Neue Regeln für Freihandelszone Shanghai Herr Chen legt los

Erlaubt ist alles, was nicht verboten ist: Dieses Prinzip soll in der neuen Freihandelszone von Shanghai gelten. Bislang war es in China eher umgekehrt. Ein Textilunternehmer aus Wenzhou gehört zu den Ersten, die sich für die neuen Freiheiten begeistern.

Bernhard Zand / SPIEGEL

Von , Peking


Chinesische Unternehmer legen oft keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten. Sie tragen keine Krawatten, keine Manschettenknöpfe, auch teure Uhren sind kein sicherer Ausweis für Geschäftsverstand. Erfolgreiche Chinesen erkennen einander eher an ihrem Dialekt und ihrer Herkunft als an ihren goldenen Kugelschreibern.

Chen Jianguang, 49, zum Beispiel stammt aus der Kleinunternehmer-Stadt Wenzhou, von wo die Chinesen einst aufbrachen, um mit günstigen Schuhen, T-Shirts und Unterhosen den Weltmarkt zu erobern. Chen trägt ein zerknittertes weißes Hemd über einer Jeans und hat einen kleinen Rucksack umgehängt. Ihm ist nicht anzusehen, dass er eine Fabrik mit 100 Arbeitern betreibt, die Hosen, Blusen und Pullover nähen.

"Die Gewinne von Chinas Schneidern wachsen nicht mehr wie früher", sagt er. "Ich würde gern etwas anderes tun. Ich möchte Ausländern dabei helfen, ihr Geld in China anzulegen." Das ist der Grund, warum Herr Chen nach Shanghai gekommen ist - am selben Tag, an dem der Handelsminister aus Peking kam, um die "China Pilot Free Trade Zone" zu eröffnen.

Vor gut 20 Jahren beschloss die Kommunistische Partei, Shanghai solle Chinas Finanzhauptstadt werden und sich mit London, New York, Hongkong und Tokio messen. Shanghai bekam den größten Hafen der Welt und einige der höchsten Wolkenkratzer - doch zu einem Finanzzentrum von Weltrang hat es die Stadt bis heute nicht gebracht. Das liegt an einer großen Sorge der Partei: Sie fürchtet sich davor, dass zu viel Geld ins Land kommt oder abfließt, ohne dass sie das kontrollieren kann.

Herr Chen weiß, wo etwas zu verdienen ist

Mittlerweile treibt eine andere Angst die Führung in Peking um: die Angst vor dem Ende von Chinas Wachstumswunder. Deshalb entschied die Regierung in diesem Sommer, künftig doch etwas fremdes Kapital fließen zu lassen - nur ein bisschen, nur zur Probe, nur in Shanghai.

Die Banker und Investoren der Welt rätseln noch, ob sich mit der kleinen Tür zum Freihafen von Shanghai das Tor zu Chinas großem Geldmarkt öffnet, ob seine Banken und Immobilienfonds, seine Energie- und Telekom-Riesen bereit sind, ihre Risiken und Profite mit Ausländern zu teilen - oder ob das alles nur ein leeres Versprechen ist.

Herr Chen ist zuversichtlich: "Es ist nicht schwer, in China reich zu werden, wenn man Geld mitbringt. Wir bauen mehr Häuser, pflastern mehr Straßen, treiben mehr Landwirtschaft als alle anderen. Dafür brauchen wir Kapital." Er sei seit 30 Jahren Geschäftsmann, er wisse, wo etwas zu verdienen sei.

Als die Zeremonie zu Ende, der Minister in seinen schwarzen Audi gestiegen und die Registratur der neuen Freihandelszone eröffnet ist, steht Chen Jianguang als einer der Ersten am Schalter 7 und feuert seine Fragen ab: "Wie viel Geld muss ich hinterlegen, um hier ein Büro aufzumachen?" "Wie lange dauert es, bis ich die Lizenz bekomme?" "Wann geht es los?" So sieht er aus, so redet er, der personifizierte chinesische Unternehmergeist.

Draußen in der Ji-Long-Straße, eine Dreiviertelstunde vom Stadtzentrum entfernt, ist das Quietschen der Hafenkräne und das Dröhnen der Lastschiffe zu hören, die Chinas endlosen Warenstrom den Jangtse-Fluss herunterbringen. Gleich neben der Registratur hat ein erstes Fünf-Sterne-Hotel aufgemacht, aus dem 50. Stock ist zu erkennen, wie ernst es Shanghai mit dem Freihandel meint: Bis zu den Kaimauern hinunter erstrecken sich Büro- und Lagerhäuser, eine neue U-Bahn-Linie wurde gebaut, und auf den noch leeren Parzellen werden bereits die Fundamente für weitere Wolkenkratzer betoniert. Die Aktien der Shanghaier Hafengesellschaft sind um mehr als das Doppelte gestiegen, seit die Regierung ihr neues Projekt verkündet hat.

Was nicht verboten ist, ist erlaubt

Bislang gilt in China für alles, was mit fremdem Kapital zu tun hat: Was nicht erlaubt ist, ist verboten. In der neuen Freihandelszone gilt das Prinzip: Was nicht verboten ist, ist erlaubt.

Die ersten Andeutungen der Regierung klingen vielversprechend: Ausländische Investoren könnten dort Firmen gründen, die Krankenhäuser und Altersheime betreiben - kein Land hat so viele Alte und Kranke wie China. Sie könnten Reisebüros eröffnen - seit Kurzem ist China die größte Touristennation der Welt. Und sie könnten mit dem Vertrieb von Spielkonsolen beginnen, was in China bislang merkwürdigerweise nicht erlaubt war.

