SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Dezember 2012, 15:54 Uhr

Arbeitsmarkt

Firmen kaufen sich von Behinderten frei

Von

Vom deutschen Jobboom haben in den vergangenen Jahren fast alle gesellschaftlichen Gruppen profitiert - bis auf Schwerbehinderte. Ihre Arbeitslosenquote stagniert auf hohem Niveau. Schuld daran sind Sparmaßnahmen der Regierung und die Ignoranz der Privatwirtschaft.

Hamburg - Wenn es um das Thema Frauen- oder Migrantenförderung geht, sind derzeit alle dabei. Politik und Unternehmen brüsten sich damit, wie viel sie für die Chancengleichheit tun. Allerdings vergessen sie dabei eine Gruppe, die stets benachteiligt wird: Schwerbehinderte. Sie sind die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Während die Gesamtzahl der Arbeitslosen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um rund acht Prozent auf 2,97 Millionen zurückging, stieg sie bei Schwerbehinderten im Jahresschnitt auf 180.307 - ein Plus von fast drei Prozent. Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe stagnierte bei 14,8 Prozent. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich dadurch, dass der Anteil der schwerbehinderten Beschäftigten an allen Beschäftigten leicht gestiegen ist. Für das laufende Jahr liegt noch keine Prognose vor. Allerdings zeigen die aktuellen Monatsdaten der Bundesagentur für Arbeit, dass sich die Lage kaum entspannt. So waren im Oktober 2012 immer noch 173.000 Schwerbehinderte arbeitslos. Vor allem Ältere sind betroffen.

Die Bilanz ist ein trauriges Signal am heutigen Weltbehindertentag und angesichts einer zuletzt starken Konjunktur in Deutschland mehr als enttäuschend. Nie war die Beschäftigung in der Bundesrepublik höher als in den vergangenen zwei Jahren. Zudem hatte sich die Regierung im Jahr 2009 mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, den Arbeitsmarkt komplett barrierefrei zu gestalten. Das bedeutet ein gleiches Recht auf Arbeit für behinderte Menschen.

Viele Firmen zahlen lieber eine Abgabe, statt einen Behinderten einzustellen

Die Schuld dafür, dass Schwerbehinderte mitnichten gleiche Chancen haben, sieht der DGB folglich bei der Bundesregierung, aber auch bei den Unternehmen. Statt Behinderte einzustellen, zahlen viele Firmen ab 20 Beschäftigten lieber eine Ausgleichsabgabe statt fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Die Abgabe beträgt bis zu 290 Euro pro Monat für jede nicht besetzte Pflichtstelle.

Laut DGB missachteten im Jahr 2010 61 Prozent der beschäftigungspflichtigen deutschen Arbeitgeber ihre Pflicht. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Fast ein Drittel der Betriebe hatte gar keine beziehungsweise weniger als ein Prozent schwerbehinderte Beschäftigte. Darunter waren überwiegend private Arbeitgeber, vor allem aus der Werbung, Filmproduktion und Marktforschung. "Zu viele Unternehmen gehen immer noch davon aus, dass Behinderte weniger leisten können als andere", sagt DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy. Er wirft der Bundesregierung vor, aktuell nur auf die Freiwilligkeit der Unternehmen zu setzen.

Die stagnierenden Arbeitslosenzahlen dürften laut DGB aber auch darauf zurückgehen, dass die Regierung seit 2011 die Mittel für die Betreuung und Vermittlung von Arbeitslosen insbesondere im Hartz-IV-System drastisch gekürzt hat. Schwerbehinderte seien davon besonders betroffen. So hätten 22 Prozent weniger Schwerbehinderte an Maßnahmen teilgenommen als im Vorjahr - und das trotz der hohen Erwerbslosenquote in dieser Gruppe. "Die Bundesregierung hat erfolgreiche arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für behinderte Menschen fast weggespart", sagte Ulla Schmidt, die Vorsitzende der Lebenshilfe und frühere Bundesgesundheitsministerin, SPIEGEL ONLINE. "Damit schwinden die Chancen auf eine angemessene berufliche Qualifizierung und Beschäftigung gerade für den Personenkreis, der eigentlich besonders im Fokus der Arbeitsmarktpolitik stehen müsste."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung