Selbstversuch Vegan, plastikfrei, nachhaltig

Vom Umweltschwein zum Gutmenschen - Sarah Schill hat ihr Leben komplett umgestellt. Nach zwei Jahren Selbstversuch ist die Autorin reif für den nächsten Schritt: mehr Engagement in Politik und Wirtschaft.

Autorin Schill: "Mein Footprint nimmt noch immer fast zwei Erdbälle ein"
Adrienne Meister

Autorin Schill: "Mein Footprint nimmt noch immer fast zwei Erdbälle ein"

Ein Interview aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Hilmar Poganatz


Zur Person
    Sarah Schill, 36, hat Filmproduktion studiert und arbeitet heute als Drehbuchautorin für Film und Fernsehen sowie als Lektorin und Fernsehjournalistin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und München. Ihr Buch "Anständig leben" ist im Südwest Verlag erschienen.
Frage: Frau Schill, waren Sie früher wirklich ein Umweltschwein der übelsten Sorte?

Schill: So habe ich mich beschrieben, ja. Ich habe zwar immer den Müll getrennt, kaufte viel Bio und hatte weder Auto noch Smartphone - aber als ich meinen ökologischen Fußabdruck berechnete, war ich schockiert: Wollten alle mein Leben führen, brauchten wir 2,96 Erden!

Frage: Und wie viele Erden brauchen Sie jetzt, nachdem Sie Ihr Leben umgestellt haben?

Schill: Ich ernähre mich fast nur noch regional und saisonal, fliege kaum noch, habe keine High-End-Geräte, bin zu 98 Prozent vegan, trinke nicht mehr aus Plastikflaschen und werfe guerillamäßig Blumensamen auf Beete und Wiesen. Trotzdem nimmt mein Footprint noch immer fast zwei Erdbälle ein.

Frage: Warum gelingt es Ihnen denn nicht, nur einen kleinen Fußabdruck zu hinterlassen?

Schill: Ein Problem ist das Mietshaus, in dem wir wohnen. Es ist nicht besonders gut isoliert. Natürlich könnten wir umziehen. Aber hier sehe ich auch eine Verantwortung beim Eigentümer und beim Gesetzgeber. Man kann dem Einzelnen nicht alles abverlangen, das wäre unrealistisch. Das größte Problem ist aber mein Reiseverhalten. Ich versuche zwar, so wenig wie möglich zu fliegen, aber vor Kurzem bin ich zum Beispiel für eine Dokumentation durch ganz Europa gereist. Das macht natürlich alles kaputt.

Frage: Das heißt, Ihr Projekt ist gescheitert?

Schill: So würde ich das nicht sagen. Von außen gesehen mögen manche meiner Erkenntnisse minimale Schritte gewesen sein. Für mich hat sich dabei aber Grundlegendes verändert. Manches liegt aber tatsachlich nicht in meiner Hand, sondern hat mit der Realität zu tun, in der wir leben. Für mich zählt das Wachsein, so wie im Film "Die Matrix": Nimmst du die blaue Pille, glaubst du, was immer du glauben möchtest. Nimmst du die rote, erkennst du, wie die Welt wirklich ist.

Gefunden in
Frage: Die Konsumumstellung hat also vor allem Ihnen selbst etwas gebracht?

Schill: Ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass ich sehr viele Leute beeinflusst habe, die wiederum andere Leute beeinflusst haben. Das gab einen richtigen Dominoeffekt.

Frage: Insofern: Ziel erreicht?

Schill: Ein Zwischenziel vielleicht. Mir ist aber inzwischen klar geworden, dass mir ethischer Konsum allein auf die Dauer nicht ausreicht. Ein nächster Schritt ist notwendig: mich politisch zu engagieren.

Frage: Wie wollen Sie sich denn politisch einbringen?

Schill: Ich knüpfe zurzeit Kontakte zu ein paar Parteien. Dabei schaue ich etwa, welchen Einfluss die ÖDP überhaupt hat und ob mir die Grünen noch grün genug sind. Ich muss mir meine Zeit dabei aber gut einteilen. Mit Job und Kind muss ich sehen, was an Engagement möglich ist.

