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11. März 2013, 16:42 Uhr

Wirtschaftskrise

Millionen Europäer bekommen Lebensmittel vom Roten Kreuz

Die Schuldenkrise verschärft die Armut in Europa dramatisch. Noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Rote Kreuz in so vielen Ländern des Kontinents Lebensmittel verteilt. Allein in Spanien versorgt die Hilfsorganisation drei Millionen Bürger mit dem Nötigsten.

Neu-Delhi/Hamburg - Diese Nachricht zeigt die Auswirkungen der tiefen Krise in Europa so drastisch wie kaum eine offizielle Statistik: Wegen der zunehmenden Armut verteilen mittlerweile zwei Drittel der nationalen Rot-Kreuz-Gesellschaften in der EU Lebensmittelhilfen. Das habe es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben, sagte der Generaldirektor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), Yves Daccord, an diesem Montag bei einem Besuch in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Dabei wird einmal mehr deutlich, wie stark die Situation in Europa auseinanderdriftet. In Deutschland, das die Krise kaum zu spüren bekommt, muss das nationale Rote Kreuz Daccord zufolge keine Lebensmittelhilfen leisten. In Spanien hingegen habe das dortige Rote Kreuz im vergangenen Jahr nicht um Spenden zur Linderung der Not im Ausland, sondern um Hilfe für das Inland gebeten. Drei Millionen verarmte Spanier würden unter anderem mit Lebensmitteln vom Roten Kreuz unterstützt.

Ein bereits im Januar erstelltes Dokument des Roten Kreuzes, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, belegt das Ausmaß derartiger Hilfen: In Spanien verteilte die nationale Hilfsorganisation demnach allein im vergangenen Jahr 33 Millionen Kilogramm an Lebensmitteln. Weitere 21.500 Bürger in Spanien unterstützte das Rote Kreuz, ihre Grundversorgung mit Wasser und Strom sicherzustellen oder mit Mietzuschüssen.

In Rumänien organisiert die Hilfsorganisation bereits seit 2009 ein auf Spenden basierendes Lebensmittelprogramm. In dem Land leben etwa drei Millionen Menschen laut Rotem Kreuz in absoluter Armut, das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Auch die relative Armutsquote in Rumänien ist mit 40 Prozent exorbitant. Im Jahr 2012 verteilten mehr als zehntausend Helfer über eine halbe Million Tonnen an gespendeten Lebensmitteln an 81.774 bedürftige Familien.

Selbst Mittelklasse zunehmend von Obdachlosigkeit bedroht

Selbst im vergleichsweise wohlhabenden Norden Italiens verzeichnet die Hilfsorganisation dem Dokument zufolge bislang unbekannte Zeichen von Verarmung. Die Zweigstelle in der Wirtschaftsmetropole Mailand etwa berichtet, dass sogar die Mittelschicht zunehmend von Obdachlosigkeit bedroht sei. Dazu gehörten "alleinlebende Elternteile, insbesondere geschiedene Männer", die sich darum bemühen, ihren Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen, aber "in Verarmung oder auf der Straße enden", wie es im Dokument heißt.

Allgemein leiden in Europa dem Roten Kreuz zufolge "breite Bevölkerungsschichten quer über den ganzen Kontinent" unter den schwerwiegenden Auswirkungen der tiefen Wirtschaftskrise. Insbesondere Kinder und Jugendliche sowie Migranten und Flüchtlinge seien von absoluter Armut bedroht. Überdurchschnittlich seien inzwischen aber Länder in Osteuropa betroffen, da die Menschen dort im Allgemeinen weniger Ersparnisse haben und die sozialen Sicherungssysteme weitaus schwächer seien als in Mittel- und Westeuropa.

Konjunktur in Krisenländern auch 2013 auf Talfahrt

Auch an aktuellen Konjunkturdaten lässt sich die tiefe Krise der Wirtschaft in Europa ablesen. Besonders düster ist die Lage weiterhin in Griechenland. Dort brach die Wirtschaft 2012 um 6,4 Prozent ein. Wie das Statistische Amt am Montag mitteilte, war der Rückgang im letzten Quartal mit 5,7 Prozent etwas kleiner als erwartet. Wann wieder mit einem Wachstum zu rechnen ist, gab die Behörde nicht an.

Vor zwei Wochen hatte die griechische Notenbank ein weiteres Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um etwa 4,5 Prozent prognostiziert. Ein leichtes Wachstum sei erst 2014 zu erwarten, hieß es. Die griechische Wirtschaft ist seit 2008 insgesamt um 20,1 Prozent geschrumpft.

Auch in Portugal schrumpfte die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr erneut. 3,2 Prozent betrug der Rückgang im Jahr 2012, teilte das Statistikamt des Landes mit. Damit musste Portugal den stärksten Wirtschaftseinbruch seit 1975 hinnehmen. Bereits im Jahr 2011 war das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Prozent zurückgegangen, in diesem Jahr rechnen die Statistiker mit einem weiteren Rückgang von zwei Prozent.

cte/fdi/dpa/AP

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