Neuer Wohlstandsindex Schweden will zurück zu mehr Gerechtigkeit

Der Brexit und die US-Präsidentenwahl waren ein Weckruf, sagt Schwedens Finanzministerin. Die Regierung in Stockholm will Populisten im Land nicht die Deutungshoheit überlassen - und führt einen Wohlstandsindex ein.

Schweden am Nationalfeiertag (in Stockholm)
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Schweden am Nationalfeiertag (in Stockholm)

Von , Stockholm


Zu den festen Ritualen schwedischer Politik gehört der Fußmarsch der Finanzminister von ihrem Amtssitz in der Jakobsgatan 24 zur Insel Helgeandsholmen anlässlich der Budgetdebatte im Reichstag. Dafür überqueren sie die Brücke Riksbron - eine Verlängerung der Fußgängerzone Drottninggatan, in der vor gut zwei Wochen ein Lastwagen in das Kaufhaus Åhléns raste.

Als die amtierende schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson vor einigen Tagen traditionsgemäß zum Reichstag schritt, um dort das neue Budget vorzustellen, brachte sie nach ihrer Ankunft eine Überraschung mit. Sie verkündete, dass von jetzt ab die statistischen Grundlagen der schwedischen Wirtschaftspolitik neu berechnet werden würden. Schweden solle in der Welt vorangehen und zeigen, wie man alle Menschen und Lebensbereiche bei der Entwicklung des gesellschaftlichen Wohlstands berücksichtigen könne.

Auf Schwedisch sind die Begriffe Wohlstand und Wohlfahrt so gut wie synonym. Das ist im Mutterland der Sozialdemokratie natürlich kein Zufall. Und dennoch hat Schweden in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung weg von der Wohlfahrt für alle hin zum Wohlstand für wenige vollzogen. Das jedenfalls legt ein Bericht der Industrieländerorganisation OECD nahe, demzufolge in keinem anderen westlichen Industriestaat die Einkommensunterschiede so schnell gestiegen sind wie in Schweden.

Die Koalition aus Sozialdemokraten und Grünen im Stockholmer Reichstag will das nun ändern - indem sie die Sichtbarkeit für die Ungleichgewichte erhöht. Das schwedische Zentralamt für Statistik, Statistiska Centralbyrån, hat im Auftrag der Finanzministerin kürzlich einen Katalog zusammengestellt, der herkömmlichen wirtschaftlichen Indikatoren wie Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Beschäftigungsgrad, Arbeitslosenquote, privater und öffentlicher Verschuldung zwei andere Blöcke zur Seite stellt; einen sozialen und einen ökologischen.

Die fünf Umweltindikatoren sind: Luftqualität, Wasserqualität, Naturschutz, Chemikalienbelastung, CO2-Ausstoß.

Die fünf sozialen Indikatoren sind: Niedriger ökonomischer Standard (Armut), selbst wahrgenommener Gesundheitszustand, Ausbildungsniveau, zwischenmenschliches Vertrauen, Zufriedenheit mit dem Leben.

"Wir wollen eine breitere Debatte darüber haben, was Wohlstand eigentlich ist und wohin wir unsere Gesellschaft entwickeln wollen," sagte Finanzministerin Andersson. "Unsere Wirtschaftspolitik muss Rücksicht nehmen auf die Umwelt, auf die Gesundheit der Menschen, und dafür müssen wir langfristig denken."

Alternative Wohlstandsindikatoren

Schweden ist nicht das einzige Land, in dem alternative Wohlstandsindikatoren diskutiert und ausprobiert werden. Der Nordstaat ist jedoch ab sofort das erste Land der Welt, in dem man die statistische Grundlage der Wirtschaftskraft jetzt um sogenannte weiche Kriterien erweitert hat.

In Deutschland beispielsweise ließ das Bundesumweltamt bereits vor Jahren den "Nationalen Wohlfahrtsindex", kurz NWI, entwickeln, der unter anderem das Ausmaß ehrenamtlicher Tätigkeit als Wirtschaftsfaktor berücksichtigt sehen wollte. In Frankreich schlug eine Kommission unter Führung von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz vor, Einkommensverteilung und -entwicklung in den Vordergrund der Messungen zu stellen. Das Königreich Bhutan hat sich gar ein Bruttonationalglück als Verfassungsziel gesetzt.

Daneben gibt es eine Reihe an Erhebungen darüber, wo und wie es sich auf der Welt am besten lebt. Und dabei schneiden die Länder Skandinaviens immer wieder erstaunlich gut ab - egal, ob die Kriterien Glück, Lebenserwartung, Gleichberechtigung, Wohlstand oder Ausbildung sind.

Doch die schwedische Regierung kann sich darauf nicht ausruhen. "Brexit und Trump waren für viele von uns ein Weckruf", sagt Andersson. "Die Welt ist in den vergangenen Jahrzehnten reicher geworden, aber der Wohlstand ist nicht auf faire Weise verteilt worden. Weder innerhalb eines Landes noch zwischen den Staaten." Zugleich erleben Populisten in vielen Ländern einen Aufschwung.

Der neue Wohlstandsindex provoziert auch Kritik

Der neue Wohlstandsindex soll also auch eine Antwort auf die bislang enttäuschte Erwartungshaltung vieler schwedischer Wähler sein. Er provoziert jedoch auch Kritik. Der Journalist Erik Sandberg etwa gehört zu den schärfsten Kommentatoren. Er tourt derzeit durch das Land mit seinem Buch "Jakten på den försvunna skatten" - einem Wortspiel, das die Bedeutungsgleichheit der Wörter Steuer und Schatz aufgreift und so viel heißt wie "Die Jagd nach dem/der verlorenen Schatz/Steuer". Zuletzt kommentierte er den neuen Index so: "Ich bin ziemlich überrascht, dass es unter den insgesamt fünfzehn Indikatoren nur ein einziges Maß für Gleichheit gibt, nämlich 'niedriger ökonomischer Standard'."

