Platz für Windräder und Solaranlagen Greenpeace-Energy will RWE-Braunkohlerevier kaufen

Die Ökostromfirma Greenpeace Energy will die Braunkohlesparte von RWE im Rheinischen Revier kaufen und stilllegen. Revolutionärer Plan - oder Werbegag?
Tagebau Garzweiler

Tagebau Garzweiler

Foto: Oliver Berg/ dpa

Eines ist der Vorschlag des Ökostromversorgers Greenpeace Energy in jedem Fall: aufsehenerregend. Das Unternehmen bietet an, die Braunkohletagebaue und -kraftwerke von RWE im Rheinischen Revier in drei Stufen zu übernehmen und bis 2025 stillzulegen.

Konkret soll das so ablaufen:

  • 2020 will Greenpeace Energy zunächst den umstrittenen Tagebau Hambach und die sechs ältesten und am wenigsten effizienten Kraftwerksblöcke im Rheinischen Revier übernehmen und stilllegen. Der Wald, der diesen Herbst für viele Schlagzeilen sorgte, würde so in jedem Fall gerettet werden.
  • 2022 sollen der Tagebau Inden und sechs weitere Kraftwerksblöcke übernommen werden,
  • 2025 schließlich der Tagebau Garzweiler und die letzten drei Braunkohleblöcke.

Größtes Erneuerbare-Energien-Projekt Europas

Um den wegfallenden Strom zu ersetzen, will Greenpeace Energy im Rheinischen Revier das größte Erneuerbare-Energien-Projekt Europas verwirklichen. Dort, wo derzeit riesige Kohlebagger arbeiten, sollen bis Mitte der Zwanzigerjahre neue Wind- und Solarparks entstehen.

Deren Gesamtleistung: 8,2 Gigawatt. Das entspricht der Kapazität von acht Atomkraftwerken. Durch die Umsetzung des Greenpeace-Energy-Plans sollen insgesamt 441 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden.

Kohle kaufen und abschaffen, Ökostromanlagen bauen: Das Konzept klingt charmant. Es ist zudem mit mehreren umfassenden Studien unterfüttert, in denen Greenpeace Energy unter anderem die betriebswirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Details des eigenen Plans untersuchen ließ.

Glaubwürdige und fragwürdige Komponente

Es stellt sich trotzdem die Frage, wie ernst der Vorschlag gemeint ist.

Nach Einschätzung von Udo Sieverding, einem langjährigen Energieexperten der Verbraucherzentrale NRW und Kenner des Rheinischen Reviers, hat der Plan von Greenpeace Energy zwei Komponenten: eine glaubwürdige und eine fragwürdige.

Glaubwürdig findet Sieverding die Pläne zur Finanzierung der neuen Ökostromanlagen. Die geschätzten Gesamtkosten liegen laut Greenpeace Energy bei sieben Milliarden Euro. Das Geld will das Unternehmen über eine sogenannte Betreibergenossenschaft auftreiben. An dieser sollen sich Bürger, kommunale Körperschaften und private Unternehmen beteiligen können - vorzugsweise Interessenten aus der Region.

Die neuen Anlagen sollen aufgrund von Skaleneffekten ohne Ökostromförderung auskommen, sagt Greenpeace-Energy-Vorstand Sönke Tangermann. Die Renditen für die Investoren sollen trotz dieses Verzichts bei fünf bis sieben Prozent liegen.

"Die Annahmen erscheinen durchaus realistisch", sagt Sieverding. "Greenpeace Energy hat durchaus die Kompetenz, solche Anlagen kostengünstig zu bauen und deren Strom an den Kunden zu bringen."

Niedriges Kaufangebot

Für weniger realistisch hält der Experte die Annahmen zum Kauf der RWE-Kraftwerke. Als Kaufpreis veranschlagt Greenpeace Energy rund 384 Millionen Euro. Das sei nach Berechnungen von Analysten der Gewinn, der mit den Kraftwerken noch am Strommarkt erzielt werden könne, bis sie wegen steigender CO2-Preise unrentabel würden, teilt das Unternehmen mit.

Greenpeace Energy geht davon aus, dass sich Braunkohlestrom schon Mitte der Zwanzigerjahre nicht mehr rechnen wird. Sieverding teilt diese Ansicht nicht. "2022 soll auch das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen", sagt er. "Viele Analysten rechnen eher damit, dass die Strompreise dann steigen und den höheren CO2-Preis kompensieren."

Für RWE dürfte eine solch niedrige Kaufofferte kaum attraktiv sein. Zumal Greenpeace Energy den Konzern auch noch dazu verdonnern will, sich an den Kosten für die Umschulung der Mitarbeiter aus der Braunkohlesparte zu beteiligen.

Neue Jobs für RWE-Kohlekumpel

Diese will Greenpeace Energy nämlich allesamt übernehmen. Sie sollen künftig bei einer neu gegründeten Beschäftigungsgesellschaft unter Vertrag sein.

Die Ex-RWE-Mitarbeiter sollen dann in der Renaturierung der Tagebauflächen arbeiten und helfen, die Braunkohlekraftwerke abzubauen. Ein Teil von ihnen soll zudem für Jobs im Erneuerbare-Energien-Sektor und in anderen Branchen weiterqualifiziert werden.

Die Beschäftigungsgesellschaft soll laut dem Plan von Greenpeace Energy zum Teil von RWE finanziert werden. Zusätzlich soll sie Mittel aus einem öffentlichen Fonds bekommen, der den Strukturwandel in den Braunkohleregionen unterstützt. Die Kohlekommission setzt sich seit Längerem für einen solchen Strukturfonds ein.

Werbebotschaft für wechselwillige Verbraucher?

Greenpeace Energy hat RWE und der Bundesregierung nach eigenen Angaben bereits Gespräche zur Umsetzung seines Kaufplans angeboten. Ob sich der Vorschlag überhaupt umsetzen lässt, ist allerdings unklar. Vor allem für RWE scheint der Deal wenig attraktiv zu sein.

Greenpeace Energy hingegen kann mit der Kaufofferte nur gewinnen. Am 20. November haben viele Stromversorger Preiserhöhungen angekündigt. Und seit dem erbitterten Streit zwischen RWE und Umweltaktivisten über die Abholzung des Hambacher Forsts sind mehr und mehr Verbraucher geneigt, zu einem Ökostromanbieter überzulaufen.

Ein Kaufangebot für die Braunkohlesparte von RWE   könnte ein geschickter Schachzug sein, um sich als attraktiver Versorger für solch wechselfreudige Kundschaft zu profilieren.

Im Video: "Hambi bleibt!" - Deutschland und die Kohle

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