Schlechte Griechenland-Ratings "Wenn das Rettungspaket steht, werden die Märkte sich beruhigen"

Rating-Agenturen stehen in der Kritik, weil ihre Bewertungen Europas Schuldenkrise verschärfen. Brian Coulton ist Griechenland-Experte der Agentur Fitch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er die Gründe für die Abwertung des Landes - und warum er an eine baldige Entspannung glaubt.

Proteste in Griechenland: "Politische Opposition könnte das Sparprogramm gefährden"
dpa

Proteste in Griechenland: "Politische Opposition könnte das Sparprogramm gefährden"


SPIEGEL ONLINE: Herr Coulton, Ihr Konkurrent, die Rating-Agentur Standard & Poor's, hat Griechenland das Rating "Junk" verpasst - was so viel bedeutet wie "Ramsch". Sie sind optimistischer, was die Kreditwürdigkeit des Landes angeht. Warum?

Coulton: Wir haben Griechenland viermal heruntergestuft, das letzte Mal vor etwa zwei Wochen auf "BBB-". Das ist eine Feinabstufung vor dem spekulativen Status. Ich würde das nicht allzu optimistisch nennen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie glauben nicht mehr so recht an die Bonität Griechenlands?

Coulton: Unsere letzte Herabstufung kam unter anderem, weil der Druck der Finanzmärkte unerwartet stark gestiegen war. Das heißt: Für die Regierung war es wegen der gestiegenen Zinsen extrem teuer, sich an den Märkten Geld zu leihen.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile klettern diese Zinsen von einem Rekord zum nächsten. Heißt das, auch Sie werden den Daumen für Griechenland bald ganz nach unten drehen?

Coulton: Nicht unbedingt. Die Situation hat sich geändert. Die Risikoaufschläge spielen inzwischen für uns gar keine große Rolle mehr. Weil Griechenland sich schlicht erst einmal kein Geld mehr an den Märkten leihen wird. Unsere aktuelle Einschätzung basiert auf der Annahme, dass das mittlerweile zugesagte 45-Milliarden-Euro-Hilfspaket die Liquidität des Landes sichern wird.

SPIEGEL ONLINE: Daran glauben Sie noch? In Berlin ist längst die Rede davon, dass Griechenland in den kommenden Jahren 120 Milliarden Euro oder mehr braucht.

Coulton: Es geht um die kommenden zwölf Monate. Und derzeit gehen wir tatsächlich davon aus, dass dafür 45 Milliarden Euro reichen. Für uns ist jetzt die Umsetzung der Hilfsmaßnahmen entscheidend. Und ein zweiter Punkt: dass Griechenland sein selbstgesetztes Sparziel erreicht, seine Neuverschuldung also 2010 gemessen am Bruttoinlandsprodukt um vier Prozentpunkte senkt. Dann besteht auch die Hoffnung, dass das Land kommendes Jahr am Markt schon wieder Geld zu halbwegs erschwinglichen Konditionen auftreiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass die griechische Regierung ihre Spar-Versprechen einhält? Die Menschen gehen in Athen schon jetzt fast täglich auf die Straße. Die bislang verkündeten Maßnahmen reichen aber noch lange nicht aus.

Coulton: Die politische Opposition könnte einer der Faktoren sein, die den Erfolg des Sparprogramms gefährden, das ist richtig. Darum ist dessen Umsetzung auch die Schlüsselfrage, die uns gerade beschäftigt. Misslingt die Spar-Offensive, wird es auch Probleme geben, vom Internationalen Währungsfonds (IWF) noch mehr Kredite als die bereits versprochenen zehn Milliarden Euro zu bekommen. Denn die IWF-Hilfen sind an Bedingungen gekoppelt.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen ist nicht nur Griechenland herabgestuft worden, sondern auch Portugal und Spanien. Ist das der Beginn einer Kettenreaktion?

Coulton: Auch wir haben die Note für Portugal auf "AA-" gesenkt. Weil Portugal ein hohes Staatsdefizit hat und dieses derzeit nur sehr langsam reduziert. Aber wir sind davon überzeugt, dass Portugal wirtschaftlich wesentlich robuster ist als Griechenland. Die portugiesische Regierung ist für uns viel glaubwürdiger, allein schon, weil sie sich vor der aktuellen Rezession über zwei oder drei Jahre hinweg bemüht hat, den Schuldenberg abzutragen. Allerdings sorgt uns bei Portugal sehr die schwache Wirtschaft, die sich in zehn Jahre wenig dynamisch entwickelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen all diese Faktoren in Ihre Berechnungen eines Ratings ein?

Coulton: Ein wichtiger Faktor ist das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftskraft. Legt die Verschuldung schneller zu als das Bruttoinlandsprodukt, ist das entsprechend schlecht fürs Rating - wie im Fall Portugals.

SPIEGEL ONLINE: Das aktuelle Horrorszenario lautet: Die Griechenland-Krise breitet sich aus wie ein Flächenbrand. Wie ist Ihre Einschätzung: Müssen Sie in den kommenden Wochen noch anderen Ländern schlechte Noten verpassen?

Coulton: Ich glaube, die gegenwärtige Situation hat viel mit Unsicherheit zu tun. Wenn das Rettungspaket für Griechenland steht, werden sich auch die Märkte beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Staatsanleihen aller Euro-Staaten galten jahrelang als relativ risikofreie Anlage. Warum wurden die Probleme bei Ländern wie Griechenland an den Märkten lange nicht erkannt? Da haben Sie doch auch als Rating-Agentur versagt.

