Missbildungen bei Babys Justiz weitet Ermittlungen gegen Sanofi wegen Epilepsie-Medikament aus

Frankreichs Justiz ermittelt im Fall des Epilepsie-Mittels Depakine gegen den Pharmakonzern Sanofi - nun auch wegen "fahrlässiger Tötung". Der auch in Deutschland zugelassene Wirkstoff kann Kindern im Mutterleib schaden.
Depakine-Hersteller Sanofi: Über Risiken richtig informiert?

Depakine-Hersteller Sanofi: Über Risiken richtig informiert?

Foto: IROZ GAIZKA/ AFP

Die französische Justiz hat nach Tausenden Fällen von Missbildungen bei Neugeborenen sowie einigen Todesfällen das Strafverfahren gegen den Pharmakonzern Sanofi ausgeweitet. Neben den seit Februar laufenden Ermittlungen wegen "schwerer Irreführung" und "fahrlässiger Körperverletzung" liefen nun auch Ermittlungen wegen "fahrlässiger Tötung", räumte Sanofi gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ein - und bestätigte damit einen Bericht der Zeitung "Le Monde".

In dem schon seit Jahren schwelenden Streit geht es um das Medikament Depakine, das zur Behandlung von Epilepsien und bipolaren Störungen eingesetzt wird. Es enthält den auch in anderen Generika enthaltenen umstrittenen Wirkstoff Valproat, der bei der Einnahme durch Schwangere zu Missbildungen, Autismus und geistigen Behinderungen bei deren Kindern führen kann. Der IQ von Kindern leidet bis ins Schulalter.

Das Medikament wird in Frankreich seit 1967 verkauft. Laut einer Schätzung der französischen Arzneimittelaufsichtsbehörde ANSM vom April 2017 kamen bis zu 4100 Kinder in Frankreich wegen Valproat sogar mit schweren Missbildungen auf die Welt. Valproat wird auch in Deutschland verkauft.

Sanofi bestreitet die Vorwürfe

Der französische Verband Apesac, der Hunderte betroffene Familien vertritt, geht seit 2016 juristisch gegen Sanofi vor und stützt sich auf Fälle von Müttern, die Depakine während der Schwangerschaft einnahmen. Er wirft dem Konzern vor, Schwangere nicht hinreichend über die Risiken informiert zu haben. Die Ermittlungen umfassen einen Zeitraum von 25 Jahren: von 1990 bis 2015.

Nach Angaben von "Le Monde" geht es bei den neuen Ermittlungen um den Tod von vier Babys aus den Jahren 1990, 1996, 2011 und 2014, deren Mütter während der Schwangerschaft Depakine eingenommen hatten. Demnach soll geklärt werden, ob Sanofi "für ihren Tod verantwortlich gemacht werden kann".

Der Pharmakonzern wies die Vorwürfe zurück. Er habe bei dem Medikament seine "Informationspflichten erfüllt" und "bestreitet die Rechtmäßigkeit dieses Verfahrens", erklärte er. Deshalb fechte er es auch juristisch an.

Entschädigung an betroffene Familien leisten muss bereits der französische Staat. Ein Gericht in Montreuil bei Paris war vor Kurzem zum Schluss gekommen, dass die Behörden ihren Überwachungspflichten nicht nachgekommen seien. Es wurden keine geeigneten Maßnahmen ergriffen, um über die Gefährlichkeit des Mittels während der Schwangerschaft zu informieren. Nach Einschätzung des Gerichtsgutachters wussten die Behörden bereits seit 1983 von den Gefahren einer Missbildung und seit 2004, dass das Medikament auch für Autismus und Lernbehinderungen verantwortlich sein könnte.

apr/AFP