Schlammlawinen in Brasilien Tal der Toten

dpa

Aus Teresópolis berichtet

2. Teil: "Viele Opfer sind entsetzlich verstümmelt"


Den Angehörigen würden ab sofort nur Fotos gezeigt, der Anblick der Toten solle ihnen erspart bleiben, berichtet Marcos Antonio da Silva, ein Stadtangestellter, der sich freiwillig zum Dienst in der Leichenhalle gemeldet hat: "Viele Opfer sind entsetzlich verstümmelt. Sie können nur anhand ihres Gebisses oder mittels DNA-Proben identifiziert werden."

Während die Wartenden klagend oder weinend vor der Leichenhalle ausharren, kehrt wenige Straßenblocks weiter der Alltag zurück. Das Zentrum der 160.000-Einwohner-Stadt hat kaum unter den Regenfällen gelitten. Einige Supermärkte, Handy-Läden und Boutiquen sind geöffnet. Viele Ladenbesitzer hatten ihr Geschäfte aus Angst vor Plünderungen zunächst geschlossen, doch bislang ist es nur vereinzelt zu Diebstählen gekommen. Jetzt öffnen die Läden wieder. An den Straßenecken wachen Polizisten.

Am Rio Posse holen die Überlebenden Kühlschränke, Herde und Möbel aus ihren Häusern. Polizisten treiben sie zur Eile an. "Oben am Fluss gießt es in Strömen, jederzeit kann wieder eine Schlammlawine losbrechen", warnt der Einsatzleiter. In dem Stadtviertel Caleme, das nur wenige Kilometer entfernt liegt, ragen mehrere riesige Felsen aus einem blanken Bergrücken, sie können jeden Moment zu Tal stürzen. Dreißig oder vierzig Meter unter ihnen stoßen Bergungstrupps ihre Schaufeln in die feuchte Erde.

Zwanzig Häuser standen hier, eine Schlammlawine hat alle mitgerissen, nur von einem stehen noch die Grundmauern. "24 Tote haben sie hier herausgeholt", erzählt Sandra Mateus, ihre neunjährige Tochter klammert sich an ihren Rock. Sandras Mann Cleobier ist Polizist, er kommt dem Besucher mit einer schwarzen Trage entgegen, darauf liegen zwei Körper in Plastiksäcken. "Das sind Nachbarn von uns", sagt Sandra. "Wir haben Glück gehabt, unser Haus steht noch."

Sie weist auf ein gelbes Gebäude am Rande der Schneise aus Bäumen, Trümmern und Autowracks, die der Fluss in das Viertel geschlagen hat. "Wir haben zugesehen, wie die Lawine ins Tal gerauscht ist. Das Geräusch werde ich nie vergessen, das ganze Haus hat vibriert."

"Die meisten Brasilianer leben in Risikogebieten"

Jetzt wartet sie darauf, dass die Feuerwehr die Felsen sprengt, die oben am Berg so bedrohlich aus dem Hang ragen. "Solange dieses Brocken dort hängen, dürfen wir nicht in unser Haus zurückkehren." Sie ist mit ihrer Familie vorübergehend bei einer Tante untergeschlüpft.

Wer nicht bei Angehörigen unterkommt, sucht in der Gemeinde-Sporthalle von Teresópolis Zuflucht. Dort drängen sich Hunderte Familien, die ihre Häuser verloren haben oder vorerst nicht zurückkehren dürfen, weil ihre Grundstücke als Risikogebiete ausgewiesen sind.

In Teresópolis tickt eine Zeitbombe, das wird jedem klar, der für ein paar Stunden durch die gewundenen Straßen und Täler der Außenbezirke fährt. Wie Krähennester kleben viele Häuser an den Hängen. Die wilde, ungeregelte Besiedlung von Hügeln, Bergen und Urwäldern sei nicht die Ausnahme, sondern die Regel, bekannte Präsidentin Dilma Rousseff, die am Donnerstag das Katastrophengebiet besuchte: "Die meisten Brasilianer leben in Risikogebieten."

Zehntausende Menschen haben sich allein in Teresópolis in den vergangenen Jahren neu angesiedelt: Die Reichen aus Rio kauften teure Grundstücke in den Flusstälern, weil sie hier eine Zuflucht vor dem Stress und der Hitze der Großstadt fanden. Die Armen bauten oben an den Hängen ihre Hütten, weil die Reichen neue Jobs nach Teresópolis brachten: Sie brauchen Gärtner, Putzfrauen, Hausmeister, Kindermädchen und Köche.

Die Behörden haben der grenzenlosen Bauwut keinen Einhalt geboten: Die Reichen sind zu mächtig und die Armen zu zahlreich. Die Natur hat sich jetzt an beiden gerächt.

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