Schwarzarbeiter in der Coronakrise Weiterarbeiten, weiterleben, irgendwie

Arbeitsmigranten aus Osteuropa sind in der Coronakrise schutzlos. Wer krank wird, verliert oft Job und Obdach. Medizinische Versorgung gibt es kaum. Drei Tagelöhner berichten.
Eine Reportage von Stefan Schultz
Arbeitsmigranten Velev und Angelov in Hamburg-Wilhelmsburg

Arbeitsmigranten Velev und Angelov in Hamburg-Wilhelmsburg

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Stamismir Panov fürchtet, seinen Platz im Container zu verlieren, falls sein Coronatest positiv ist. Sergey Angelov fürchtet, dass ihm Jobs wegbrechen wegen der staatlichen Kontaktverbote. Dimitar Velev fürchtet, nicht zu seiner Familie zu können, jetzt, da Europa die Grenzen schließt.

Die drei Bulgaren, die auf dem sogenannten Arbeiterstrich ihr Geld verdienen, haben durch die Corona-Pandemie gerade noch mehr Probleme als sonst: Sie haben kaum Rücklagen, kommen wegen des Lockdowns aber teils schwerer an Arbeit. Sie leben in prekären Verhältnissen, was einen schweren Verlauf der Lungenkrankheit Covid-19 zu begünstigen droht. Gleichzeitig ist ärztliche Notbetreuung für sie gerade noch rarer.

Es gibt Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Menschen in Deutschland, die gerade solche Sorgen bedrücken. Scheinselbstständige, oft aus Rumänien und Bulgarien, die hierher kamen, um nach jahrzehntelanger Wirtschaftsflaute in ihren Heimatländern eine vernünftige Arbeit zu finden - und die allzu oft im deutschen Schattenarbeitsmarkt stecken blieben.

Treppenhäuser putzen, Container ausladen, Fleisch zerlegen, alte Menschen pflegen: Ohne Menschen wie Angelov, Velev und Panov wären Lebensmittel und Dienstleistungen in Deutschland wohl viel teurer. Die Tagelöhner schuften bis zu zwölf Stunden pro Tag, bis zu sechs Tage die Woche, für fünf bis zehn Euro die Stunde, meistens schwarz, meist ohne gültige Verträge. Der Zoll, der gegen Schwarzarbeit vorgehen soll, ist chronisch unterbesetzt und behelligt sie selten.

Die meisten bleiben dennoch in Deutschland. Unterm Strich verdienen sie oft deutlich mehr, als in einem ordnungsgemäßen Job in der Heimat. Der Preis dafür ist ein Leben fast ohne Sicherheiten. Eine ewige Suche nach der nächsten Gelegenheit. In der Coronakrise gilt das mehr denn je. Es gilt jetzt, weiterzuarbeiten. Weiterzuleben. Irgendwie.

Sergey Angelov

Sergey Angelov

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Weiterarbeiten

Am Sonntagmittag läuft Sergey Angelov über den sonnengefluteten Stübenplatz in Hamburg-Wilhelmsburg. Die umliegenden Bars, in denen Tagelöhner sonst ihre Jobs klarmachen, sind geschlossen. Die Fenster mancher Kneipen sind neuerdings blickdicht abgeklebt, wie im Chicago der 1920er-Jahre, zu Zeiten der Prohibition, als das Geschäft hinter dem Sichtschutz teils einfach weiterlief. Doch auch heimlichen Betrieb scheint es nach Aussagen von Anwohnern hier gerade nicht zu geben.

Seit die Bars zu sind, würden Jobs teils auf offener Straße vermittelt, sagt der 39-jährige Bulgare. Weniger riskant mache das die Sache nicht.

Angelov trägt ein schwarzes Baseballcap, eine schwarzglänzende Kunstlederweste und eine Staubschutzmaske aus dem Baumarkt. Er weiß, dass die Maske ihn nicht zu 100 Prozent schützen kann. Aber besser ein wenig Schutz als gar keiner.

Wenn er sich anstecke, könne er vielleicht wochenlang nicht arbeiten, sagt Angelov. Danach wäre er wahrscheinlich obdachlos.

Angelov schläft auf einer Matratze in einem kleinen Zimmer, das er sich mit zwei anderen Tagelöhnern teilt. 250 Euro Miete kostet die halblegale Unterkunft pro Monat, bar auf die Hand, ohne Kündigungsfrist. Rücklagen hat Angelov so gut wie keine.

Matratzenlager von Arbeitsmigranten in Hamburg-Wilhelmsburg

Matratzenlager von Arbeitsmigranten in Hamburg-Wilhelmsburg

Foto: privat

Noch finde er gut Arbeit, sagt Angelov. Er verlege Estrich. Das sei auch jetzt noch gefragt. Andere Tagelöhner dagegen müssten sich umorientieren. Das Ausladen von Containern am Hafen habe gerade Flaute, weil weniger Ware ankomme. Erntehelfer kämen gerade nicht mehr über die Grenze. Doch wo sich Türen schließen, öffnen sich oft andere. Das Desinfizieren von Flugzeugen, sagt Angelov, stehe gerade recht hoch im Kurs.