Frage: In Ihrem Buch schildern Sie auch Möglichkeiten, sich beruflich für Nachhaltigkeit einzusetzen.

Schill: Ja, Bekannte von mir beraten Unternehmen darin, ein wenig ökologischer zu wirtschaften. So etwas fasziniert mich. Auch das Münchner Kartoffelkombinat, eine regionale Produktionsgemeinschaft für saisonales Bio-Gemüse, Brot und Honig. Kleine Projekte von ein oder zwei Leuten, die aber später eine große Sogwirkung entfalten.

Frage: Geht denn der Selbstversuch trotz Ihrer neuen Ambitionen weiter? Wollen Sie da noch mal an den Stellschrauben drehen?

Schill: Der Selbstversuch ist schon lange kein Versuch mehr, sondern in meine Lebensrealität übergegangen. Trotzdem: Das Ganze muss alltagstauglich bleiben. Ich kann mich nicht drei Wochen lang ausschließlich der Suche nach einem Wurmkomposter widmen, wie das beispielsweise der englische Journalist Leo Hickman gemacht hat. Der wurde dafür nämlich bezahlt. Und außerdem: Es gibt Grenzen.

Zum Autor
  • Hilmar Poganatz stieg mit 16 Jahren in den Journalismus ein, arbeitete für Regionalzeitungen und gründete nach seinem Volontariat 2002 das Büro Blockfrei in Berlin-Mitte. Seine Texte sind erschienen in Magazinen wie "Enorm", "Geo Special", "Playboy" und "Brand Eins" sowie in den Zeitungen "Welt am Sonntag", "SZ" und "FAZ". Poganatz schreibt Wirtschafts-, Reise- und Auslandsreportagen, arbeitet für Kundenmagazine und lehrt in München an der Deutschen Journalistenschule (DJS) und an der Burda Journalistenschule.
    www.poganatz.com
Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Mehr zum Thema


insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
depiedn 09.08.2014
1. durch die Globalisierung. ...
hat die Erde schon verloren....
cededa 09.08.2014
2. Wurmkomposter
sollte man sogar in Berlin selber bauen können, ist nämlich nicht sooo aufwendig.
kl1678 09.08.2014
3. vergebung
---Zitat von spon--- Schill:(...)Ich versuche zwar, so wenig wie möglich zu fliegen, aber vor kurzem bin ich zum Beispiel für eine Dokumentation durch ganz Europa gereist. Das macht natürlich alles kaputt. Frage: Das heißt, Ihr Projekt ist gescheitert? Schill: So würde ich das nicht sagen. Von außen gesehen mögen manche meiner Erkenntnisse minimale Schritte gewesen sein. Für mich hat sich dabei aber Grundlegendes verändert. ---Zitatende--- Also letztlich kann man ruhig an einem Tag so viel Kerosin in die fragile Stratosphäre jagen wie eine indische Großfamilie in 10 Jahren, solange man dabei das richtige Bewusstsein hat? Okay, da habe ich doch wieder was gelernt. Als ich neulich mit meinem SUV durch den Wald bretterte und dabei ein Reh überfuhr, überkam mich so eine Reue... seitdem ist alles wieder gut.
-snowlife- 09.08.2014
4.
Zitat von depiednhat die Erde schon verloren....
quatsch, die erde wird es noch lange nach der menschheit geben, auch tiere und andere lebensformen. ob es den menschen noch giebt, dies könnte eine andere frage sein. aber der erde ist dies so ziemlich egal.
oli.mueller 09.08.2014
5. Nachhaltig
Zitat von kl1678Also letztlich kann man ruhig an einem Tag so viel Kerosin in die fragile Stratosphäre jagen wie eine indische Großfamilie in 10 Jahren, solange man dabei das richtige Bewusstsein hat? Okay, da habe ich doch wieder was gelernt. Als ich neulich mit meinem SUV durch den Wald bretterte und dabei ein Reh überfuhr, überkam mich so eine Reue... seitdem ist alles wieder gut.
Nachhaltig wäre es gewessen das Reh auf den Grill zu schmeissen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.