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12. Februar 2013, 19:13 Uhr

Smog in China

Volkswagen empfiehlt den Griff zum Wischmopp

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Die Smog-Belastung in China macht Volkswagen Sorgen. Der Konzern gibt seinen Mitarbeitern in der Volksrepublik Tipps. So sollen sie etwa ihre Wohnungen feucht wischen. Japanische Firmen dagegen können von den Umweltproblemen der Chinesen profitieren.

Berlin - Das Getöse zum Jahreswechsel ließen sich die Chinesen auch diesmal nicht nehmen. Mit Böllern und Raketen läuteten die Menschen am vergangenen Wochenende überall im Land das Jahr der Schlange ein. Ein bisschen weniger laut ließen es allenfalls die Bewohner der großen Metropolen angehen - in Peking etwa ging der Verkauf der Feuerwerkskörper um mehr als ein Drittel zurück.

Die Behörden hatten um Zurückhaltung gebeten, weil seit Wochen dichter Smog über der Stadt liegt. Auch den internationalen Konzernen bereitet die hohe Luftbelastung Sorgen. "Unsere Ärzte beobachten die Lage genau", sagte Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh kürzlich. "Wenn deren Messungen ergeben, dass die Schadstoffbelastung in den Lungen so hoch ist, dass bestimmte Richtwerte überschritten sind, ziehen wir unsere Leute ab."

Damit es dazu nicht kommt, haben die Arbeitsmediziner des Konzerns einen Leitfaden für die Mitarbeiter der chinesischen Standorte herausgegeben. In dem internen Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, erklären die Ärzte, wieso der Feinstaub für den Menschen so gefährlich ist und empfehlen, sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten. Anstrengungen und Sport seien zu vermeiden.

Um die kleinen Staubpartikel nicht ins Haus zu schleppen und auf diese Weise die Atmosphäre in den eigenen vier Wänden zu vergiften, solle man die Straßenkleidung am besten vor der Tür lagern, die Böden häufig nass wischen und insbesondere das Schlafzimmer nur im Pyjama betreten. Die Fenster, so heißt es in dem Schreiben, seien nur bei niedrigen Schadstoffwerten zu öffnen. Klimaanlagen seien auf Umluft einzustellen.

Daimler bietet kostenlosen Besuch im Fitnessstudio an

Volkswagen-Konkurrent Toyota versucht, dem Problem mit Maßnahmen am Arbeitsplatz zu begegnen. Zimmerpflanzen sollen ebenso dazu beitragen, das Klima zu verbessern, wie Luftreinigungsgeräte. Auch Daimler versucht, den Smog mit Luftfiltern von seinen Büros fernzuhalten. Per E-Mail werden die Mitarbeiter regelmäßig über die Schadstoffbelastung informiert. Als Kompensation für den Verzicht auf Sport im Freien ist der kostenlose Besuch im Fitnessstudio möglich.

Zwar können die Menschen in Peking inzwischen wieder besser atmen. Laut US-Botschaft hat sich der schwere Smog der vergangenen Wochen verzogen. Der Air Quality Index (AQI) lag bereits am Freitag mit 29 im guten Bereich, meldete die amerikanische Vertretung. Aber die dramatischen Werte Ende Januar sind noch in Erinnerung: Zeitweise musste Peking sogar den Luftnotstand ausrufen. Damals lag der AQI bei 500, ganz am unteren Ende der Qualitätsskala.

Die Regierung in Peking kündigte strengere Abgasauflagen für Autos an. Bis 2017 soll der Schwefelgehalt bei den Abgasen von Benzin- und Dieselmotoren auf zehn Partikel pro Million (ppm) begrenzt werden. Derzeit liegt der Grenzwert bei 50 ppm. Der entscheidende Anteil an der verpesteten Luft wird aber nach wie vor den Kohlekraftwerken zugeschrieben. Trotz der großen Anstrengungen beim Aufbau regenerativer Energien verfeuert China derzeit noch fast so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen.

Japanische Luftfilter sind Verkaufsschlager

Immerhin trägt der Smog dazu bei, die politischen Beziehungen zum Nachbarn Japan zumindest ein wenig zu entspannen. So geben die Chinesen ihren wochenlangen Boykott japanischer Waren wegen des Inselstreits zumindest teilweise wieder auf und kaufen die hochentwickelten Luftfilter aus dem Nachbarland. Der Elektronikhersteller Sharp konnte nach eigenen Angaben den Absatz seiner Luftreiniger für den Hausgebrauch im Januar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifachen. Auch die Filterhersteller Panasonic und Daikin erzielten ein deutliches Absatzplus. Und die Regierung in Tokio hat bereits ihre Bereitschaft erklärt, mit Peking über gemeinsame Maßnahmen zur Verbesserung der Luftreinhaltung zu sprechen.

Chinas Smog-Problem ist den Japanern vertraut: Im Zuge des Wirtschaftsbooms wurde das Land in den sechziger Jahren von starker Luftverschmutzung geplagt. Mit Hilfe strenger Grenzwerte bei Auto- und Industrieabgasen sowie neuer Technologien hat Japan das Problem inzwischen ganz gut im Griff.

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