Henrik Müller

Demografische Krise Putin und das Peak-Power-Syndrom

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Russland befindet sich im demografischen Niedergang, wie viele andere Länder auf dem Globus. Die Macht schwindet, die Führer fürchten den Abstieg – das macht sie noch gefährlicher.
Putin, Xi (im Februar in Peking)

Putin, Xi (im Februar in Peking)

Foto: ALEXEI DRUZHININ / AFP

In den kommenden 30 Jahren wird Russland rund ein Sechstel seiner Bevölkerung im erwerbs- und wehrfähigen Alter verlieren. Ähnlich geht es in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts weiter. Zusammengenommen wird Russland rund ein Viertel seiner aktiven Bevölkerung einbüßen, wie aus Projektionen der Vereinten Nationen  hervorgeht, die vor Kriegsbeginn erstellt wurden.

Noch rascher schrumpft die Kopfzahl in China. Im Laufe dieses Jahrhunderts wird sich dort die Zahl der Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren nahezu halbieren. Wie in Russland, so schwindet der produktivere Teil der Bevölkerung auch dort bereits seit einigen Jahren, allerdings zunehmend schneller – eine Spätfolge der rigiden Ein-Kind-Politik früherer Jahrzehnte.

Die demografische Wende stellt alle betroffenen Länder vor enorme Herausforderungen, nicht nur Russland und China: Die Produktivität lahmt. Immer mehr Ressourcen müssen für Altersversorgung, Gesundheit und Pflege aufgewendet werden. Auch in Teilen der EU steht ein herber demografischer Abstieg bevor, zumal in östlichen Mitgliedstaaten. Nordamerika sagen die Uno-Experten ein weiterhin moderates Bevölkerungswachstum voraus. West- und Nordeuropa werden demografisch relativ stabil bleiben. Deutschlands Erwerbsbevölkerung immerhin hält sich seit Jahren auf hohem Niveau, dank Zuwanderung.

Eigentlich ist die Alterung von Gesellschaften eine gute Sache, denn sie ist ja Folge einer gestiegenen Lebenserwartung. Dass der Nachwuchs ausbleibt, ist schlicht Folge niedrigerer Geburtenziffern.

Die demografische Wende ist ein langsamer, absehbarer Prozess, der seit vielen Jahrzehnten im Gange ist. Staatliche Systeme lassen sich darauf vorbereiten. Bürger und ihre Arbeitgeber etwa können die Lebensphase des Arbeitens der verlängerten Lebenserwartung anpassen. Dieser Prozess ist zwar nirgends einfach, weil es unterschiedliche Interessen zwischen den einzelnen Alters- und Einkommensgruppen gibt, aber er lässt sich grundsätzlich managen.

Staaten mit imperialen Ambitionen stehen allerdings vor einer ganz anderen Kalkulation: Sie sind konfrontiert mit dem Peak-Power-Syndrom. Absehbar weniger Arbeits- und Wehrfähige bedeuten einen Verlust an Machtmitteln. Die Ressourcen schwinden, mit denen sich Großreiche errichten und konsolidieren lassen. Wer sich auf dem Höhepunkt seiner Macht wähnt, sieht sich von nun an mit einem langen relativen Abstieg konfrontiert. Die brachiale Durchsetzung der Herrschaftsansprüche wird künftig immer schwieriger. Führer, die ohnehin irgendwann loszuschlagen gedenken, stehen vor der Frage: Wann, wenn nicht jetzt?

Die Führungen in Moskau und Peking jedenfalls sind offenkundig zu dem Schluss gelangt, dass sie ihre imperialen Sphären gewaltsam ausweiten sollten, solange sie noch können – ob in der Ukraine, Zentralasien und künftig womöglich in Taiwan. Daheim bringen sie ein immer umfassenderes Unterdrückungsinstrumentarium gegen die eigene Bevölkerung in Stellung. Alternde Gesellschaften lassen sich das gefallen, weil ihnen kaum nach Aufruhr zumute ist.

Düstere Warnungen, teuflische Drohungen

Dass Wladimir Putin dieses Jahr zum Schlag gegen die Ukraine ausgeholt hat, lässt sich nicht nur erklären mit seinem fortgeschrittenen Lebensalter, der von ihm (fälschlicherweise) angenommenen Schwäche des Westens sowie der Attraktivität, mit der eine freie Ukraine seinen eigenen Autoritarismus alt aussehen lässt . Wie kein anderer vergleichbarer Staat leidet Russland am Peak-Power-Syndrom: Die Bevölkerung schrumpft, während das Wirtschafts- und Herrschaftssystem nahezu ausschließlich auf dem Verkauf von Öl und Gas fußt – klimaschädlichen Gütern, deren Verbrauch absehbar zurückgehen wird.

