Studie von Standard & Poor's Schweiz finanziert Deutschlands Schulden

Die Schweiz treibt unabsichtlich die finanzielle Spaltung der Euro-Zone voran. Laut einer Studie fließen Milliarden von Euro aus Ländern wie Spanien oder Italien über die Zürcher Notenbank in deutsche oder französische Staatsanleihen. Das Resultat: Die Krise verschärft sich.
Schweizer Notenbank: Unfreiwillig in der Rolle des Spalters

Schweizer Notenbank: Unfreiwillig in der Rolle des Spalters

Foto: © Pascal Lauener / Reuters/ REUTERS

London/Zürich - Mit dem Euro will die Schweiz eigentlich nichts zu tun haben - zu stolz sind die Eidgenossen auf ihre Eigenständigkeit und ihre eigene Währung, den Franken. Doch ganz so einfach ist es mit der Unabhängigkeit leider nicht. Und deshalb ist die Schweiz in den vergangenen Monaten zur vielleicht wichtigsten Drehscheibe für den Euro geworden.

Laut einer Studie der Rating-Agentur Standard & Poor's hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Zuge der Euro-Krise gigantische Euro-Reserven angehäuft, die sie vor allem in Staatsanleihen europäischer Kernländer wie Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Finnland und Österreich investiert. Die Agentur schätzt, dass die SNP allein in den ersten sieben Monaten des Jahres 2012 Staatspapiere dieser Länder im Wert von 80 Milliarden Euro aufgekauft hat.

Damit hat die Schweiz laut Standard & Poor's (S&P) bereits bis Ende Juli rund 48 Prozent des diesjährigen Staatsdefizits der europäischen Kernländer finanziert. Im Klartext: Deutschland, Frankreich und die anderen Kernländer können fast die Hälfte ihrer neuen Schulden an die Schweizer Notenbank verkaufen.

Zugleich sind im Zuge der Krise Milliarden von Euro aus Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland in die Schweiz geflossen - Geld, das Sparer in Sicherheit bringen wollten. Zusammengenommen ergibt sich laut S&P eine Art Recycling-Effekt: Die Euros aus den Krisenländern fließen in die Schweiz und werden von dort in Staatsanleihen der Kernländer investiert.

Die Schweiz muss den Wechselkurs des Franken stabil halten

Das Resultat sind auseinanderdriftende Zinssätze. Während etwa Spanien gewaltige Renditeaufschläge auf seine Anleihen zahlen muss, gehen deutsche Staatspapiere fast zum Nulltarif weg. "Wir denken, dass dieses Euro-Recycling den Trend zu auseinanderlaufenden Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Länder verstärkt hat", heißt es in der S&P-Studie.

Für Deutschland ist das bislang ein gutes Geschäft. Der deutsche Staat profitiere derzeit mit "reichlich zehn Milliarden Euro jährlich", sagte Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, am Dienstag in Frankfurt. Bezogen auf alle Laufzeiten der bundesdeutschen Wertpapiere schätzt Heise die Zinsersparnis im Laufe der Jahre auf insgesamt 67 Milliarden Euro. Für die Krisenländer drohen die hohen Zinsen dagegen zu einer erdrückenden Last zu werden.

Dass die Schweizer Notenbank so viele Anleihen kauft, hängt mit dem vor einem Jahr eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken zusammen. Damit die eigenen Exportprodukte im Rest Europas nicht zu teuer werden, hatte die SNB angekündigt, den Wert des Franken stabil bei dieser Marke zu halten. Dazu muss sie allerdings die in die Schweiz fließenden Euro am Devisenmarkt selbst aufkaufen.

Die Interventionen der SNB ließen die Devisenreserven der Schweiz auf 418 Milliarden Franken anschwellen, die die Notenbank möglichst sicher und gewinnbringend anlegen muss. Also kauft sie davon Anleihen der Euro-Kernstaaten.

Die SNB hält etwa 60 Prozent ihrer Devisenreserven in Euro. Der Rest entfällt überwiegend auf Dollar, Yen und Pfund Sterling. Dass die SNB die Staatsanleihen der europäischen Kernländer kurzfristig verkaufen könnte, ist nach Ansicht der S&P-Experten unwahrscheinlich. Irgendwann werde der Geldfluss aus der Schweiz aber versiegen und das würde höhere Zinsen für die Staatskassen der Euro-Länder bedeuten.

Die Schweizer Notenbank wies die Analyse der Ratingagentur zurück. Die von S&P vorgelegte Schätzung entbehre jeder Grundlage. Die Agentur nehme nicht zur Kenntnis, dass die SNB ihre Einlagen bei anderen Notenbanken und internationalen Institutionen deutlich erhöht und dies jeden Monat auch veröffentlicht habe.

stk/Reuters/dpa