Altersvorsorge Frauen erhalten in Deutschland nur halb so viel Rente wie Männer

Bei den Renten klafft eine große Lücke: Frauen erhalten im Schnitt 53 Prozent weniger Geld als Männer. Die Kluft wird zwar stetig kleiner - eine vollkommene Angleichung wird aber noch Jahrzehnte dauern.
Senioren in Geesthacht bei Hamburg

Senioren in Geesthacht bei Hamburg

Foto: Christian Charisius/ dpa

Die Rente ist ein Spiegel des Arbeitslebens. Das liegt am Prinzip des deutschen Rentensystems: Wer viel eingezahlt hat, bekommt viel heraus - und umgekehrt. Dieser Grundsatz führt zu einer erheblichen Lücke zwischen den Geschlechtern: Laut den aktuellsten Daten für 2015 bezieht eine Frau im Schnitt nur 47 Prozent der Altersbezüge eines Mannes. Die Rentenkluft zwischen den Geschlechtern beträgt also 53 Prozent.

Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Berücksichtigt wurden dabei alle drei Säulen der Altersvorsorge in Deutschland - außer der gesetzlichen Rentenversicherung also auch die betriebliche sowie die private Altersvorsorge.

Damit hat sich der sogenannte Gender Pension Gap im Vergleich zur Situation im Jahr 2011 zwar um vier Prozentpunkte verringert - und die Bundesregierung geht laut ihrer Antwort davon aus, dass sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen wird. Allerdings schließt sich die Lücke sehr langsam. In den vier Jahren vor 2011 schloss sich die Lücke nur um zwei Prozentpunkte, insgesamt wurde sie seit 1995 um 16 Prozentpunkte kleiner, also um durchschnittlich 0,8 Prozentpunkte im Jahr.

"Noch bis etwa 2080 wird es bei jetzigem Tempo dauern, bis die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern geschlossen ist", konstatiert Katrin Göring-Eckardt. Dies müsse beschleunigt werden, fordert die Grünen-Fraktionschefin - durch Lohngerechtigkeit, ein Rückkehrrecht auf Vollzeit und ein besseres Angebot der Kinderbetreuung.

Tatsächlich ist es schlicht logisch, dass mit einer vollständigen Angleichung der Einkommen im Alter erst in einigen Jahrzehnten zu rechnen ist, wenn überhaupt. Das wird deutlich, wenn man einige Faktoren betrachtet, die einer Studie des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts aus dem Jahr 2016 zur aktuellen Rentenlücke geführt haben:

  • niedrige Erwerbsbeteiligung: Frauen waren weit häufiger gar nicht berufstätig als Männer - das hat sich inzwischen deutlich geändert, noch immer liegt die Quote berufstätiger Frauen etwas niedriger als die der Männer.
  • hohe Teilzeitquote: Frauen arbeiten häufiger Teilzeit als Männer - das gilt insbesondere für Mütter.
  • häufige und längere Erwerbsunterbrechungen, etwa durch Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen
  • Frauen haben häufiger als Männer Minijobs ohne Rentenversicherung.
  • niedrigere Entgelte: Selbst wenn man Faktoren wie die Unterbrechungen im Erwerbsleben und die Teilzeitquote, ja sogar geschlechtsspezifische Vorlieben bei der Berufswahl herausrechnet, verdienen Frauen laut Statistischem Bundesamt immer noch sechs Prozent weniger als Männer. Früher, als die jetzigen Rentnerinnen im Berufsleben standen, war die Lücke noch größer.

Selbst wenn alle diese Faktoren über Nacht verschwänden, wäre die Rentenlücke also erst in mehr als 60 Jahren ganz geschlossen, denn auch heute 40-jährige Frauen haben im Schnitt bereits wesentlich weniger Rentenansprüche angesammelt als gleichaltrige Männer. Das wird sich statistisch auch noch in 45 Jahren niederschlagen, wenn diese Frauen 85 Jahre alt sind und dementsprechend weniger Rente beziehen werden.

Das erklärt auch, weshalb die Lücke in Ostdeutschland mit 28 Prozent erheblich kleiner ist - hier schlägt sich noch immer nieder, dass Frauen in der DDR wesentlich häufiger und länger arbeiteten.

Grundsätzlich könnte sich die Rentenlücke also durch einzelne Reformen schneller verkleinern - zum Beispiel durch die Einführung von Mindestrenten. Die SPD fordert etwa eine Solidarrente, die Grünen eine Garantierente. Grundsätzlich steckt dahinter die Idee, dass Menschen, die lange in die Rente eingezahlt haben, im Alter mehr Geld haben sollen als jene, die nie eingezahlt haben und in die Grundsicherung fallen.

Dies würde besonders oft Frauen zugutekommen, die durch langjährige Teilzeitarbeit oft eine Rente unterhalb der Grundsicherung bekommen. Sie hätten übrigens auch dann mehr Geld, wenn die gesetzliche Rente nicht mehr wie bisher voll auf die Grundsicherung angerechnet würde - allerdings würde das die statistische Rentenlücke nicht verringern, da sich ja die Höhe der gesetzlichen Rente nicht ändern würde.

Ohnehin bedeutet die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern nicht automatisch, dass der Lebensstandard im gleichen Maßstab auseinanderklafft. Viele Frauen mit eigener niedriger Rente sind mit einem Mann mit relativ hoher Rente verheiratet. Auch nach dem Tod des Ehemanns müssen diese Frauen dann nicht allein mit ihrer eigenen Rente zurechtkommen, sondern erhalten Witwenrente.

Wie groß dieser Effekt sein kann, zeigen exemplarisch die Bezüge aus der Betriebsrente - im Schnitt erhalten hier Witwen mehr Geld aus der Betriebsrente ihrer verstorbenen Männer als Frauen aus ihrer eigenen Vorsorge.

Dieser ausgleichende Ehe-Effekt wird in Zukunft in gleichem Maße schwächer werden, wie sich in der Vergangenheit die Zahl der Ehescheidungen erhöht hat. Insbesondere die in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsene Gruppe von Alleinerziehenden ist von Altersarmut bedroht. Betroffene Frauen arbeiten oft nur Teilzeit und stellen die berufliche Karriere zugunsten der Kinderbetreuung zurück.

Das gilt allerdings auch für Frauen in Paarbeziehungen, die nach der Geburt eines Kindes im Schnitt deutlich weniger arbeiten als ihre Partner - was zeigt, dass die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern nicht allein durch Gesetze geschlossen werden kann.

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