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25. Februar 2010, 15:37 Uhr

Riskante Kreditversicherungen

Großbanken spekulieren mit Griechen-Krise

Die Zocker sind zurück: Internationale Geldhäuser kaufen laut "New York Times" massenhaft Kreditversicherungen und schließen damit Wetten auf eine mögliche Staatspleite Griechenlands ab. Dieselben Institute sollen an der Verschuldung des Landes verdient haben.

Hamburg - Es ist dasselbe Prinzip, das im September 2008 der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers den Rest gab. Doch dieses Mal ist das Opfer keine Bank, sondern ein ganzer Staat: Griechenland.

Das hochverschuldete Land im Süden Europas droht laut "New York Times" durch einen massiven Angriff von Spekulanten in den Ruin getrieben zu werden. Bezeichnenderweise seien an den Spekulationen vor allem jene Banken beteiligt, die Griechenlands Haushalt andererseits stabilisieren, indem sie dem Staat seine Anleihen abkaufen. Mit anderen Worten: Die Banken sind an der hohen Verschuldung Griechenlands beteiligt - und wetten nun auf eine Pleite des Staats.

Zu den Instituten, die mit Griechenlands Staatsschulden spekulieren, gehören dem Bericht zufolge die Credit Suisse und die UBS , die Société Générale , die BNP Paribas - und die Deutsche Bank . Die Deutsche Bank wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst nicht äußern. Am Abend jedoch dementierte ein Sprecher des Instituts die Vorwürfe: "Die Deutsche Bank beteiligt sich nicht an Spekulationen gegen Griechenland."

Das Prinzip, mit dem die Spekulanten Griechenland schaden, ist schnell erklärt: Ein Dutzend Banken, darunter die amerikanischen Schwergewichte Goldman Sachs und JP Morgan , haben einen Index entworfen, an dem sich ablesen lässt, wie hoch das Risiko ist, dass Griechenland oder andere Schuldenstaaten (siehe Infobox links) pleite gehen. Dieser Index heißt laut dem Bericht iTraxx SovX Western Europe Index; er wurde im September 2009 von der Markit Group of London vorgestellt.

Preise für die Versicherung griechischer Staatsanleihen explodieren

Seine Berechnungsgrundlage seien sogenannte Credit Default Swaps, das sind, vereinfacht gesagt, Versicherungen auf Kreditausfälle. In diesem Fall: Staatsschulden, die im Falle einer Pleite Griechenlands nicht zurückgezahlt werden könnten.

Im Falle einer Staatspleite würden diejenigen profitieren, die die Swaps besitzen. "Es ist, als kaufe man eine Feuerschutzversicherung für das Haus des Nachbarn", sagte Philip Gisdakis, Chefberater für Kreditgeschäfte bei der Bank UniCredit, der "New York Times". "Sie schaffen einen Anreiz, das Haus abzubrennen."

Tatsächlich destabilisieren die Credit Default Swaps die Lage in dem verschuldeten Staat. Denn allein schon durch den Massenkauf der Papiere schießt ihr Preis in die Höhe. Dies sieht dann so aus, als ob sich die reale Lage in Griechenland verschlimmert hätte - was gar nicht unbedingt der Fall sein muss.

Dem Bericht zufolge verteuerte sich die Absicherung von zehn Millionen Euro griechischer Staatsschulden von Januar bis Februar um mehr als 100.000 Euro. Ein solcher Preisanstieg aber alarmiert die Käufer griechischer Staatsanleihen, so dass es für die Regierung in Athen immer schwieriger wird, ihre Schulden zu refinanzieren.

Angst vor einem zweiten Fall Lehman

Eine Abwärtsspirale setzt ein: Die Möglichkeit, dass der Staat auf seinen Schulden sitzen bleiben könnte, verschärft die Angst am Markt, die Preise für Kreditversicherungen schießen noch weiter in die Höhe, noch weniger Anleger kaufen die Staatsanleihen - die Situation verschärft sich immer mehr. Und da Griechenland Mitglied der europäischen Währungsunion ist, destabilisiert die von Spekulanten angeheizte Panik letztlich den Euro .

Möglicherweise verzocken sich die Banken aber auch: Sollte Griechenland tatsächlich pleite gehen, wären die von ihnen gekauften Staatsanleihen nichts mehr wert. Das System funktioniert also nur, solange die Regierung in Athen weiter zahlen kann. Da im Zweifel aber die EU - und Deutschland - Griechenland nicht fallen lassen dürften, ist das Risiko für die Banken überschaubar: Sie verdienen an ihren Kreditversicherungen - und gleichzeitig an den steigenden Zinsen für die griechischen Staatsanleihen.

Händler diskutieren laut "New York Times" deshalb darüber, was die griechischen Haushaltsprobleme derzeit tatsächlich verschlimmert: die hohen Schulden - oder eine von Spekulanten angetriebene Panik. Experten warnen schon vor einem zweiten Fall Lehman - dem erneuten Zusammenbruch einer systemischen Finanzgröße, die Schockwellen durch die globalen Geldmärkte sendet und letztlich Hunderte Milliarden Euro Kapital vernichtet.

"Credit Default Swaps geben die Illusion von Sicherheit", sagt Sylvain Raynes, Experte für strukturierte Wertpapiere beim Finanzdienstleister R&R Consulting, der "New York Times". "Doch in Wahrheit vergrößern sie die systemimmanenten Risiken."

Tatsächlich würde eine griechische Staatspleite Deutschlands Banken teuer zu stehen kommen: Nach SPIEGEL-Informationen hält die Hypo Real Estate griechische Staatsanleihen in Höhe von 9,1 Milliarden Euro. Die Commerzbank, an der der Bund ebenfalls beteiligt ist, hält Griechenland-Papiere im Volumen von 4,6 Milliarden Euro. Auch angeschlagene Landesbanken haben im großen Stil griechische Anlagepapiere gekauft, die LBBW für 2,7 Milliarden Euro, die BayernLB für 1,5 Milliarden Euro.

ssu

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