Saudi-Arabien steigert Produktion Der Preiskampf am Ölmarkt eskaliert

Saudi-Arabiens Förderreserve sichert die globale Ölversorgung ab. Nun nutzt Riad sie als Waffe gegen Russland und die USA - mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und politische Stabilität.
Eine Analyse von Stefan Schultz
Ölraffinerie in den USA: Der große Verlierer des Machtpokers

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DAVID MCNEW/ AFP

Der Schlag kam plötzlich, aber nicht ganz überraschend: Am Mittwochmorgen kündigte Saudi-Arabien an, seine Ölproduktion schnellstmöglich um eine Million Barrel pro Tag steigern zu wollen. Der Ölpreis fiel jäh um fünf Prozent auf knapp über 30 Dollar - nachdem er zu Beginn der Woche ohnehin schon seinen größten Einbruch seit Beginn des Golfkriegs verbucht hatte.

Die Nachricht ging am Mittwoch etwas unter, weil die halbe Welt mit den Folgen der Corona-Pandemie beschäftigt ist. Doch das Manöver aus Riad dürfte der Beginn eines fundamentalen Strukturwandels auf dem globalen Ölmarkt sein.

Für den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman bietet die Corona-Pandemie die perfekte Gelegenheit für ein strategisches Manöver: Die Gemengelage aus allgemeiner Verunsicherung und weltwirtschaftlicher Destabilisierung bringt ihn in eine Position der Stärke, in der er die Ölpreise regelrecht abstürzen lassen kann.

Zentraler Hebel dafür ist Saudi-Arabiens sogenannte Reservekapazität. Das Königreich ist einer der wenigen Ölexporteure, die ihre Produktion bei Bedarf signifikant steigern können. Fast alle anderen Nationen fördern stets am Limit oder haben nur kleine, unbedeutende Spielräume nach oben.

Saudi-Arabiens Reservekapazität ist eigentlich dafür gedacht, die globale Ölversorgung zu sichern, wenn in anderen Exportnationen die Förderung einbricht. Zum Beispiel wegen des Bürgerkriegs in Libyen oder wegen eines Ölembargos gegen Iran.

Nun plötzlich nutzt Saudi-Arabien diese Reserve als Waffe gegen seine ärgsten Konkurrenten: die USA und Russland.

Attacke mit Ansage

Der Offensive aus Riad ist ein Streit mit der Regierung in Moskau vorausgegangen. Vergangene Woche hatte das Ölkartell Opec, dessen mit Abstand mächtigster Vertreter Saudi-Arabien ist, mit Russland, einem der drei größten Förderländer der Welt, darüber verhandelt, den globalen Ölmarkt angesichts der Coronakrise zu stützen. Wegen der Viruspandemie wird erwartet, dass die weltweite Wirtschaftsleistung sinkt. In der Folge verringert sich der weltweite Bedarf an Öl. Das wiederum drückt die Preise.

Saudi-Arabien wollte durchsetzen, dass die Opec und Russland ihre Ölproduktion kollektiv drosseln, um das globale Ölangebot zu verknappen - und so dem Preisverfall entgegenzuwirken.

Lieber etwas weniger Öl fördern, dafür aber an den geförderten Barrels mehr verdienen – so lautete die altbekannte Strategie. Die Opec und ihr Partner Russland wenden diese ohnehin seit gut drei Jahren an, um das Überangebot am Weltölmarkt einzudämmen.

Vergangene Woche ging das Kalkül nicht mehr auf. Mehrere Länder weigerten sich, ihre Förderung noch weiter zu drosseln. Vor allem Russland sperrte sich.

Die Förderkürzungen der vergangenen Jahre hätten unterm Strich vor allem die USA gestärkt, argumentierten die Russen. Deren Firmen würden durch die umstrittene Frackingmethode immer mehr Öl aus Schiefergestein fördern und sich am Weltmarkt immer größere Anteile erkämpfen. Die Russen stellten laut "Financial Times" nicht nur den unliebsamen Förderkürzungspakt infrage. Sie drohten auch damit, ihre Förderung zu steigern.

