CDU-Forderung Retten wir die Rente, wenn wir länger arbeiten?

Die Rente mit 67 geht nicht weit genug, behaupten Wirtschaftsvertreter und Unionsparteien. Doch retten wir das Rentensystem wirklich, wenn wir alle immer länger arbeiten? Die Antwort ist unangenehm.

Älterer Arbeitnehmer
imago/ Westend61

Älterer Arbeitnehmer

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Am Dienstagabend treffen sich die Spitzen der Koalition, um über die Zukunft der Rente zu sprechen. Bereits seit Ende vergangener Woche ist klar, was die Union will: Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre bis zum Jahr 2029 reicht ihr nicht. In der Zeit danach müsse der Rentenbeginn an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Nur so sei Generationengerechtigkeit zu erreichen - und das Rentensystem dauerhaft zu stabilisieren.

Doch lässt sich die Rente wirklich retten, wenn wir alle länger arbeiten?

Um diese Frage zu beantworten, hilft es, sich in Erinnerung zu rufen, weshalb das Rentensystem unter Druck ist: Die Gesellschaft überaltert. Diese demografische Entwicklung hat zwei Hauptursachen:

  • Erstens die niedrige Geburtenrate - seit Anfang der Siebzigerjahre werden zu wenige Kinder geboren, um die Altersstruktur der Bevölkerung zu erhalten.
  • Zweitens die steigende Lebenserwartung - 1960 hatte ein 65-jähriger Mann im Schnitt noch 12,2 Jahre zu leben, 2012 waren es bereits 17,7 Jahre (Frauen: 1960: 14,2 Jahre / 2014: 20,9 Jahre) (siehe Grafik).

Dass wir - im Schnitt - immer länger leben, ist zweifellos ein erfreulicher Trend. Doch gleichzeitig erhöht er unweigerlich die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung: Wer ein Jahr länger lebt, der bekommt auch ein Jahr länger Geld.
Diese Entwicklung wird sich auch in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. 2060 werden der jüngsten Bevölkerungsvorausberechnung der Experten des Statistischen Bundesamts und der Landesämter zufolge 65-jährige Männer voraussichtlich im Schnitt weitere 22 Jahre leben, Frauen weitere 25 Jahre - mehr als vier Jahre länger als derzeit.

Ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die Geburtenrate sei so hoch, dass die Zahl der Bevölkerung und ihre Altersstruktur sich nicht veränderte. Oder die Zuwanderung nähme derart zu, um diesen Effekt zu erzielen. Kurz - die erste Hauptursache der Überalterung würde behoben.
Selbst dann wäre ein höheres Renteneintrittsalter nötig, um das Rentensystem zu stabilisieren. Denn es bliebe ja weiterhin die zweite Hauptursache: die höhere Lebenserwartung.

Das wird am sogenannten Altenquotienten deutlich. Er setzt die Zahl der Menschen über 65 Jahre zur Zahl der Menschen von 20 bis 64 Jahren - also den potentiellen Beitragszahlern - ins Verhältnis. Selbst wenn man die Schwelle auf 67 Jahre erhöht, wird der Quotient im Jahr 2060 deutlich über dem jetzigen liegen (siehe Grafik). So haben es die amtlichen Statistiker in ihrer Vorausberechnung ermittelt - und dabei übrigens bereits unterstellt, dass bis zum Jahr 2060 jedes Jahr im Schnitt 130.000 mehr Menschen nach Deutschland einwandern als auswandern.

In Dänemark, den Niederlanden oder Norwegen ist deshalb bereits - in unterschiedlicher Form - eine automatische Anpassung vorgesehen: Steigt die statistische Lebenserwartung, erhöht sich auch die Altersgrenze für die Rente.

Viele Experten empfehlen das auch für Deutschland. Einige - wie der langjährige Chef der gesetzlichen Rentenversicherung, Franz Ruland - schlagen vor, das Renteneintrittsalter um ein Jahr zu erhöhen, wenn sich die Lebenserwartung um zwei Jahre verlängert. Eine solche Lösung gilt übrigens auch in der Union für denkbar. Andere halten eine Erhöhung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre für sinnvoll, wenn sich die Lebenserwartung um drei Jahre verlängert.

