Währungskrise in Schwellenländern Rubelabsturz macht Russen nervös

Die russische Währung fällt tiefer und tiefer - und die Zentralbank tut nichts. Die Regierung in Moskau scheint entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Manche Bürger tauschen bereits ihr Geld in harte Auslandswährung um.
Von Alexander Kolyandr und Andrey Ostroukh
Wechselstube in Moskau: Regierung und Notenbank lassen den Dingen ihren Lauf

Wechselstube in Moskau: Regierung und Notenbank lassen den Dingen ihren Lauf

Foto: MAXIM SHEMETOV/ REUTERS

Moskau -Der russische Rubel ist in diesem Monat auf Rekordtiefen gefallen. Auf die Frage, ob die Zentralbank nach dem Vorbild der Türkei und Südafrika den Leitzins erhöhen sollte, um den Kursabsturz zu stoppen, hatte Russlands Finanzminister Anton Siluanow eine simple Antwort: "nein."

Welche Botschaft hat er für nervöse russische Bürger? "Ich hoffe, dass sich nach der Schwächephase die Dinge wieder beruhigen", sagte Siluanow nach einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin zu Reportern.

Das letzte Mal, als der Rubel so unter Druck stand - während der globalen Finanzkrise 2009 -, nahm die Zentralbank über 100 Milliarden Dollar in die Hand, um den Wechselkurs über Monate zu verteidigen. Schließlich aber gab sie sich geschlagen und ließ den Kurs fallen.


Am Mittwoch handelte der Dollar bei einem Hoch von 35,16 Rubel nur einen Rubel unter dem Rekordhoch, das im Februar 2009 verzeichnet wurde - doch die Zentralbank hielt an ihrer erklärten Politik fest, den Rubel langsam abwerten zu lassen.

Bei einer fast stagnierenden Wirtschaft widerstrebt es der Notenbank, die Zinsen zu erhöhen. Doch mit einer Inflation von rund 6,5 Prozent gibt es auch nur wenig Raum, um die Geldpolitik zu lockern, trotz der häufigen Forderungen aus die Industrie, die günstigere Kredite haben will.

Regierungsbeamte sagen, die Schwäche des Rubel sei hauptsächlich eine Folge des sinkenden Überschusses in der Leistungsbilanz, zusätzlich verstärkt von der weltweiten Kapitalflucht aus risikoreichen Märkten. "Es ist nicht so, dass der Rubel schwach ist, sondern der Dollar und der Euro steigen", sagte Notenbankchefin Elwira Nabiullina bei einer Talkshow am Montag.

Die Tatsache, dass die publikumsscheue Geldpolitikerin im nationalen Fernsehen auftrat, um die russischen Bürger zu beruhigen, zeigt, wie empfindlich eine Gesellschaft, die sich noch gut an den Währungsverfall nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erinnern kann, auf Wechselkursschwächen reagiert.

Der Kursverlust von 6,2 Prozent gegenüber dem Dollar macht den russischen Rubel nach dem argentinischen Peso zur schwächsten Währung aller Schwellenländer in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr büßte der Rubel 15 Prozent ein. Aber die Zentralbank hält immer noch an ihrem Plan fest, den Wechselkurs im nächsten Jahr vollständig freizugeben.

Bürger spüren den schwachen Rubel bereits

Die normalen russischen Bürger beginnen bereits die Auswirkungen des schwachen Rubel zu spüren, weil die Preise für Importgüter steigen und die Kaufkraft bei Auslandsreisen sinkt. Eine Sprecherin von Sberbank  , der größten russischen Sparkasse, bestätigte, dass es in jüngster Zeit eine verstärkte Nachfrage nach ausländischen Währungen in den Filialen gebe.

Daria Grishina, Leiterin der Wohnungsvermietung bei Penny Lane Realty in Moskau, sagte, mehr und mehr Wohnungsbesitzer stellen ihre Preise nun von Rubel auf Dollar um.

Staatsbeamte und Ökonomen sagen allerdings, dass der Kursrückgang des Rubel wahrscheinlich nur einen moderaten Einfluss auf die Gesamtinflation haben wird, weil die Produzenten wegen der schwachen Wirtschaft keine höheren Preise gegenüber den Konsumenten durchsetzen können. Dagegen könnte der schwache Rubel den Exporteuren helfen, was aber nicht ausreicht, um das Wachstum in der breiten Wirtschaft anzukurbeln.

Nach Ansicht von Ökonomen dürfte der Rubel in diesem Jahr weiter sinken, aber nicht mehr so stark wie in den jüngsten Wochen. "Ein schwächerer Rubel wirkt wie ein nützlicher Schockabsorbierer", sagte Iwan Tchakarow, Volkswirt bei der Citibank in Moskau. Mit dem Sinkflug des Rubel eröffne sich für die Zentralbank ein Weg, die nachlassende Auslandsnachfrage nach russischen Rohstoffen abzufedern, ohne eine höhere Inflation zu riskieren.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland 

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