Seiner Meinung nach spiegelt Schwedens neuer Wohlstandsmaßstab keineswegs die sozialen Ungleichheiten, von denen die Bevölkerung in zunehmendem Maß getroffen wird. Über Jahre hinweg hätten sowohl sozialdemokratische als auch bürgerliche Regierungen systematisch alle Formen von Kapital sowie höhere Einkommen steuerlich entlastet und manche Steuern sogar gänzlich abgeschafft, darunter die Kapital- und die Erbschaftsteuer. Das alles sei auf Kosten mittlerer und niedriger Einkommen gegangen.

Sandberg verweist darauf, dass es weder Massenarmut noch größere soziale Entfremdung gäbe. Schweden hat heute eine größere Dichte an Dollarmilliardären als jedes andere EU-Land und eine doppelt so hohe Pro-Kopf-Dichte wie beispielsweise Deutschland. Daher seien regulative Eingriffe in die Ungleichverteilung von Wohlstand notwendig - gerade um das wirtschaftliche Wachstum zu stimulieren. Und Populisten die Deutungshoheit nicht zu überlassen.

Doch entgegen den Erwartungen speziell grüner Regierungsvertreter hat die Ankündigung neuer Wohlstandsziele in der Bevölkerung wenig Unterstützung ihrer Politik bewirkt. Die Skepsis überwiegt, dass sich die bisherige Politik tatsächlich ändern wird und es sich um nichts als leere Worte handelt. Bei der jüngsten Sonntagsumfrage schnitten die Grünen entsprechend so schlecht ab wie seit 2002 nicht mehr. Die Sozialdemokraten gewannen zwar hinzu, was aber auf den Umgang mit dem Anschlag auf das Kaufhaus in Stockholm zurückgeführt wird.

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auweia 27.04.2017
1. Gleichheit?
Bitte keine Gleichheit. Wozu sollte die denn wohl gut sein?
peterpeterweise 27.04.2017
2. Selbst wahrgenommener Gesundheitszustand als Indikator?
Ich kenne eine 93 jährige Frau, die trotz vieler Gesundheitsprobleme fast immer fröhlich ist, und wenn man sie fragt wie es ihr gehe sagt: super. Und ich kenne auch eine sehr wehleidige Frau, die immer jammert wie schlecht es ihr geht. Die Ärzte konnten zwar noch nie eine wirklich ernste Krankeit feststellen, aber die Frau gefällt sich darin, zu jammern und bemitleidet zu werden. Menschen sind unterschiedlich. Aber was soll ein Index über den selbst wahrgenommen Gesundheitszustand für praktische Auswirkungen haben? Dass, um einen Ausgleich herzustellen, die lebenslustige Frau weniger Geld erhält als die jammernde? Weil nicht sein darf, dass manche Menschen zufriedener sind als andere?
cosifantutte 27.04.2017
3. Zufrieden mit dem Wohlstand
werden immer nur Menschen sein, die genug zum Leben nach eigenen Maßstäben haben. Da das nie für alle in einer Gesellschaft zutrifft, gibt es auch nie allgemeine Zufriedenheit. Ein Wohlstandsindex wird von Menschen an der unteren Skala auch nicht akzepiert werden, diese werden sich immer ungerecht behandelt fühlen. Es fehlt ihnen die Eigenschaft, die eigenen, überzogenen Ansprüche richtig einzusortieren.
abwinken 27.04.2017
4. Armes Schweden
Langsam kapiert man wohl, dass man in einer Traumwelt lebt, nach Art "Pippis Sozial-Fantasien". Die werden, wie schon die Norweger und die Dänen, heftig aufwachen.
yvowald@freenet.de 27.04.2017
5. Glaubwürdig sein und bleiben
Wenn Martin Schulz das Gleiche will we die Schweden, dann ist ja alles in Ordnung. Noch sind jedoch die vollmundigen Ankündigungen des SPD-Vorsitzenden und SPD-Kanzlerkandidaten Schulz eher heiße Luft. Warum bekennt sich die SPD nicht ebenfalls zu den Wahlzielen, die ihre Schwesterpartei, Die Linke, kürzlich formuliert hat? Warum geht Schulz nicht klar auf Die Grünen zu, die seit langem eine Bürgerinnen- und Bürgerversicherung propagieren (wie übrigens auch Die Linke), also die Einbeziehung aller Beschäftigten in das Sozialversicherungssystem? Wenn Herr Schulz diese Ziele sozialer Gerechtigkeit plausibel und glaubwürdig (!) kommunizieren würde, wäre ein weiterer Zuwachs an Sympathie und Stimmen für die SPD sichergestellt. Aber: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ! Und Gerhard Schröder, ehemals SPD-Vorsitzender und SPD-Bundeskanzler, hat das Wahlvolk massiv belogen und hinters Licht geführt. Deutschland wurde unter der Regierung Schröder - Fischer keineswegs gerechter, sondern ungerechter und die Schere zwischen Arm und Reich klafft seither noch weiter auseinander. Es gibt also noch viel zu tun, Herr Schulz, vor allem aber: glaubwürdig sein und bleiben!
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