Dass manche Tagelöhner unter der Krise leiden, bekommt auch Metin Celik mit, der unweit des Stübenplatzes einen kleinen Handyshop mit einem Western-Union-Terminal betreibt. "Normalerweise kommen die Arbeiter zu mir, um Geld in ihre Heimatländer zu schicken", sagt Celik. "Jetzt bekommen viele Geld von dort geschickt."

Dimitar Velev

Dimitar Velev

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Weiterleben

Es sei gut, sich in diesen Zeiten abzulenken, sagt Dimitar Velev. Wenn man zu tief in Gedanken versinke, sei man irgendwann wie gelähmt.

In seinem Matratzenzimmer würden sie gerade dreimal täglich die Tür- und Fenstergriffe desinfizieren, sagt der 35-jährige Abbrucharbeiter aus Jambol, Bulgarien, während er sich mit ungewaschenen Händen eine Zigarette ansteckt und beim Rauchen mit den Fingern den Mund berührt.

Er würde gern zu seiner Familie zurückfahren. Doch er wisse nicht, wie er nach Hause kommen solle. Manche seiner Kollegen hätten probiert, nach Bulgarien zu kommen, und seien an der ungarischen Grenze abgewiesen worden.

Solange er hier festsitze, sagt Velev, gelte vor allem eine Devise: Nicht krank werden! Die medizinische Notsprechstunde für Migranten sei gerade geschlossen.

Vertreter sozialer Träger bestätigen, dass ihre Angebote für sozial Schwache ausgerechnet jetzt ziemlich eingeschränkt sind. "Unsere Ärzte gehören oft selbst zur Corona-Risikogruppe", sagt Eva Lindemann, die Sprecherin von Hoffnungsorte Hamburg, einem kirchlichen Verbund, zu dem rund ein Dutzend lokale Hilfsorganisationen gehören. "Die haben wir nach Hause geschickt, um sie zu schützen." Manche böten immerhin noch Telemedizin an.

Beratungsstellen, die Migranten helfen, sich aus ausbeuterischen Wohn- und Arbeitsverhältnissen zu befreien, sind wegen Corona ebenfalls oft geschlossen. Die meisten Mitarbeiter seien im Homeoffice, sagt Lindemann, und betreuten oft nur noch telefonisch einige Härtefälle.

Was passiert, wenn ein Arbeitsmigrant an Corona erkrankt? Einer, der sich davor fürchtet, ist Stamismir Panov, ein Bauarbeiter aus dem nordbulgarischen Borisovo. Panov, der eigentlich anders heißt, ist 66 Jahre alt und hatte bereits Prostatakrebs, gehört also gleich doppelt zur Risikogruppe.

Er lebt in einem Wohncontainer, in dem die Stadt manche Obdachlose überwintern lässt. Ob er mit Corona infiziert sei, wisse er nicht, erzählt er am Telefon. Aber er sei zurzeit krank und dürfe seinen Container nicht verlassen. Das Essen werde ihnen vor die Tür gestellt. Er habe Angst, dass sie ihn rausschmeißen, falls er positiv getestet werde.

Der soziale Träger "Fördern und Wohnen", der Panovs Containersiedlung verwaltet, bestätigt, dass manche Wohneinheiten inzwischen zur häuslichen Isolation von Corona-Verdachtsfällen genutzt werden. Auf der Straße landen Menschen wie Panov aber nicht - im Gegenteil: Sie haben es zunächst sogar besser als andere Obdachlose.

"Anders als alle anderen müssen sie die Übernachtungsstätte am Morgen nicht verlassen, sondern können dort den ganzen Tag bleiben", sagt eine Sprecherin. Sie erhalten drei Mahlzeiten pro Tag, und sollte sich ihr Gesundheitszustand verschlechtern, rufen Betreuer für sie einen Rettungswagen." Dann allerdings wird es für Menschen wie Panov meist kompliziert.

"Wenn jemand in Lebensgefahr schwebt, müssen die Kliniken ihn ganz grundsätzlich behandeln", sagt Marianne Schaaf, die Leiterin von "westend open.med", einer gemeinnützigen Einrichtung, die anonyme medizinische Versorgung für Migranten organisiert. "Oft aber gibt es Ärger bei der Aufnahme, weil die Kliniken fürchten, auf ihren Kosten sitzenzubleiben."

Eigentlich regelt das Infektionsschutzgesetz, dass städtische Behörden den Kliniken später die Kosten erstatten. Doch die bürokratischen Hürden sind hoch. Die Behörden verlangen von den Krankenhäusern teils Papiere, die sie von den Migranten kaum bekommen können. Entsprechend restriktiv sind manche Kliniken bei der Notaufnahme.

Sie kenne Fälle, in denen Arbeitsmigranten lange kämpfen mussten, um überhaupt einen Arzt zu sehen, sagt Schaaf. "Manche Schwerkranke waren so abgeschreckt, dass sie einfach wieder gegangen sind."

Übersetzungen: Ali Yüce
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