Coulton: Moment: Die Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Länder waren jahrelang fast gleich, weil die Anleger keinen Unterschied machten. Aber die Ergebnisse unserer Analysen für Italien oder Griechenland waren immer sehr viel schwächer als die für Deutschland. Griechenland lag sechs Feinabstufungen unter der Bundesrepublik. Und schon vor einem Jahr haben wir begonnen, das Rating des südeuropäischen Staates weiter zu senken. Wir haben die Anleger sehr wohl früh genug gewarnt.

SPIEGEL ONLINE: Man wundert sich allerdings manchmal über den Zeitpunkt, den Rating-Agenturen für Neubewertungen wählen. Das neue Rating von Standard & Poor's für Griechenland kam zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, als gerade das Hilfspaket geschnürt wurde. Danach schossen die Risikoaufschläge für Staatsanleihen auf ein neues Rekordniveau. War das nötig?

Coulton: Ich kann die Arbeit von Kollegen nicht beurteilen. Wir ändern unser Rating genau dann, wenn wir aufgrund neuer Basisdaten das alte für nicht mehr angemessen halten - und der Meinung sind, dass wir unsere Anleger warnen müssen.

Das Interview führte Anne Seith

insgesamt 21 Beiträge
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c++ 30.04.2010
1. Ratingagenturen haben versagt
Nun hat sich die wirtschaftliche Situation Griechenlands nicht über Nacht verschlechtert. Eine vernünftige Ratingagentur sollte die Entwicklung längerfristig analysieren können, so drängt sich schon der Verdacht auf, dass hier auch Politik gemacht wird. Politische Folge der Panik, die die Ratingagenturen geschaffen haben, ist der Druck auf die Regierungen, unverzüglich und schnellstens Kohle rüberzuschieben an Griechenland, damit dies die Kredite an die Banken und andere Gläubiger zurückzahlen sicher kann. Spätestens seit dem totalen Versagen der Ratingagenturen bei der großen Finanzkrise, als AAA geratete Anleihen sich als der letzte Schrott erwiesen, haben die Bewertungen der Ratingagenturen schon vo Kaffeesatzleserei an sich. Man sollte sie nicht so ernst nehmen
michael_mueller 30.04.2010
2. .
Zitat von sysopRating-Agenturen stehen in der Kritik, weil ihre Bewertungen Europas Schuldenkrise verschärfen. Brian Coulton ist Griechenland-Experte der Agentur Fitch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er die Gründe für die Abwertung des Landes - und warum er an eine baldige Entspannung glaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,692148,00.html
"Wenn das Rettungspaket steht, werden die Märkte sich beruhigen" Für diese weise Erkenntnis braucht man nicht Volkswirtschaft studiert haben. Das ist doch klar, weil das Ausfallrisiko für die gegebenen und noch zu gewährenden Kredite auf die deutschen, die französischen und niederländischen Steuerzahler abgewälzt wurde. So einfach ist das. Und dass wir von den Krediten keinen müden Euro wiedersehen werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Griechenland wird auch in drei oder mehr Jahren nicht in der Lage sein, die jetzt gewährten Kredite zurückzuzahlen, da es ja nicht mal in der Lage ist, seine alten Kredite zu bedienen. Und da Griechenland nicht zahlen können wird, müssen die deutschen Steuerzahler einspringen. Das wissen unsere Politiker auch und trotzdem geben sie Kredite. Damit begehen die den Straftatbestand der Veruntreuung von deutschen Steuergeldern und der SPIEGEL mit seiner Propaganda leistet tatkräftig Beihilfe dazu. Pfui!
Inuk 30.04.2010
3. Sparziele
Zitat von sysopRating-Agenturen stehen in der Kritik, weil ihre Bewertungen Europas Schuldenkrise verschärfen. Brian Coulton ist Griechenland-Experte der Agentur Fitch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er die Gründe für die Abwertung des Landes - und warum er an eine baldige Entspannung glaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,692148,00.html
Ich bin [b]nicht[b] überzeugt, dass Griechenland seine selbst gesteckten Sparziele erreichen kann. Die Massen- und Generalstreiks die laufen und angekündigt werden zeigen, dass die Griechen nicht bereit sind, ernsthaft gegen die schlimme Krise anzugehen. Die Schulden können nicht zurück gezahlt werden.
reinerotto 30.04.2010
4. Und wieder die Rating Agenturen ...
Waren die nicht auch für die Finanzkrise wesentlich mit verantwortlich, wegen ihrer übertrieben positiven Ratings für viele Immobilien (-zertifikate) in den USA ? Da stellt sich doch für mich die Frage, warum der Markt oder die Spekulanten den Agenturen nun doch wieder ihr Vertrauen schenken. Allerdings: Wer diese Ratinganpassungen nur ein wenig früher als die Öffentlichkeit in Erfahrung bringt, der könnte ganz schön damit verdienen ...
tonicottura 30.04.2010
5. eben, die "Aktien" Märkte werden sich wieder
beruhigen, nur darum geht es, die Realwirtschaft ist doch für unsere Parlamentarier nur sekundär, die Grosskapitalisten dürfen nicht unter die Räder kommen, auf keinen Fall, übrigends halten gerade mal 5! der deutschen Bevölkerung Aktien...
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