Wie wichtig Manpower ist, wenn man territoriale Eroberungsfeldzüge wie in längst vergangen geglaubten Zeiten führen will, erlebt Russland derzeit. Dort werden nun auf die Schnelle 300.000 Leute zwangsrekrutiert, überwiegend jüngere Männer, die wiederum in der Wirtschaft fehlen – und von denen viele Leben und Gesundheit in einem sinnlosen Krieg lassen werden. Paradoxerweise verschärft Putin den demografischen Niedergang, vor dem er sich fürchtet. Seit Kriegsbeginn hat Schätzungen zufolge eine sechsstellige Zahl von jüngeren Gutausgebildeten das Land verlassen. Nach der Ankündigung von Putins Mobilmachung gab es noch mal einen Run auf die Grenzen.

»Putin ist besessen von Demografie«

Wenn Russland schon vor diesem Krieg schwach dastand, dann wird es danach noch schwächer dastehen. Ebendiese Aussicht erschwert es Putin einzugestehen, dass er seine Kriegsziele nicht erreichen kann.

»Wie andere weiße Nationalisten auch, ist Putin von Demografie besessen und von der Angst getrieben, dass seine Rasse zahlenmäßig in die Minderheit geraten könnte«, schreibt der US-Historiker Timothy Snyder von der Yale-University. In einer groß angelegten Analyse  für die aktuelle Ausgabe des Außenpolitikfachblatts »Foreign Affairs« seziert er Putins krude »rassische Arithmetik«, der sein Krieg folgt: »Die ersten russischen Soldaten, die im Kampf getötet wurden, waren ethnisch gesehen Asiaten aus dem Osten Russlands, und viele, die seither gestorben sind, waren zwangsrekrutierte Ukrainer aus dem Donbass. Ukrainische Frauen und Kinder sind nach Russland deportiert worden, weil sie als assimilierbar gelten, als Leute, die als Verstärkung für die weiße russische Bevölkerung dienen können.«

Zugleich verfolge die russische Führung die Strategie, Afrika und Asien in Lebensmittelkrisen zu stürzen, weshalb der Rückgang der Getreidelieferungen aus der Ukraine bewusst einkalkuliert sei: »Nichts an diesem Hungerplan spielt sich im Verborgenen ab«, schreibt Snyder. Es liege alles offen zutage und werde auch so von den Propagandisten des Kremls benannt.

Reine, rohe Machtpolitik – ohne jedwedes Wertegerüst

Mit liberalen Vorstellungen von universellen Werten, Menschenrechten und friedlichem Interessenausgleich hat derartiges Gedankengut nichts zu tun. Es handelt sich um reine, rohe Machtpolitik, getrieben vom fatalistischen Glauben an einen Verdrängungskampf der Völker. Nach dem Motto: Es kann nur wenige Herrennationen geben. Die anderen werden assimiliert, unterjocht oder ausgelöscht. Doch eine derart menschenverachtende, wertelose Ideologie ist letztlich schwach – während Gesellschaften und Staatengemeinschaften, die über ein inneres Wertegerüst verfügen, enorme Kräfte mobilisieren können, wie die Ukraine seit Monaten in beeindruckender Weise zeigt –, aber zugleich umso gefährlicher: Wer nach dieser rassistischen Logik den Peak-Power-Moment verpasst, läuft Gefahr, selbst in die Unterjochung zu geraten.

In Putins TV-Mobilisierungsansprache Anfang der abgelaufenen Woche schwangen denn auch solche Untergangsfantasien mit, als er raunte, der Westen wolle Russland zerstören. Die perverse Lust am Spiel mit apokalyptischen Atomkriegsszenarien passt in diese eingebildete Vorstellungswelt von angeblich bevorstehenden Endkämpfen.

Andere Führer rund um den Globus schauen gerade sehr genau zu, ob – oder wie weit – Putin sich durchsetzt.

Indien überflügelt China

Ein Kernaspekt des Peak-Power-Syndroms ist die Ungleichzeitigkeit der demografischen Entwicklung. Während einige Länder nach wie vor stark wachsende Bevölkerungen haben, gehen andere Nationen auf Schrumpfkurs. Das bringt Machtverschiebungen und Spannungen mit sich, die in Kriege münden können.

Beispiel Asien: Chinas Zahl von Einwohnern im aktiven Alter schrumpft, wie gesagt, rapide.  Das hat schon jetzt Auswirkungen auf Chinas Produktivitätszuwächse. Die nachlassende Demografie ist neben den Covid-Einschränkungen und der zunehmenden Ideologisierung von Wissenschaft und Forschung eine der großen Fortschrittsbremsen in einem Land, das in den vergangenen Jahrzehnten äußerst günstige demografische Bedingungen genossen hat.

