Risiko Atomkraft Forscher errechnen horrende Haftpflicht-Kosten für AKW

Diese Studie dürfte der Atomlobby gar nicht gefallen. Erstmals haben Forscher der Finanzbranche untersucht, wie teuer eine Haftpflichtversicherung für ein Kernkraftwerk wäre. Das Ergebnis: Es geht um zig Milliarden Euro - und am Ende zahlt der Bürger.
Strahlungsmessung nahe Fukushima: Atomkraft ist unversicherbar

Strahlungsmessung nahe Fukushima: Atomkraft ist unversicherbar

Foto: AFP/ Greenpeace

Hamburg - Markus Rosenbaum hat an diesem Mittwoch eine Studie veröffentlicht, die für Aufsehen sorgen dürfte. Rosenbaum ist Geschäftsführer der Versicherungsforen Leipzig GmbH, einem Dienstleister, der für mehr als hundert Firmen der Versicherungsbranche Studien erstellt. Oft geht es dabei um die Kosten und Chancen von Geschäftsmodellen in der Assekuranz. Rosenbaums neueste Studie aber ist ein Politikum: Sie befasst sich mit der Frage, ob Atomkraftwerke versicherbar sind - und wer die Kosten eines möglichen Super-GAU in Deutschland trägt.

Es ist das erste Mal, dass Forscher aus der Versicherungsbranche selbst diese Rechnung aufmachen. Erstellt wurde die Studie im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE).

"Um die Antwort vorwegzunehmen: Atomkraftwerke sind nicht versicherbar", sagt Rosenbaum. Die Kosten seien so astronomisch, dass kein Versicherer sie je übernehmen würde. Das aber stellt die Gesellschaft vor ein Problem: Weil die Kosten für ein einzelnes Energieunternehmen viel hoch wären, muss im Falle eines Falles der Steuerzahler einspringen. So wie beim japanischen Kraftwerk Fukushima.

In Deutschland ist das gleich doppelt problematisch. Denn der Gesellschaft werden Kosten aufgebürdet, die sie gar nicht tragen will: Umfragen zufolge sind rund 70 Prozent der Bürger gegen Atomenergie.

Maximalschaden von 6000 Milliarden Euro

Wie gewaltig die gesellschaftlichen Belastungen sind, deutet sich seit Montag in Japan an: Tepco, der Betreiber der Atomruine Fukushima, beantragte offiziell Staatshilfe. Allein für das laufende Geschäftsjahr benötigt der Konzern rund 8,6 Milliarden Euro. Ohne Staatshilfe stünde der Energieriese bald vor dem Aus - was die Stromversorgung des ganzen Landes gefährden würde. Analysten taxieren die fälligen Entschädigungszahlungen für das Reaktorunglück mittlerweile auf 86 Milliarden Euro. Spätfolgen noch nicht eingerechnet.

"Tatsächlich dürfte das Unglück von Fukushima viel teurer werden", vermutet Rosenbaum. So haben die Untersuchungen der Versicherungsforen Leipzig ergeben, dass Reaktorunfälle noch Jahrzehnte nach dem eigentlichen Unglück gewaltige Kosten verursachen. Zu berücksichtigen seien unter anderem:

  • Ausgaben für die Versorgung von Menschen, die an Krebs erkranken,
  • Entschädigungen für Angehörige von Unfallopfern,
  • Kosten für die Beseitigung von Naturschäden und Trinkwasserverschmutzungen sowie die Wiederherstellung von Infrastruktur,
  • Schadensersatzzahlungen für Produktionsausfälle und volkswirtschaftliche Schäden.

Ein vierköpfiges Wissenschaftlerteam aus Rosenbaums Unternehmen hat versucht, die Gesamtkosten zu beziffern, die ein Versicherer einkalkulieren müsste, um ein Atomkraftwerk zu versichern. Sie stützen sich dabei auf rund zehn Erhebungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu diesem Thema angefertigt wurden. Deren Berechnungen haben sie miteinander abgeglichen, in Beziehung gesetzt und zudem eigene Berechnungen angestellt.

Insgesamt kommen die Versicherungsprofis auf einen zu erwartenden Maximalschaden von rund 6000 Milliarden Euro. Um einen Super-GAU zu versichern, müsste dieser Betrag zunächst einmal vorhanden sein. Das Geld müsste also erst angesammelt werden, beispielsweise über Umlagen auf den Strompreis.

