Handygebühren Nach dem Roaming-Aus drohen "AfD-Tarife"

Ab Juni darf Telefonieren im EU-Ausland nicht mehr teurer sein als daheim. Anbieter versuchen das nun mit Tricks wie den "Allein-für-Deutschland"-Tarifen zu unterlaufen. Für Nutzer gibt es zwei Gegenstrategien.

Jugendliche beim Telefonieren
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Jugendliche beim Telefonieren

Eine Kolumne von


Europa liefert. Zum Beispiel beim Telefonieren. Im vergangenen Herbst beschlossen die EU-Länder, dass künftig das Telefonieren mit dem Handy aus einem EU-Land in ein anderes nicht mehr kosten darf als das Telefonieren von München nach Starnberg oder von Berlin nach Prenzlau. Zur 60-Jahr-Feier der Europäischen Union hat das mancher zu den fünf wichtigsten Errungenschaften der EU aus jüngeren Jahren gerechnet.

Toll. Nach einem Jahrzehnt des Kampfes von Verbrauchern und ihren gewählten Vertretern hat das Abkassieren der großen Telefongesellschaften ein Ende. Telefongesellschaften, die deutlich höhere Preise fürs Telefonieren, Surfen und Simsen von Emmerich nach Arnhem als von Emmerich nach Kleve berechnet hatten.

Mitte Juni soll es so weit sein - keine Roaming-Kosten mehr. Doch wie nicht anders zu erwarten, versuchen einzelne Mobilfunkanbieter jetzt, die Regeln des neuen, verbraucherfreundlichen Europas zu unterlaufen.

Der Telefonkonzern Drillisch, der eine Reihe von Billigmarken für mehr als 2,5 Millionen Kunden betreibt, schrieb SMS-Nachrichten und E-Mails an die Kunden seiner besonders preiswerten Marke Winsim, in denen stand, dass ab Ende April das mobile Telefonieren grundsätzlich deutlich teurer werden soll: "Sie brauchen nichts unternehmen. Der Vertrag wird automatisch für Sie umgestellt." Nur wer den entsprechenden Text im Online-Kundenbereich zu Ende liest, erfährt im letzten Satz, dass er dieser Änderung auch widersprechen kann.

Womit wir beim Kern meiner heutigen Botschaft wären. Verträge gelten nicht nur für Kunden, sondern auch für Anbieter. Ein Anbieter kann die Bedingungen solcher Verträge nicht einfach so einseitig verändern. Der Kunde hat dann ein Widerspruchsrecht. Und das bedeutet, dass sich jedenfalls während der Laufzeit des vereinbarten Vertrags erst einmal nichts ändert. Der Kunde kann also das bisherige günstige Angebot weiter nutzen - auch bei der Firma Drillisch und ihrer Marke Winsim.

Datenvolumen als Lockmittel in teure Tarifmodelle

Besonders wertvoll sind solche Verträge für Kunden, die gerade erst einen supergünstigen Zwei-Jahres-Tarif abgeschlossen haben. Sie haben sich für viele Monate den alten, günstigen Preis gesichert. Kunden, die sich für einen eigentlich besseren, weil flexibleren, monatlich kündbaren Vertrag entschieden haben, haben möglicherweise das Nachsehen: Wie die Kunden hat auch Drillisch das Recht, den Vertrag in der kurzen Frist zu kündigen.

Andere Anbieter, andere Strategien: Telekom, Vodafone und Telefónica hatten sich lange gegen die Abschaffung der Roaming-Gebühren gewehrt. Telefónica, die Mutter von O2 und nach Kundenzahl inzwischen größter Anbieter in Deutschland, hatte bis zuletzt auf sinkende Umsätze und Verluste im deutschen Markt verwiesen. Nachdem alles Lobbyieren nicht geholfen hat, versuchen die Unternehmen jetzt durch sogenanntes Upselling an das Geld der Kunden zu kommen - also mehr Leistung für einen höheren Preis.

Die Telekom etwa erhöht ihre Preise vorerst nicht, probiert aber, ihre 40 Millionen Kunden systematisch in die teureren Tarifmodelle zu locken. Der preiswerteste Tarif Magentamobil S bleibt das Stiefkind. In den teureren Tarifen Magentamobil M und L kann man hingegen ab 19. April beim Surfen zahlreiche Streamingdienste für Musik und Video ohne Verbrauch von Datenvolumen nutzen.

Ein attraktives Angebot, aber auch ein kostspieliges. Magentamobil M kostet schon in den ersten 24 Monaten jeweils 35,95 Euro, danach wird der Dienst noch einmal um 9 Euro teurer. Magentamobil L liegt bei 44,96 bzw. dann 54,95 Euro und ist also noch mal fast 10 Euro teurer.

Auch Vodafone bietet jetzt bei seinen teuren Red-Tarifen Bestandskunden doppelt so viel Datenvolumen an.

Für den normalen Nutzer wird die Tariflandschaft bei den Handyverträgen durch diese Bewegungen eher noch unübersichtlicher, als sie schon vorher war. Verkürzt gesagt lassen sich daher zwei Erfolg versprechende Strategien für Kunden identifizieren.

