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02. November 2010, 15:56 Uhr

Seltene Erden

Brüderle fordert Rohstoff-Kartell gegen China

Das Imperium schlägt zurück - jedenfalls wünscht sich das Rainer Brüderle so. Der Bundeswirtschaftsminister will die Industrie animieren, sich bei der weltweiten Beschaffung von Rohstoffen zusammenzutun. Ziel des geplanten Nachfragekartells: das mächtige China in die Schranken weisen.

Ottawa - Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat die Industrie zur Gründung einer "Deutschen Rohstoff AG" aufgefordert, um die Abhängigkeit bei seltenen Metallen von China zu verringern. "Es gibt die Gefahr, dass wir eine Eisenerz-Opec oder Seltene-Erde-Opec bekommen", sagte er am Dienstag in der kanadischen Hauptstadt Ottawa.

Er habe der Industrie vorgeschlagen, sich bei der weltweiten Beschaffung von Rohstoffen oder dem Erwerb von Minenrechten zusammenzutun. "Die Rohstoff AG ist dabei nicht als Aktiengesellschaft, sondern eher als Arbeitsgemeinschaft zu verstehen." Auch kündigte der FDP-Politiker an, dass die Bundesregierung bei der Entwicklungshilfe für rohstoffreiche Länder künftig stärker darauf achten werde, dass im Gegenzug Deutschland bevorzugter Handelspartner werde.

China beherrscht den Weltmarkt für Seltene Erden zu etwa 97 Prozent. Nach Angaben von Brüderle kann vor allem Kanada der deutschen Wirtschaft künftig mehr der seltenen Rohstoffe liefern, die für Hightech-Produkte wie Handys, Elektroautos oder Windräder gebraucht werden. "Kanada gewinnt im weltweiten Wettlauf um Rohstoffe immer mehr an Bedeutung." Das Land will bis 2013 die Jahresproduktion Seltener Erden um 4000 bis 5000 Tonnen steigern.

Brüderle betonte, die Regierung könne bei der Rohstoffsicherung zwar mit politischen Kontakten und notfalls bei der Finanzierung helfen. Grundsätzlich sei dies aber Sache der Firmen selbst: "Wir werden nicht als Staat anfangen, die Rohstoffe aufzukaufen und Bergwerke zu betreiben." Es werde keine VEB-Rohstoffe geben.

"Die Lampen gehen allmählich auf gelb"

China hat den Export Seltener Erden stark gedrosselt. Deshalb kommt es in westlichen Industrieländern teilweise zu Engpässen. Auch bei Eisenerz und Kupfer gibt es Sorgen vor einer Verknappung des Angebots. Ramsis Shehata vom Stahlkonzern ThyssenKrupp warnte vor weitreichenden Folgen: "Ein Eisenerzkartell wäre für die westliche Welt tödlich."

Die Bundesregierung hat vor kurzem eine eigene Rohstoffstrategie beschlossen. Für die praktische Umsetzung wurde bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) eine Agentur gegründet. BGR-Präsident Hans-Joachim Kümpel sagte in Ottawa: "Das ist eine Quasi-Monopolstellung, die China hat." Die neue Rohstoffagentur liefere nun Steckbriefe für seltene Metalle und Länderprofile. "Diese Arbeit ist in erster Linie für kleine und mittlere Unternehmen gedacht, die sich keine eigene Forschung leisten können." Kümpel warnte vor Hysterie. "Die Lampen gehen allmählich auf gelb. Die Situation ist brisant, aber nicht katastrophal."

Kanada ist eines der wichtigsten Bergbauländer der Welt. Auf dem Markt tummeln sich 3000 einheimische und global aufgestellte Konzerne. Deutschland importiert vor allem Rohstoffe wie Aluminium, Erz, Kupfer, Kobalt, Nickel, Titan und Silizium. 2008 waren es 8,3 Millionen Tonnen im Wert von 1,1 Milliarden Euro. Insgesamt liegt das Handelsvolumen bei rund zehn Milliarden Euro - der deutsche Exportüberschuss bei zwei Milliarden Euro.

mik/dpa

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