AKW-Betreiber halten nur drei Milliarden Euro Rückstellungen bereit

Derzeit kostet Atomstrom in der Herstellung rund zwei Cent je Kilowattstunde. Würde man die Versicherungskosten über zehn Jahre hinweg erheben, wären Aufschläge von knapp vier Euro pro Kilowattstunde nötig. Und selbst wenn man die Versicherungskosten auf 50 Jahre streckt, lägen die Aufschläge noch immer bei gut einem halben Euro. Solche Kosten könnte man keinem Verbraucher zumuten.

Das Fazit der Wissenschaftler lautet daher: Atomstrom ist nicht versicherbar. Kein Wunder, dass sich noch kein deutsches Assekuranz-Unternehmen für dieses potentielle Geschäftsfeld interessiert hat.

Die Studie hat einige Pferdefüße, die man benennen sollte:

  • So muss man berücksichtigen, wer Auftraggeber war: Der Bundesverband Erneuerbare Energie ist eine Lobbygruppe, die gegen Atomkraft kämpft und ein Interesse daran hat, öffentlich Stimmung gegen diese Art der Energieerzeugung zu machen.
  • Ebenso kann man die Rechenweise der Versicherungsforen Leipzig problematisieren: Schließlich legen sie die Maximalkosten eines Super-GAU einfach 1:1 auf den Strompreis um. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass ein Super-GAU - beziehungsweise ein Ereignis, das einen solchen auslösen kann - statistisch gesehen nur sehr selten eintritt.
  • Auch sollte man berücksichtigen, dass das Versicherungsmodell, das angelegt wird, eher untypisch ist: Denn eine Haftpflichtversicherung ist üblicherweise nach oben gedeckelt - nicht so die angenommene AKW-Versicherung.

Das Argument, dass die Kosten einer Atomkatastrophe für eine Gesellschaft nicht tragbar sind, ist aber trotzdem richtig. Denn es wäre für Versicherer bereits unrentabel, auch nur ein Bruchteil der maximalen Schadenssumme zu versichern. Deutschlands Energiekonzerne selbst aber haben nur Rückstellungen in Höhe von rund drei Milliarden Euro gebildet - was im Ernstfall nie reichen würde.

So trägt am Ende der Bürger die Kosten. Und Fukushima hat gezeigt, dass ein Super-GAU nicht nur eine stochastische Größe ist - und dass sich eine solche Katastrophe auch in einem hochtechnisierten Land ereignen kann.

"Ein Argument mehr, schnell aus der Kernkraft auszusteigen"

Entsprechend sind die Reaktionen auf die Studie: "Das Ergebnis zeigt, wie selektiv die Debatte um die Kosten unserer Energieversorgung geführt wird", sagt Björn Klusmann vom Bundesverband Erneuerbare Energie. "Die Bundesregierung behauptet, dass sie einen anspruchsvollen Opferschutz im Falle einer nuklearen Katastrophe will", sagt der Grünen-Abgeordnete Hans-Josef Fell. "Davon kann bei geltendem Recht keine Rede sein." Nach Fukushima müsse sie diesen Worten dringend Taten folgen lassen.

Selbst in der FDP halten einige Abgeordnete das Risiko Kernkraft nicht länger für tragbar. "Ich halte die Kosten für nicht umlegbar", sagt der liberale Abgeordnete Horst Meierhofer. "Das ist ein Argument mehr dafür, schnell aus der Kernkraft auszusteigen."

Das Deutsche Atomforum, die Interessenvertretung der Kernkraftbetreiber, wollte die Studie der Versicherungsforen Leipzig nicht kommentieren. Es verweist aber darauf, dass man die eigene Position zur Atomhaftung schon etliche Male dargestellt habe. Auf der Web-Seite des Verbands findet sich allerdings kein wirklich stichhaltiges Gegenargument gegen potentiell hohen Kosten für Verbraucher. Dort steht nur zu lesen, dass das Thema aus Sicht des Atomforums "oftmals verkürzt und unscharf dargestellt wird". Die Absicherung im Haftungsfall halte man für ausreichend.

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