»Weniger Verbrauch das A und O« Habeck hält Gaslieferstopp für verkraftbar

Wirtschaftsminister Robert Habeck traut Deutschland zu, einen Gasboykott im Winter durchzustehen – wenn die Verbraucher mithelfen. Die EU rechnet mit weiteren 195 Milliarden Euro Kosten, um bei Energie unabhängig von Russland zu werden.
Wirtschaftsminister Robert Habeck: »Mehr Effizienz«

Wirtschaftsminister Robert Habeck: »Mehr Effizienz«

Foto: Political-Moments / IMAGO

Es ist eine Mutmacher-Botschaft, aber zugleich auch ein Appell an die Verbraucher: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hält es für möglich, dass Deutschland schon im kommenden Winter einen russischen Gasboykott verkraften könnte.

»Wenn wir zum Jahreswechsel volle Speicher haben, wenn zwei der vier von uns angemieteten schwimmenden LNG-Tanker schon am Netz angeschlossen sind und wenn wir deutlich an Energie sparen, können wir im Fall eines Abrisses der russischen Gaslieferungen einigermaßen über den Winter kommen«, sagte Habeck der »Wirtschaftswoche«.

Zugleich plädierte der Grünenpolitiker fürs Energiesparen. »Weniger Verbrauch ist das A und O beim Gas.« Wenn es gelinge, zehn Prozent einzusparen über die nächsten zwei Jahre in der Industrie und bei privaten Haushalten, so der Minister, »dann sind das die entscheidenden Prozente, um nicht in eine Notlage zu geraten. Da sollten alle mitmachen. Mehr Effizienz ist ein wesentlicher Hebel gegen Putin«, sagte er.

Zwei der vier für Deutschland georderten Flüssiggas (LNG)-Schiffe ersetzen laut Habeck bereits knapp ein Viertel der russischen Erdgasimporte. Trotz der Fortschritte warnte Habeck vor den wirtschaftlichen Risiken eines Gasstopps: »Auch unter den genannten Voraussetzungen wären die Gaspreise dann sicherlich sehr hoch und die Speicher am Ende des Winters leer.«

Deutschland ist stark von russischem Gas abhängig. Forderungen etwa nach einem Gasembargo sind daher umstritten. Jüngsten Angaben des Wirtschaftsministeriums zufolge sank die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas seit Kriegsbeginn immerhin von zuvor 55 Prozent auf etwa 35 Prozent. Bis Sommer 2024 ist demnach eine schrittweise Verringerung auf zehn Prozent des Gasverbrauchs möglich.

EU forciert Strategie für Unabhängigkeit von Russland

Auch EU-weit wird an Plänen gearbeitet, um von russischer Energie loszukommen. Laut Analysen der EU-Kommission müssen dazu in den nächsten fünf Jahren zusätzlich 195 Milliarden Euro investiert werden.

Mitte nächster Woche wird die Behörde voraussichtlich ihren Plan vorstellen, um die EU langfristig ohne fossile Brennstoffe aus Russland mit Energie zu versorgen. Dafür will die Kommission ehrgeizigere Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien und beim Energiesparen setzen, berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf einen Entwurf. Sie verweist zugleich darauf, dass dieser noch geändert werden könnte.

Ziel der Strategie ist es demnach, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland rasch zu verringern, indem die Energiewende vorangetrieben wird. Bis 2030 sollen daher 45 Prozent der Energie in der EU aus erneuerbaren Quellen kommen, statt wie bisher geplant 40 Prozent. Das würde die Kapazität für saubere Energie auf 1236 Gigawatt steigern, im Vergleich zu 511 Gigawatt heute – mehr, als im EU-Klimapaket ursprünglich vorgesehen war.

Die Anzahl der Solarstromanlagen soll sich dem Entwurf zufolge bis 2028 mehr als verdoppeln, auf 300 Gigawatt. Die Kommission setzt auch auf klimafreundlichen Wasserstoff, der etwa aus Ökostrom produziert wird. Bis 2030 sollen zehn Millionen Tonnen davon in der EU produziert und weitere zehn Millionen Tonnen importiert werden.

Gleichzeitig wird vorgeschlagen, den Energieverbrauch bis Ende des Jahrzehnts um mindestens 13 Prozent zu senken, statt – wie bisher vorgesehen – um neun Prozent.

Die Umsetzung der Ziele liege im großen Teil bei den Ländern, die etwa Gelder aus dem Corona-Aufbaufonds für Reformen nutzen könnten, heißt es demnach.

Insgesamt könnte die EU durch die Strategie pro Jahr etwa 80 Milliarden Euro an russischen Gasimporten sparen, zwölf Milliarden an Ölimporten und 1,7 Milliarden an Kohleimporten, so der Entwurf.

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»Die Lehre aus der jetzigen Situation muss sein, dass wir uns niemals mehr so abhängig von einem einzigen Lieferanten machen dürfen«, kommentierte der EU-Abgeordnete Markus Ferber (CSU) die Pläne. »Die Kommission darf aber nicht nur langfristige Strategien für die Diversifizierung entwickeln, sondern muss auch ganz konkret sagen, wie wir durch den nächsten Winter kommen.«

Der Entwurf ist Teil eines größeren Pakets, zu dem unter anderem auch eine detaillierte Solarstrategie sowie neue Regeln für die Genehmigung von Ökostromanlagen gehören wird. Auch weitere Pläne für den Umgang mit den hohen Energiepreisen werden erwartet.

mmq/dpa