In jedem Fall hätte der durchschnittliche Rentner also die Aussicht, seine Rente länger zu beziehen als frühere Jahrgänge.

Doch was ist mit den Arbeitnehmern vor allem in körperlich anstrengenden Berufen? Denen es schlicht unmöglich ist, noch länger zu arbeiten? "Viele schaffen es ja heute schon nicht, bis 65 oder gar bis 67 gesund in versicherungspflichtiger Beschäftigung zu bleiben", wie Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund, feststellt. Für diese Arbeitnehmer müssten gerechte Lösungen gefunden werden. Doch das ändert nichts am grundsätzlichen Befund.

Allerdings würde selbst ein Automatismus eines späteren Rentenbeginns nicht dazu führen, dass Rentenniveau und Beitragssätze stabil blieben: Denn - anders als in unserem Gedankenexperiment - sind Geburtenrate und Zuwanderung insgesamt zu niedrig, um die Altersstruktur der Bevölkerung zu erhalten. Und außerdem spart auch eine höhere Altersgrenze nur wenig Geld: Denn Versicherte erhalten natürlich auch höhere Renten, wenn sie länger arbeiten.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage fällt also ernüchternd aus:

Wir können das Rentensystem zwar nicht allein dadurch retten, indem wir länger arbeiten - aber ohne ein höheres Renteneintrittsalter wird es mit Sicherheit nicht gehen.

Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Text aus unserem Hintergrundformat "Endlich verständlich" - Die wichtigsten Daten und Fakten zur Rente .

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insgesamt 372 Beiträge
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Seite 1
moev 08.11.2016
1.
Wie sieht es mit der Qualität der letzten Lebensjahre aus? Was bringen mir 2 Jahre länger leben und Rente beziehen wenn ich diese beiden als lebende Mumie ans Bett gefesselt verbringe und 3x täglich vom Pfleger mit Brei gefüttert werde weil ich weder kauen noch alleine einen Löffel halten kann? Aber Hauptsache eins der Jahre als ich noch halbwegs konnte mit Arbeit vergeudet damit ich diese zwei Jahre an meinen Körper gefesselt den Tod herbeisehnend meine Rente genießen darf.
fisschfreund 08.11.2016
2. Super Sache,
dann überdenken sicher diese Wirtschaftvertreter und -unternehmen, die immer höhere Eintrittsalter fordern bestimmt auch ihre gängige Praxis, Menschen über 40 (oder noch ältere) nicht einzustellen,..oder?
max-mustermann 08.11.2016
3. hohe Geburtenrate für die Rente
Was nützt es denn bitte wenn wir eine hohe Geburtenrate haben aber die Kinder hinterher keine Arbeit bekommen oder eine prekäre Stelle wo keine Sozialabgaben geleistet werden ? Schon heute haben wir ein Heer von Arbeitslosen und nidriglöhnern die keinerlei Chance haben einen ordentlich bezahlten Job zu bekommen, und dieses Heer wird dank immer weiter fortschreitender Automatisierung und Digitalisierung in Zukunft immer größer werden.
schamot 08.11.2016
4. Wir retten nur damit den Beamtenapparat
und deren Pensionen, die nicht angefasst werden dürfen. Ein absolutes Tabuthema
kritischer-spiegelleser 08.11.2016
5.
Sicher muss das Renteneintrittsalter automatisiert werden. Damit die SPD nicht jährlich daran rumschrauben kann. Aber die Rente sollte sich auch am Einkommen orientieren. Und da sollten mindestens 55% des letzten Einkommens berücksichtigt werden. Für Arbeiter, Angestellte und Beamte! Und der Staat muss dafür sorgen dass alle einzahlen und von den einkassierten Steuern in der Rentenphase eben etwas zurückgeben und Lücken ausgleichen. Und nicht Überschüsse sofort abschöpfen. Dann wäre das schon machbar dass man davon leben kann.
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