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19. März 2014, 07:45 Uhr

Westliche Sanktionen gegen Russland

Rosneft-Chef rechnet mit Eskalation des Konflikts

Die Gelassenheit russischer Wirtschaftsbosse ist nur gespielt: Auf einer Podiumsdiskussion in Japan warnte der Chef des Erdölkonzerns Rosneft vor einer Eskalation des Konflikts, falls der Westen schärfere Sanktionen verhänge. Genau das planen USA und EU.

Washington - Sanktionen des Westens werden der russischen Wirtschaftselite wahrscheinlich sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereiten, als sie derzeit zugeben will. Gestern noch winkte der Chef des Erdölkonzerns Rosneft Igor Setschin ab, als ihn die Nachrichtenagentur Prime auf das Thema ansprach. Man sei auf Sanktionen des Westens vorbereitet, sagte er. In einem solchen Fall könnte sich die Wirtschaft des Landes anderweitig orientieren. Wenige Stunden später klang er plötzlich ganz anders. "Eine Ausweitung der Sanktionen wird den Konflikt nur verschärfen", sagte er nun in einer Diskussionsrunde in Tokio.

Ungeachtet dieser kaum verhohlenen Drohung kündigten die USA weitere Sanktionen gegen Russland wegen dessen Vorgehen in der Krim-Krise an. "Da kommt noch mehr", sagte Präsidialamtssprecher Jay Carney in Washington. Er deutete an, dass als Nächstes auch Strafmaßnahmen gegen eine Reihe von einflussreichen Oligarchen mit engen Verbindungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin verhängt werden könnten, zu denen auch Setschin gehört. Zugleich soll in der kommenden Woche auf einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen (G7) in Den Haag besprochen werden, wie die Gruppe die Ukraine unterstützen könnte.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die bislang erlassenen Sanktionen in einem Telefonat mit seinem amerikanischen Kollegen John Kerry "inakzeptabel". Er drohte nach Angaben seines Ministeriums mit Konsequenzen, ohne ins Detail zu gehen.

Derweil telefonierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama erneut miteinander. Sie seien sich einig gewesen, gegenüber Putin zu betonen, dass die Krise weiterhin diplomatisch gelöst werden könne, teilte das US-Präsidialamt mit. Außerdem sprachen sie sich dafür aus, umgehend internationale Beobachter in den Osten und Süden der Ukraine zu entsenden.

Russische Aktien "unattraktiv"

Am Montag hatten die USA erste Sanktionen gegen einzelne Russen beschlossen. Auch die EU verhängte Strafmaßnahmen. Vielen Kritikern gehen diese Schritte jedoch nicht weit genug. Carney zeigte sich allerdings überzeugt, dass die Sanktionen die russische Wirtschaft treffen würden. Investoren empfahl er mit einem leichten Grinsen im Gesicht, derzeit russische Aktien besser zu meiden. Der russische Aktienmarkt und der Rubel hatten sich zuletzt zwar von ihren Kursverlusten nach Ausbruch des Konflikts um die ukrainische Halbinsel erholt. Aber auch Analysten bleiben skeptisch: "Die mittel- bis längerfristigen Perspektiven für die russischen Aktien bleiben aus unserer Sicht relativ unattraktiv", urteilten die Experten der Schweizer Großbank Credit Suisse.

Die Krise bringt jedenfalls zunächst Russlands Privatisierungspläne durcheinander. Die Behörde für Staatsbesitz hält es für möglich, dass für die erste Jahreshälfte geplante große Vorhaben verschoben werden müssen. "Es könnte gut sein, dass wir es erst im dritten und vierten Quartal angehen", sagte Behördenchefin Olga Dergunowa der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang die Fluggesellschaft Aeroflot, die Reederei Sowcomflot und den Ölriesen Rosneft . Auch die Telefongesellschaft Rostelecom steht auf der Liste von Unternehmen, von denen Staatsanteile verkauft werden sollen.

Die Krise lässt auch die Verkaufspläne von RWE für seine Gas- und Ölfördergesellschaft Dea an einen russischen Großinvestor in neuem Licht erscheinen. Angesichts der Lage auf der Krim sieht der stellvertretende Unionsfraktionschef Michael Fuchs jedoch Grund genug, die Transaktion noch einmal zu prüfen. Für ihn ist die deutsche Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland ohnehin viel zu hoch. Vor diesem Hintergrund passe ihm das RWE-Geschäft nicht, sagte er. Zuvor hatten sein Fraktionskollege Joachim Pfeiffer und die Vizechefin der Grünen-Fraktion, Kerstin Andreae, Vorbehalte deutlich gemacht.

mik/Reuters

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