  • Die erste: Man sucht sich die günstigste Allnet-Flat für das Netz der Wahl. Wer als Großstadtkind mit dem O2-Netz gut klarkommt, kann nach wie vor für rund 10 Euro im Monat ein ordentliches Paket aus Flatrate in alle Netze, unbegrenzt vielen SMS und 1 bis 2 Gigabyte Datenvolumen buchen. Wer (vor allem auf dem Land) ein besseres Netz braucht, bekommt mit der Callya-Allnet-Flat von Vodafone einen Tarif im D-Netz ein ordentliches und vergleichsweise preiswertes Angebot für rund 24 Euro im Monat (beworben mit 22,50 Euro für vier Wochen).
  • Wer mehr oder weniger Daten will oder andere Extras braucht, der kommt in der schönen neuen Welt der Smartphone-Tarife ohne einen guten Handy-Tarifrechner nicht aus. Der zeigt dann auch dem Kunden, der unbedingt für 5 Gigabyte im Monat surfen und streamen sowie im Netz der Telekom oder von Vodafone sein will, die beste Option. Für jedes Mittelgebirgstal der beste Empfang, das günstigste Angebot.

Eines lässt sich jetzt schon sagen: Die neueste Masche der Billiganbieter, das Telefonieren und Surfen im Ausland mit sogenannten National-Tarifen ganz zu unterbinden, wird bei den Nutzern sicher nicht auf viel Gegenliebe stoßen.

Wieder ist es die Firma Drillisch, die mit Tarifen experimentiert, die gleich hinter der Grenze ins polnische, niederländische, französische oder österreichische Ausland den Dienst komplett versagen. Damit sollen wohl die neuen Roaming-Regeln der EU ausgehebelt werden. Statt kostenlosem Roaming also gar kein Roaming. Die neuen "AfD-Tarife" ("Allein-für-Deutschland"-Tarife) von Yourfone und Deutschlandsim eignen sich aber höchstens, wenn man allen Auslandskontakten prinzipiell abschwört. Das haben sich die EU-Abgeordneten sicher anders gedacht.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


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Seite 1
patrikk 08.04.2017
1. Klar wird es teurer, war so gewünscht
Die Preise steigen, weil das Roaming nun von allen Anbietern pauschal im Tarif einkalkuliert wird - egal ob der Kunde diese Mehrleistung überhaupt beansprucht oder nicht. Beispielsweise muss die Dt. Telekom, um in Frankreich ihren Kunden Netz anbieten zu können, diese Netz-Ressourcen z.B. bei Orange einkaufen - Orange vergibt seine Kapazitäten aber nicht gratis an andere Firmen; auch wenn die EU diese Kosten nicht mehr auf der Rechnung sehen will. Schließlich zahlen Firmen vor Ort viel Geld für Frequenzen, Ausbau und Netzbetrieb. Mir war das alte Modell lieber, bei Bedarf zahlen, was ich verbrauche - die Preise waren mittleicherweile in einem normalen Rahmen.
serum_user 08.04.2017
2. Egal,
Wenn die deutschen Verträge zu teuer sind, hole ich mir einen im EU-Ausland. Mal sehen, wer dann das Nachsehen hat?!
Chinainteressierter 08.04.2017
3. Warum kostet telefonieren in den USA und China ..
Zitat von patrikkDie Preise steigen, weil das Roaming nun von allen Anbietern pauschal im Tarif einkalkuliert wird - egal ob der Kunde diese Mehrleistung überhaupt beansprucht oder nicht. Beispielsweise muss die Dt. Telekom, um in Frankreich ihren Kunden Netz anbieten zu können, diese Netz-Ressourcen z.B. bei Orange einkaufen - Orange vergibt seine Kapazitäten aber nicht gratis an andere Firmen; auch wenn die EU diese Kosten nicht mehr auf der Rechnung sehen will. Schließlich zahlen Firmen vor Ort viel Geld für Frequenzen, Ausbau und Netzbetrieb. Mir war das alte Modell lieber, bei Bedarf zahlen, was ich verbrauche - die Preise waren mittleicherweile in einem normalen Rahmen.
.. dann vergleichbar oder deutlich weniger, bei größerem Gesamtnetz? Die Konzerne müssen zu Optimierungen gezwungen werden. Als jemand der privat und geschäftlich häufig in EU-Ländern unterwegs ist, ist die jetzige Trennung an der Landesgrenze unverständlich und unfassbar nervend.
Trockenfisch 08.04.2017
4. DIe EU hat sich das anders gedacht!
Ja die EU vielleicht aber die Abgeordneten die der Lobby folgen die dachten sich schon was dabei das sie die Abschaffung der Roaminggebühren so formuliert haben das die Mobilfunkanbieter ein Schlupfloch finden können und das in kürzester Zeit. Es gilt auch hier die Weisheit: "Gesetze sind wie Telegrafenmasten, drüberspringen geht nicht aber drumherumgehen." Wenn die Mobilfunkanbieter in der gesamten EU durch das Gesetz gezwungen wären ihre Tarife auch innerhalb der EU anzubieten wär es Essig mit den Tricksereien. Oder die Lobby hätte wieder einen Passus eingebracht der doch einen fiesen Trick ermöglicht hätte. Wir werden nicht von dem Parlament regiert sondern von der Industrie. Die Leute in der Politik halten nur die Hand auf und machen sich ein schönes Leben.
nickellasso 08.04.2017
5. kleines Detail vergessen
mag sein, dads Drillisch hier probiert, was man den Kunden verkaufen kann, aber wenn schon die saftigen Preise der Telekom und von Vodafone genannt werden kann man auch erwähnen, dass bei den meisten Drillisch Tarifen deutlich weniger Geld den Besitzer wechselt. Für meine Kids sind Verträge für zwei Euro weniger pro Monat, dafür ohne Roaming perfekt. Von den 24?p.a. kann ich locker im Urlaub eine passende Prepaid Karte kaufen. Oder halt nicht. You get what you pay for.
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