Nun ist Saudi-Arabien den Russen in diesem Punkt offenbar zuvorgekommen. Und der Preiskampf am Ölmarkt eskaliert.

Ölpreis von 20 Dollar möglich

In Russland und Saudi-Arabien liegen die Förderkosten mancher Ölfelder bei weniger als zehn Dollar. Die US-Frackingindustrie hat dagegen vergleichsweise hohe Produktionskosten: Die Förderung eines 159-Liter-Barrels Öl kostet nach Angaben von Analysten zwischen 50 und 70 Dollar. Manche Firmen haben zudem gerade Probleme, Investoren zu finden. Der Absturz der Ölpreise trifft die US-Frackingindustrie also zur Unzeit.

Saudi-Arabien versuche, den Weltölmarkt zu restrukturieren, sagte Damien Courvalin, Chefanalyst für Energie bei der US-Bank Goldman Sachs, dem TV-Sender CNBC. Der Ölpreis dürfte nach seiner Einschätzung für mehrere Monate bei 30 Dollar bleiben, womöglich sogar gen 20 Dollar sinken - es sei denn, die Russen knicken doch noch ein und senken ihre Förderung.

Falls nicht, würde ein Durchhaltewettbewerb beginnen. Sowohl Russland als auch Saudi-Arabien sind wirtschaftlich stark von den Einnahmen aus ihren Ölexporten abhängig:

  • Die russische Regierung braucht nach Schätzungen des Weltwährungsfonds  einen Ölpreis von rund 45 Dollar, um ihre Haushaltskosten zu decken.

  • Die saudi-arabische Regierung braucht sogar einen Preis von rund 85 Dollar.

Beide Staaten verfügen über Kapitalreserven, können das Preistief also eine Weile durchhalten. Die Frage ist, wer dabei den längeren Atem hat. Fiskalpolitisch schmerzt Saudi-Arabien jedes billig verkaufte Barrel mehr als Russland; dafür exportiert das Königreich durch die erhöhte Fördermenge nun auch deutlich mehr Öl.

Russland indessen leidet nicht nur unter dem niedrigen Ölpreis, sondern auch unter dem Verfall des Rubels. Noch im Januar gab es für einen Euro an den Wechselstuben 68 Rubel, derzeit sind es schon mehr als 80 Rubel.

Die US-Frackingindustrie jedenfalls dürfte der große Verlierer in diesem globalwirtschaftlichen Schachspiel sein. Sollte bin Salmans Kalkül aufgehen, würden die US-Ölexporte bald merklich sinken und Saudi-Arabiens Marktanteile steigen.

Geopolitisches Risiko

Politisch ist das allerdings kein gutes Signal. Die Region Nahost dürfte durch ein länger anhaltendes Preistief noch stärker destabilisiert werden, als es derzeit ohnehin schon der Fall ist.

Staaten wie der Irak, Iran oder die Vereinigten Arabischen Emirate sind auf Einnahmen aus Ölexporten ebenfalls angewiesen und geraten nun unter Druck.

In anderen Fördernationen wie Angola oder Venezuela könnten sich durch den niedrigen Ölpreis die schon jetzt großen politischen Probleme verschärfen.

Der ohnehin gebeutelten Weltwirtschaft indessen erweist Saudi-Arabien mit seiner Kampfpreisstrategie einen Dienst. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzt ein sinkender Ölpreis unterm Strich Kapital frei, weil er den Konsum tendenziell stärkt. Bei einem Preisrückgang von zehn Prozent wächst die Weltwirtschaft um 0,2 Prozent mehr, lautet die Faustregel des IWF.

Ob sie auch in der aktuellen Coronakrise gilt, in der Konsumenten eher verunsichert sind, wird sich zeigen. Unterm Strich aber dürfte der niedrige Ölpreis der Weltwirtschaft eher nützen. Für die geopolitische Stabilität ist er ein Risikofaktor.

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