Was aber ist verboten? Am Tag nach der Eröffnung gibt die Regierung die erste "Negativliste" für ihre Freihandelszone heraus, Chen Jianguang studiert sie Wort für Wort: Der Betrieb von Spielcasinos und der Handel mit Waffen, Pornografie und genmanipuliertem Saatgut sind grundsätzlich untersagt. Investitionen in Chinas Banken- und Versicherungswesen bleiben reguliert. Damit werden die Banken und Hedgefonds der Welt wohl leben müssen.

Verboten sind Ausländern aber auch die Gründung eigener Websites und Nachrichtenagenturen, von Verlagen und Online-Gesellschaften. Von Facebook und Twitter, die gerüchteweise freigeschaltet werden sollen, steht nichts in der ersten Verbotsliste. Eine zweite soll demnächst folgen.

Vielleicht hat Chinas Regierung ja gute Gründe, den Ausländern die Tür nur einen Spalt weit zu öffnen. Sie hat, wie ihre Liste zeigt, aber auch Angst, sie weiter aufzumachen.

"Dabei wäre es doch so einfach", sagt Chen Jianguang. "Ihr bringt das Geld, und ich bin euer Anlageberater."

Herr Chen fürchtet sich nicht.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
lordas 09.10.2013
1.
Zitat von sysopBernhard Zand / SPIEGELErlaubt ist alles, was nicht verboten ist: Dieses Prinzip soll in der neuen Freihandelszone von Shanghai gelten. Bislang war es in China eher umgekehrt. Ein Textilunternehmer aus Wenzhou gehört zu den Ersten, die sich für die neuen Freiheiten begeistern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/shanghais-freihandelszone-soll-wachstum-ankurbeln-a-925700.html
Genau, es werden soviel Häuser gebaut, dass ganze Geisterstädte entstanden sind. Wohnungen in denen keiner wohnt, aber als "Kapitalanlage" wie Bambus aus dem Boden wachsen. Die Sache mit der Landwirtschaft brauche ich ja wohl nicht mehr weiter ausführen. Aber sicher etwas was man als sinnvolle Kapitalanlage an unsere Senioren verkaufen kann.
hoppla_h 09.10.2013
2. Kapitalanlage für Glücksritter nach dem Schneeballsystem
Zitat von lordasGenau, es werden soviel Häuser gebaut, dass ganze Geisterstädte entstanden sind. Wohnungen in denen keiner wohnt, aber als "Kapitalanlage" wie Bambus aus dem Boden wachsen. Die Sache mit der Landwirtschaft brauche ich ja wohl nicht mehr weiter ausführen. Aber sicher etwas was man als sinnvolle Kapitalanlage an unsere Senioren verkaufen kann.
"Blaupause" ist die "Finca auf Mallorca", verkauft als Ferienimmobilie. - Jetzt die Freihandelszone in Shanghai ist ein neues Geschäftsmodell: Herr Chen wird - mit etwas Arbeitseinsatz - als einer der Ersten reich und reicher werden. - Viele folgenden Glücksritter werden verarmen.
spon-facebook-10000283853 09.10.2013
3.
Zitat von lordasGenau, es werden soviel Häuser gebaut, dass ganze Geisterstädte entstanden sind. Wohnungen in denen keiner wohnt, aber als "Kapitalanlage" wie Bambus aus dem Boden wachsen. Die Sache mit der Landwirtschaft brauche ich ja wohl nicht mehr weiter ausführen. Aber sicher etwas was man als sinnvolle Kapitalanlage an unsere Senioren verkaufen kann.
Und wer hat diese Geisterstädte entstehen lassen? Der freie Markt? Nein, es war ein planwirtschaftlicher Eingriff der Regierung. Die Chinesen werden auch noch merken, dass ein bisschen Planwirtschaft nur ein bisschen weniger schlecht ist.
Artgarfunkel 09.10.2013
4.
Zitat von spon-facebook-10000283853Und wer hat diese Geisterstädte entstehen lassen? Der freie Markt? Nein, es war ein planwirtschaftlicher Eingriff der Regierung. Die Chinesen werden auch noch merken, dass ein bisschen Planwirtschaft nur ein bisschen weniger schlecht ist.
Tja, wer hat den die Geisterstädte in Spanien gebaut? Das war der "freie" Markt. Genauso schlecht, wenn nicht noch übler.
spon-facebook-10000283853 10.10.2013
5.
Zitat von ArtgarfunkelTja, wer hat den die Geisterstädte in Spanien gebaut? Das war der "freie" Markt. Genauso schlecht, wenn nicht noch übler.
Äh ... der freie Markt würde investieren und entweder die Gewinne oder die Verluste tragen. Wenn allerdings Zinsen durch staatliche Eingriffe künstlich niedrig gehalten werden (wie kann Spanien die gleichen Zinsen wie Deutschland haben?), dann hat es nichts mit freiem Markt, sondern mit staatl. Intervention zu tun - wenn dann noch Bauten "gefördert" werden, um so mehr. Politiker brauchen ja Wahlsprüche - wie wäre es mit "Teilhabe" für jeden, auch an Hauseigentum! ;) Wenn dann auf Grund der Überverschuldung des Staates - die darauf angewiesen sind, dass ihre Staatsanleihen von Banken und Versicherungen gekauft werden damit sie nicht kollabieren - Banken "gerettet" werden, dann haben Sie nicht Verwerfungen des Marktes, sondern staatliche Mangelwirtschaft.
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