Mögliche Falschangaben Roland Berger lässt NS-Geschichte seines Vaters aufarbeiten

Roland Berger hat die Öffentlichkeit laut "Handelsblatt" falsch über die NS-Vergangenheit seines Vaters informiert. Deutschlands bekanntester Unternehmensberater lässt nun die Rolle seines Vaters von Historikern prüfen.

Unternehmens- und Politikberater Roland Berger (Archivbild)
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Unternehmens- und Politikberater Roland Berger (Archivbild)


Der Vater von Roland Berger war gegenüber dem nationalsozialistischen Regime deutlich weniger kritisch als öffentlich bekannt. Das berichtet das "Handelsblatt" unter Berufung auf zahlreiche historische Quellen. Der Vater von Deutschlands bekanntestem Unternehmensberater sei im Gegenteil sogar ein Profiteur des Regimes gewesen, heißt es in dem Artikel.

Entgegen bisheriger Angaben habe sich Georg Berger weder gegen die Verfolgung der Juden durch die Nazis gesträubt, noch sei er dafür ins Konzentrationslager gekommen, heißt es in dem Bericht, der auf monatelangen Recherchen beruht.

Georg Berger habe stattdessen als Finanzchef der Hitlerjugend gearbeitet und sei anschließend mit Unterstützung der Nationalsozialisten Generaldirektor bei der "arisierten" Ankerbrot geworden, der größten Bäckerei Österreichs. Er habe zudem in einer Villa gewohnt, die einst jüdische Eigentümer hatte, dann aber beschlagnahmt wurde.

Berger stellte seinen Vater bislang als "moralisches Vorbild" dar

Der bekannte Unternehmensberater hatte das Bild seines Vaters bisher völlig anders gezeichnet. "Bis heute ist mein Vater für mich ein moralisches Vorbild", schrieb Berger im Juli 2012 in einem Gastbeitrag. "Er steht für Anstand und Mut."

In einem Interview im September 2018 sagte er über seinen Vater: "Er ist 1933 in die Partei eingetreten. Nach der Reichskristallnacht 1938 ist er aus Protest wieder ausgetreten. Danach hatten wir alle sechs bis acht Wochen die Gestapo im Haus."

Beides stimmt laut "Handelsblatt" nicht. Georg Berger sei schon am 1. Juni 1931 in die NSDAP eingetreten und habe seine Mitgliedsbeiträge bis September 1944 gezahlt, heißt es in dem Bericht. 1937 habe ihn Adolf Hitler zudem zum Ministerialrat ernannt.

In Schwierigkeiten sei Berger erst 1942 geraten, als ihm Ankerbrot-Mitarbeiter Selbstbereicherung vorgeworfen hätten, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Polizeibericht vom 20. Juni 1942.

Laut diesem hat Berger seine Villa "mit einem unerhörten Aufwand" ausgebaut, der "in einem krassen Widerspruch zu den durch die Kriegslage gebotenen Sparmaßnahmen" gestanden haben soll. Außerdem habe Berger Nahrungsmittel aus der Firma für private Zwecke gehortet.

Historiker sollen Georg Bergers NS-Zeit prüfen

Konfrontiert mit den Recherchen räumte Roland Berger Fehler ein. "Wenn Sie so wollen, dann war es ein ungewollter Selbstbetrug", sagte der 81-Jährige im Interview mit dem "Handelsblatt". "Wenn sich herausstellen sollte, dass ich falsche Dinge behauptet habe, bereue ich das aufrichtig - und werde es öffentlich richtigstellen."

Das bisherige Bild, das er von seinem Vater habe, stamme aus dessen eigenen Erzählungen sowie aus Berichten seiner Mutter und Verwandten, fuhr Berger fort. Zudem habe er selbst als Kind mitbekommen, wie die Gestapo immer wieder das Haus seiner Familie durchsucht habe. Die Schilderungen seien für ihn daher bislang plausibel gewesen.

Auch die Frage, warum sich aus früheren Prüfungen der Geschichte seines Vaters keine Widersprüche ergaben, antwortete Roland Berger ausweichend. So sollte zu seinem 70. Geburtstag seine Autobiografie erscheinen. Die bestellte Autorin stellte eigene Recherchen zu Georg Bergers Vergangenheit an.

Die Recherchen der Autorin deckten sich laut Roland Berger weitgehend mit den Schilderungen des Vaters. Die Veröffentlichung des Buchs wurde später gestoppt. Laut Roland Berger hatte dies aber "nichts mit dem 'Dritten Reich' zu tun".

Berger hat nun die Historiker Michael Wolffssohn und Sönke Neitzel beauftragt, die Rolle seines Vaters in der NS-Zeit aufzuarbeiten. Wolffssohn sagte dem "Handelsblatt", dass schon jetzt eines klar sei: "Georg Berger war in der Tat Profiteur des NS-Systems."

ssu

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