Das heißt aber auch: Wenn Chinas großer Anführer Xi Jinping imperiale Größe anstrebt, sein Territorium vergrößern und das demokratische Taiwan gewaltsam anschließen will, dann wird die machtstrategische Kalkulation über die Zeit nicht günstiger.

Indien wiederum wird im Laufe dieses Jahrzehnts China in puncto Kopfzahl überholen. Es erreicht seinen demografischen Höhepunkt erst um 2050. Bis dahin könnte das Land bei sinkenden Geburtenziffern eine günstige Phase erleben. Dann aber kippt auch dort die Bevölkerungsentwicklung. Währenddessen wächst in Pakistan die Einwohnerzahl weiter. Bis 2050 wird die Kopfzahl im aktiven Alter um zwei Drittel zulegen, danach wird es mit gebremstem Tempo auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts weiter aufwärtsgehen. Demografische Verschiebungen, die das prekäre Machtgleichgewicht zwischen den beiden Atommächten zum Kippen bringen könnten.

Beispiel Mittlerer Osten: Während dem Iran dank zurückgehender Geburtenziffern eine Bevölkerungsschrumpfung bevorsteht, hat das Nachbarland Irak eine der am schnellsten wachsenden Bevölkerungen außerhalb Afrikas. Auch der Türkei, ein Land mit Regionalmachtambitionen, steht in den kommenden 30 Jahren ihr Peak-Power-Moment bevor, wenn auch dort die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu schrumpfen beginnt.

Rasch wachsende Nationen stehen vor ganz anderen Herausforderungen. Sie müssen Jobs, Wohnraum und öffentliche Leistungen für große junge Generationen schaffen. Wenn das nicht gelingt, macht sich Frust breit, der leicht in Gewaltausbrüche ausartet, die sich auch nach außen wenden können, etwa in Form von Emigrationswellen. Afrika steht in weiten Teilen vor einem solchen Szenario. Pakistan und der Irak sind potenzielle Unruheherde. Ihre demografische Dynamik stellt eine latente Bedrohung für ihre Nachbarn dar, insbesondere für Indien, Iran und die Türkei – Länder, die in den nächsten Jahrzehnten auf den Peak-Power-Punkt zusteuern und sich zu Präventivinterventionen hinreißen lassen könnten.

Wer das Peak-Power-Domino verlieren wird

Die Beispiele zeigen: Potentaten rund um den Globus schauen Putin zu. Sollte er aus dem von ihm begonnenen Krieg so hervorgehen, dass er sich als Gewinner inszenieren kann, wären wohl nirgends mehr Grenzen sicher. Ein russischer Sieg wäre ein gefährlicher Präzedenzfall, dessen Bedeutung weit über Europa hinausreicht. In einer Welt zunehmender demografischer Ungleichgewichte stünden eine Menge Konflikte bevor, manche davon könnten mit Atomwaffen geführt werden.

Die Weltgemeinschaft wäre gut beraten, sich gegen dieses Szenario zu wappnen, indem sie gemeinsam Russland in die Schranken weist. Momentan machen die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer allein die Arbeit. Sie – beziehungsweise wir – tragen den überwiegenden Teil der menschlichen, militärischen und wirtschaftlichen Kosten. Der Westen versucht, eine internationale Ordnung zu erhalten, die dabei ist, unter die Panzerketten zu kommen. Die anderen schauen zu und versuchen sich opportunistisch zu bereichern, zum Beispiel durch den Kauf von billigem, weil sanktioniertem russischen Öl und Gas.

Im Kern ist es ganz simpel: Um ein Peak-Power-Domino zu verhindern, muss Russland diesen Krieg verlieren. Whatever it takes. Der Weg dahin allerdings ist alles andere als leicht. Wir erleben es gerade.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Rom – Und jetzt? Chaos? – Nach der Parlamentswahl in Italien steht eine schwierige Regierungsbildung bevor. Drei Rechts-bis-rechtsaußen-Parteien schicken sich an, eine Regierung zu bilden. Die Herausforderungen für Europa werden enorm sein, nicht zuletzt für die Finanz-, Währungs- und Außenpolitik.

Kassel – Inflationsausgleich! – Gewerkschaftstag der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Das große Thema für die Gewerkschaften ist die Inflation – zum ersten Mal seit Jahrzehnten.
London – Slowdown – Schon wieder Eisenbahnerstreik in Großbritannien. Der Tarifstreit läuft seit mehreren Monaten.

München – Bad Vibrations – Das ifo-Institut veröffentlicht seinen Geschäftsklimaindex, das wichtigste Konjunkturbarometer für die deutsche Wirtschaft. Die Zeichen stehen auf Rezession im Winterhalbjahr.

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