Syrien-Konflikt Die Angst vor der neuen Ölkrise

Ein möglicher Militärschlag der USA gegen das Assad-Regime verunsichert die Märkte. Der Ölpreis ist gestiegen. Händler fürchten einen Flächenbrand in Nahost, sehen Förderstätten und Transportwege in der ganzen Region bedroht. Wo die Gefahren lauern: die große Übersicht.
Ölfeld nahe der syrischen Stadt Derik: Nervöser Ölmarkt

Ölfeld nahe der syrischen Stadt Derik: Nervöser Ölmarkt

Foto: Manu Brabo/ AP

Hamburg - Auch nach dem überraschenden Nein des britischen Parlaments besteht die Gefahr eines Militärschlags gegen Syrien. Die USA könnten das Land womöglich im Alleingang bombardieren, um einen mutmaßlichen Giftgasangriff von Diktator Baschar al-Assad gegen Zivilisten zu ahnden.

Die drohende Kriegsgefahr beschäftigt nicht nur Politiker in aller Welt. Sie belastet auch den Ölmarkt. Am Mittwoch war der Preis für die Nordseesorte Brent auf bis zu 117 Dollar pro Barrel (159 Liter) gestiegen, den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Auch am Freitag hielt sich der Preis bei mehr als 115 Dollar.

US-Finanzfirmen sorgen sich um die Lage in Syrien. Sie sprechen vom "größten geopolitischen Risiko" seit dem Irak-Krieg 2003. Tageszeitungen zeigen brennende Pipelines und ziehen Vergleiche zur Ölkrise 1973, als die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ihre Lieferungen gen Westen drosselte, als Strafe für die Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg.

Der Vergleich mit der Ölkrise der siebziger Jahre ist falsch. Der Nahe Osten steht längst nicht geschlossen hinter Diktator Assad. Mit Saudi-Arabien steht das größte Ölförderland der Welt sogar an der Seite des Westens. Ein Boykott wie 1973 ist kaum vorstellbar. Der Ölpreis ist dennoch hoch - nicht nur wegen der Lage in Syrien:

  • Die Produktion wird der Nachfrage derzeit kaum gerecht: Der Industrie in den USA und in China geht es besser als erwartet, in Europa ist zumindest keine konjunkturelle Verschlechterung abzusehen. Dadurch wird die Nachfrage nach Öl in den kommenden Monaten größer sein als erwartet. Doch ausgerechnet jetzt ist die Produktion gleich in mehreren Ländern gestört: In Nigeria gibt es ebenso Probleme wie bei der Ölförderung in der Nordsee.
  • Im Nahen Osten gibt es schon jetzt zahlreiche Krisenherde: In der Region, die noch immer gut ein Drittel des globalen Bedarfs deckt, ist die Ölversorgung schon jetzt an vielen Orten gefährdet. In Libyen können wegen Streiks und unklaren Besitzansprüchen für das Öl teilweise nur 30 Prozent der üblichen Produktionsmenge verschifft werden. Irans Ölexporte sind eingebrochen, seit der Westen ein Embargo gegen das Land verhängt hat. Im Irak werden regelmäßig wichtige Ölpipelines angegriffen. Und Ägypten, das am für den Öltransport wichtigen Suezkanal liegt, wird seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi von massiver Gewalt erschüttert.

Zu all diesen Problemen kommt nun noch die Sorge um Syrien hinzu. Dabei geht es nicht um die Ölproduktion im Land selbst - die liegt ohnehin seit Jahren danieder. Größer ist die Angst, dass sich die Lage in Nahost weiter destabilisiert, wenn sich die Syrien-Krise verschärft: Wenn die USA Syrien bombardieren, wie reagieren dann Iran und die libanesische Hisbollah? Was unternimmt Israel? Bleibt es wirklich bei einem kurzen strategischen Bombardement? Oder versinkt die ganze Region in einem langen Krieg?

Wie begründet diese Ängste sind, spielt an den Ölmärkten erst mal keine Rolle. Schon die Vorstellung, dass all das passieren könnte, treibt die Preise nach oben. Viele kaufen derzeit Ölkontrakte: Großverbraucher wie Fluggesellschaften, die sich gegen mögliche Engpässe absichern wollen. Börsenhändler, die einen Teil ihres Portfolios in Öl umschichten. Spekulanten, die - nicht zu Unrecht - hoffen, dass der Ölpreis steigt.

Doch wie realistisch sind all die Horrorszenarien wirklich? Zumindest eine globale Ölkrise droht auf absehbare Zeit nicht. "Die Produktion in den USA und in Kanada ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und hat die Ausfälle in Nahost kompensiert", sagt Steffen Bukold , Autor des Standardwerks "Öl im 21. Jahrhundert". Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. In Nahost indes gibt es teils wirklich große Risiken; teils werden die Gefahren übertrieben.

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