Jäher Wachstumsschub Russische Staatsbank hält russische Wirtschaftszahlen für frisiert

Noch zum Jahreswechsel ging die russische Führung von mageren 1,5 Prozent Wachstum aus - nun korrigiert das Statistikamt die Zahlen drastisch nach oben. Daran mag allerdings selbst ein ehemaliger Vizeminister nicht recht glauben.

Businessviertel "Moscow City"
AFP

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Russlands staatliche Statistikagentur Rosstat hat die offizielle Wachstumsrate 2018 veröffentlicht - und einige Beobachter damit zum Staunen gebracht. Die russische Volkswirtschaft sei im abgelaufenen Jahr insgesamt um 2,3 Prozent gewachsen, das wäre der beste Wert seit sechs Jahren.

Allerdings liegt die Zahl auch deutlich über allen Prognosen - sogar denjenigen, die Regierungsstellen bislang selbst verbreitet haben. Alexej Kudrin, langjähriger Finanzminister und Weggefährte von Präsident Wladimir Putin, twitterte zur Jahreswende, das Wachstum habe mit 1,5 Prozent bedauerlicherweise deutlich unter der Regierungsprognose gelegen.

Deutlich bessere Stimmung verbreitete Anfang vergangener Woche hingegen das Wirtschaftsministerium: Schätzungen zufolge sei das Wachstum in Russland mit 2,0 Prozent doch deutlich höher ausgefallen, als von Kudrin vermutet. Das seit einigen Jahren dem Wirtschaftsministerium unterstehende Statistikamt Rosstat hat nun mit 2,3 Prozent noch einen draufgesetzt. Wirtschaftswissenschaftler hatten mit deutlich weniger gerechnet: Laut der auf Wirtschaftsthemen spezialisierten Nachrichtenagentur Bloomberg lag der Durchschnitt der Prognosen bei 1,9 Prozent, der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnete mit 1,7 Prozent.

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Der jähe Sprung bei den Wachstumszahlen schürt Zweifel an der Verlässlichkeit der Zahlen. "Die Statistiken spiegeln immer weniger den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft wider", zitiert Bloomberg Wladimir Tichomirow, Analyst beim Moskauer Investmenthaus BCS. Kritik kommt auch von sehr prominenter Stelle: Andrej Klepatsch, Chefökonom der staatlichen Großbank VEB, meldet öffentlich Zweifel an den Wachstumszahlen an. Er gehe von 1,5 Prozent aus, "bei allem anderen neige ich nicht dazu, dem zu glauben". Pikant: Bis 2014 war Klepatsch stellvertretender Wirtschaftsminister - und zuständig unter anderem für Wirtschaftsprognosen.

Rosstat hat vor allem in einem Bereich die Zahlen für 2018 erheblich korrigiert: in der Bauwirtschaft. Ursprünglich hatte die Behörde das Wachstum dort mit 0,5 Prozent angegeben. Nun soll es bei 5,7 Prozent gelegen haben.

Russlands Bürger haben von dem vermeintlichen Boom allerdings wenig mitbekommen. Die Realeinkommen sanken 2018 das fünfte Jahr in Folge. Ende Januar zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zudem eine Studie, laut der gerade einmal zehn Prozent der Arbeitnehmer im vergangenen Jahr eine Gehaltserhöhung bekommen hatten, sechs Prozent berichteten sogar von Kürzungen.

beb



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