S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Schuster, bleib bei deinem Leisten

Erhard als Kanzler oder Koch als Baumanager - die Wechsel von Politikern in die Wirtschaft oder umgekehrt gehen fast immer schief. Die Erklärung dafür ist simpel.

Wie so viele Ideen, über die man nicht genügend nachgedacht hat, löst auch diese ein chronisches Kopfnicken aus: die Idee vom angeblich so fruchtbaren Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft. Die Fakten sind jedoch niederschmetternd - und zwar in beide Richtungen.

Rolands Koch Rauswurf bei Bilfinger ist ein Paradebeispiel. Der wichtigste Unterschied zwischen Erfolg in Wirtschaft und Politik besteht im Zeithorizont. In der Politik wird in der Regel alle vier und fünf Jahre gewählt. Das erlaubt Politikern, lange Durststrecken zu überwinden. Es passiert oft, dass Politiker direkt nach der Wahl an Beliebtheit verlieren und bei der nächsten Wahl dann wieder gewinnen. Helmut Kohl und Gerhard Schröder waren Politiker dieses Typus: fast immer unbeliebt, aber brandgefährlich vor den Wahlen.

In der Wirtschaft ist der Zeithorizont entweder viel kürzer, wie bei Aktienunternehmen, oder viel länger, wie bei Familienunternehmen, zum Beispiel Aldi. Koch hatte aus meiner Sicht des Außenseiters durchaus plausible langfristige Ziele für das Unternehmen. Er hat nur die Durststrecke nicht überwunden. In der Landespolitik wäre ihm das nicht passiert.

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi zum Beispiel muss nicht zurücktreten, nur weil in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit die Wirtschaftsleistung zurückgegangen ist. Zum Glück für ihn ist die italienische Wirtschaft kein Unternehmen mit sinkendem Aktienkurs.

Umgekehrt ist es kaum besser. Ludwig Erhard war einst Professor für Wirtschaft, erster Wirtschaftsminister und zweiter Bundeskanzler im Nachkriegsdeutschland. Erhard wird zwar von ordnungspolitischen Hohepriestern als alleiniger Verursacher des deutschen Wirtschaftswunders hochgehalten. Als Bundeskanzler musste er dann plötzlich mit vielen Themen gleichzeitig jonglieren, von denen die meisten sich nicht auf einen wirtschaftlichen Kern reduzieren ließen. Willy Brandt erzählte im Jahre 1984 die Geschichte, dass Erhard ihn gefragt habe, wie viele Milliarden es kosten würde, "dass uns die Russen die DDR überlassen". Brandt sagte damals, er hielt es für "simpel und materialistisch". In der Wirtschaft hat alles einen Preis. Nicht in der Politik.

Erfolg ist eine Frage der Ausdauer

Mit Karl Schiller wurde ein weiterer Professor Wirtschaftsminister, ein guter Fachminister, der über sein eng begrenztes Portfolio hinaus keinen großen politischen Einfluss hatte. In Italien war es bis vor kurzem noch üblich, Ökonomieprofessoren in die höchsten Ämter zu hieven. Auch dort war die Erfahrung nicht gut. Das wiederholte Scheitern von Romano Prodi ebnete den Weg für Silvio Berlusconi. Auch der Wirtschaftsprofessor Mario Monti wurde unter großem Applaus zum Ministerpräsidenten ernannt und scheiterte kläglich. Gerade mal zehn Prozent der Stimmen erhielt er bei den Wahlen im letzten Jahr. Berlusconi selbst war ein erfolgreicher Unternehmer und regierte das Land wie ein Patriarch seine Firma - mit den bekannten Resultaten.

Die einzige Partei, deren Führungspersonal in Deutschland aus dem wirtschaftlichen Milieu kommt, ist die AfD. Zunächst ist das kein Handicap, denn die AfD ist eine klassische Ein-Themen-Partei. Sie ist somit eine Ausnahme. Wenn sie sich in der Parteilandschaft etablieren sollte, dann wird auch sie Berufspolitiker benötigen.

Warum sind also die Wechsel von Politik in die Wirtschaft und umgekehrt regelmäßig so problematisch? Die Faktoren, die jemanden in der Wirtschaft oder im akademischen Bereich nach oben bringen, überlappen sich zwar mit den Erfolgsfaktoren für Politiker, sind aber nicht identisch. In der Politik ist die Bewertung subjektiv. Die Wähler entscheiden und brauchen ihre Wahl nicht einmal zu begründen. In der Wirtschaft spielen objektive Faktoren wie Gewinne und Verkaufszahlen eine Rolle. Im Akademischen ist es die Zahl der Veröffentlichungen. Der Grad der Messbarkeit ist höher.

Erfolg ist oft auch eine Frage der Ausdauer. Die Albrecht-Brüder haben über Jahrzehnte ihr Aldi-Imperium ausgedehnt. Helmut Kohl und Angela Merkel zogen oder ziehen sich beide strategisch zurück, bevor sie die Gunst der Stunde nutzen. In Politik und Wirtschaft sitzen die Profis am längeren Hebel. Für Quereinsteiger gibt es Nischenrollen.

Das Gleiche gilt auch für den Journalismus. Der abgewählte Politiker als Chefredakteur oder Herausgeber ist heute nicht mehr zeitgemäß. Umgekehrt gilt es - dem Himmel sei Dank - ebenfalls. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie müssten diesen Kolumnisten nicht nur lesen, sondern auch noch wählen?

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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