Debatte über Schuldenerlass Die Sehnsucht nach dem großen Schnitt

Obwohl die Bundesregierung abwiegelt: Für das hoch verschuldete Griechenland scheint ein weiterer Schuldenerlass nur eine Frage der Zeit. Doch einige Ökonomen fordern noch mehr: Sie wollen gleich alle Krisenländer von der drückenden Zinslast befreien - oder am besten die ganze Welt.
Teil einer Euro-Münze: Jubelfest für die Schuldner

Teil einer Euro-Münze: Jubelfest für die Schuldner

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Hamburg - Wenn es um Forderungen geht, formuliert der griechische Wirtschaftsminister listenreich wie einst Odysseus: Wenn man zuverlässig sei, würden die europäischen Partner schon ihre Solidarität zeigen, ließ Kostis Hatzidakis in dieser Woche per Interview ausrichten. Mit anderen Worten: Griechenland setzt darauf, dass die übrigen Euro-Staaten ihm einen Teil seiner Schulden erlassen. Es wäre der zweite Schuldenschnitt innerhalb kurzer Zeit: Erst Anfang 2012 hatten die privaten Gläubiger auf die Rückzahlung von rund hundert Milliarden Euro verzichtet .

In Berlin wird so etwas gar nicht gerne gehört. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will am liebsten gar nicht über einen weiteren griechischen Schuldenschnitt reden - erst recht nicht vor der Bundestagswahl Ende September. "Ich sehe das nicht", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung". Ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte bereits in der vergangenen Woche verkündet, man werde so etwas "nicht mehr machen".

Doch die Debatte sind die beiden damit nicht losgeworden. Im Gegenteil: Für viele Fachleute ist ein weiterer Schuldenschnitt für Griechenland ohnehin unvermeidlich. Sie schauen bereits weiter - etwa nach Portugal, wo die Krise gerade wieder aufflammt - und fordern einen viel umfassenderen Plan: Nicht nur Griechenland, auch andere Krisenländer sollen einen Teil ihrer Verbindlichkeiten erlassen bekommen. Nur so werde Europa aus seiner misslichen Lage herauskommen.

Die Liste derer, die für einen großen Schnitt plädieren, ist so lang wie bunt gemischt. Sie reicht von ausgewiesenen Linken wie Sahra Wagenknecht und dem Occupy-Vordenker David Graeber über Pragmatiker wie den Unternehmensberater Daniel Stelter von der Boston Consulting Group bis hin zum Erzliberalen Lüder Gerken vom Freiburger Centrum für europäische Politik (CEP).

Ifo-Chef Sinn: Je früher, desto besser

Auch die Chefs der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute plädieren für eine umfassende Lösung. "An einem Schuldenschnitt kommt man nicht vorbei", sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts. "Je früher er durchgeführt wird, desto billiger wird die Krise für die Steuerzahler, die sonst für die Auszahlung der Gläubiger herangezogen würden." Ein Schuldenschnitt müsse allerdings mit einer Neuordnung der Euro-Zone einhergehen. Alle betroffenen Länder müssten sich in einem Währungssystem befinden, in dem sie wettbewerbsfähig sind.

Kürzlich hatte sich bereits Clemens Fuest, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), für einen Schnitt ausgesprochen: "Ich glaube nicht, dass es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen kann, wenn die Verschuldung in den Krisenstaaten nicht deutlich gesenkt wird", sagte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Die Schuldenberge sind derzeit so hoch wie selten zuvor - und das nicht nur in Europa. Der japanische Staat etwa steht mit mehr als dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes in den Miesen. Noch schlimmer ist die Lage, wenn man nicht nur die Staatsschulden betrachtet, sondern auch die des privaten Sektors, also der Unternehmen und Haushalte (siehe Grafik). Dann nämlich lag die Verschuldung in Japan im Jahr 2011 bei fast 400 Prozent, in Irland sogar darüber und in Spanien und Portugal immerhin noch bei mehr als 300 Prozent. Allein der Euro-Raum ist demnach mit mehr als 24 Billionen Euro verschuldet.

Gigantische Berge: Öffentliche und private Schulden

Gigantische Berge: Öffentliche und private Schulden

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Eine Gesamtbetrachtung der Schuldensituation ist wichtig", sagt Harald Hau, Professor am Swiss Finance Institute in Genf. In Spanien etwa seien die Unternehmen so hoch verschuldet, dass die Probleme der Banken verschärft und die Finanzierung von Investitionen erheblich erschwert würden. "Auch die Verschuldung der Haushalte spielt eine Rolle", sagt Hau. "Sie setzt etwa der weiteren Steuerbelastung enge Grenzen".

Wie bedrohlich gerade ein überschuldeter Unternehmenssektor werden kann, zeigt sich derzeit in China. Der Staat selbst hat dort zwar nur relativ geringe Verbindlichkeiten. Laut Schätzungen der US-Bank Citigroup waren aber die chinesischen Unternehmen Ende 2012 mit rund 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Über Jahre wurden sie von den staatlichen Banken so großzügig mit Krediten versorgt, dass sich eine gewaltige Blase aufpumpte, die nun zu platzen droht.

"Einen schmerzfreien Weg gibt es nicht"

Angesichts solcher Probleme ist es nur logisch, dass die Sehnsucht nach dem großen Schnitt wächst, der die Welt von ihren Schulden befreit. Schon suchen die Befürworter nach historischen Vorbildern. Der Anthropologe und Occupy-Vordenker Graber hat gleich mehrere gefunden. In seinem Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" beschreibt Graeber etwa die Jubeljahre im alten Mesopotamien. Damals wurden Kreditverträge auf Tontafeln festgehalten, die in regelmäßigen Abständen zertrümmert wurden - es gab einen vollständigen Neustart. Ähnliches fordert Graeber auch heute: "Es scheint mir, dass es längst Zeit ist für ein biblisches Jubelfest."

Doch nicht alle dürften jubeln, wenn es zu einem großangelegten Schuldenschnitt käme. Denn jedem Schuldner steht auch ein Gläubiger gegenüber - also einer, der das Geld verliehen hat und es nun abschreiben muss. Oft sind das Banken, aber auch viele normale Arbeitnehmer wären betroffen. Über ihre Renten- oder Lebensversicherungen sind auch sie indirekt Gläubiger von Staaten - und würden auf einen Schlag viel Geld verlieren. Ökonomen fürchten, dass das gesamte Finanzsystem ins Chaos stürzen könnte.

Deshalb suchen Experten nach einer sanfteren Methode. "Wir müssen einen intelligenten Weg finden, um mit dem Schuldenüberhang umzugehen", sagt Daniel Stelter, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Zusammen mit Kollegen hat Stelter das Buch "Die Billionen-Schuldenbombe" veröffentlicht. Darin plädieren die Autoren zwar für einen Schuldenschnitt in der Euro-Zone, der sowohl für staatliche als auch für private Verbindlichkeiten gilt. Die Lasten sollen aber nicht direkt anfallen, sondern über einen längeren Zeitraum gestreckt werden, etwa über einen europäischen Schuldentilgungsfonds. Das würde die schmerzhaften Folgen lindern, verhindern würde es sie jedoch nicht. Zahlen müssten am Ende vor allem die Vermögenden.

Stelter ist sich des Problems bewusst. Doch die Alternativen - wie etwa eine höhere Inflation - sind für ihn noch ungerechter: "Einen schmerzfreien und billigen Weg aus der Krise gibt es nicht."