieweit sich die ausschließlich auf männliche Rentner gestützten DIW-Befunde ohne Weiteres auf Frauen übertragen lassen: Die stets nur in Teilzeit arbeitende Arztgattin mag zwar eine kleine Rente haben - ihre Lebenserwartung dürfte aber überdurchschnittlich hoch sein.

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