Fluggastrechte, Geldanlage, Studiengebühren So hart wird der Brexit für deutsche Verbraucher

Und plötzlich müssen sie Zoll zahlen: Wenn tatsächlich Brexit ist, merken's die Kunden sofort. Das sind die Punkte, die Sie künftig im Geschäftsverkehr mit Großbritannien beachten sollten.

Hoffentlich eigens krankenversichert: Touristen in London
Chip Somodevilla/Getty Images

Hoffentlich eigens krankenversichert: Touristen in London

Eine Kolumne von


Die ersten Opfer des Brexit in Deutschlands gibt es schon. Sie arbeiten bei Ford in Köln und stellen dort den Kleinwagen Fiesta für den britischen Markt her. Und der ist viel teurer geworden für die britischen Kunden, weil das Pfund gerade schwächelt. Die Arbeitsplätze sind in ernster Gefahr.

Aber es gibt noch mehr Menschen hierzulande, die sich bei einem harten Brexit vorsehen sollten. Da sind zum Beispiel englandbegeisterte Touristen, die nach dem Brexit und eben wegen jenes niedrig bewerteten Pfunds versucht sein könnten, einen preiswerten Urlaub zu buchen - und dabei aber vergessen, dass sie nicht mehr automatisch krankenversichert sind, wenn das Vereinigte Königreich im Falle eines "harten Brexit" der EU einfach so nicht mehr angehört.

Das gilt für Kassenpatienten, die bislang das staatliche britische Gesundheitssystem mit ihrer Krankenkassenkarte kostenlos nutzen konnten. Das wäre vorbei. Eine Auslandsreisekrankenversicherung schafft Abhilfe, und die gibt's für Singles schon für einen Zehner. Ohnehin empfiehlt sie sich in der EU. In Klammern gesagt: Privatversicherte haben das Problem nicht, ihr teurer Schutz gilt meist weltweit.

Demnächst vor britischen Gerichten

Pech haben könnten auch Fluggäste. Die Frage, ob die Start- und Landerechte britischer Gesellschaften nach einem harten Brexit einfach weiter gelten, hat die EU zwar vorläufig mit Ja beantwortet. Aber ob auch Drittstaaten so kulant mit den ehemaligen EU-Gesellschaften British Airways oder Virgin Atlantic umgehen, weiß keiner. Und wer von England mit solchen Fluglinien über den Atlantik oder nach Indien und Thailand fliegt, hat jedenfalls die EU-Fluggastrechte nicht mehr, wenn Flüge ausfallen oder stark verspätet sind.

Selbst wenn die britische Regierung sagt, sie habe die Fluggastrechte in britisches Recht übernommen, müssten Sie gegen unwillige Fluglinien dann vor britischen Gerichten vorgehen. Und Labours Versprechen diese Woche, den Erhalt europäischer Verbraucherrechte zur Bedingung für einen Kompromiss mit der Regierung May zu machen, gilt ja auch nur bei einem weichen Brexit. Bei Reisen aus der EU nach Großbritannien ist übrigens der Schutz unbestritten gesichert.

Beim Geld selbst hört der Spaß ja schon lange auf. Die Briten hielten in den vergangenen Jahrzehnten störrisch am Pfund fest, manche Insulaner feixten an Europas Stränden gern über die Eurokrisen. Beim Abheben am Geldautomaten mussten Kontinentaleuropäer seit jeher aufpassen, dass sie nicht mit der Frage, ob sie "sofort in Euro abrechnen" wollen, über den Tisch gezogen werden und einen hundsmiserablen Wechselkurs bekommen.

Auswirkungen hat natürlich auch schon gespürt, wer größere Teile seines Vermögens ausgerechnet in britischen Aktien angelegt hatte. Der Kursverfall des Pfundes verhagelt Anlegern hierzulande die Rendite.

Der Aktienmarkt selbst war gar nicht so negativ. Der Londoner Aktienindex ist seit dem Referendum im Juni 2016 sogar von 6140 auf 7429, also um über 20 Prozent, gestiegen. Rechnet man den Kursverfall des Pfundes seit der Brexit-Entscheidung im Sommer 2016 dagegen, ist das für Anleger allerdings ein Nullsummenspiel.

Gibt es wieder Roaminggebühren?

Zum Vergleich: Der Dax ist in der Zeit von 9750 auf 11.500 gestiegen, für deutsche Anleger ohne Währungseinflüsse. Anleger mit Indexfonds auf den MSCI World haben in Euro betrachtet einen Anstieg ihres angelegten Vermögens um ein Drittel verbucht.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Besser war die Anlage bei manchen britischen Banken in Festgeld, sie haben auch Festgeld in Euro angeboten. Und bei den Close Brothers gab es für deutsche Kunden kontinuierlich über ein Prozent, wenn man dieses Festgeld über Zinspilot abgeschlossen hatte.

Wer sein Erspartes in britischen Lebensversicherern angelegt hat, bekam Ende 2018 Post, mit der die Unternehmen Standard Life, Clerical Medical und Friends Provident mitteilten, sie hätten die Verträge an eine Tochter in Irland, also weiterhin in der EU, übergeben. Der Anbieter Royal London verschob die Verträge dafür nach Luxemburg. Der zusätzliche Insolvenzschutz, den die britische Regierung nach einem großen Versicherungsskandal Anfang des Jahrtausends eingeführt hatte, geht damit allerdings wieder verloren. Britische Gerichte sind aber der Meinung, die Kunden seien jetzt auch in der EU genug geschützt.

Auch beim Telefonieren und Surfen in Großbritannien müsste man nach einem harten Brexit zumindest vorsichtig sein, denn die Roaminggebühren fürs mobile Telefonieren sind nur innerhalb der EU, in Norwegen, Island und Liechtenstein abgeschafft. In der Schweiz, in der Türkei, aber auch in Serbien ist das Telefonieren nach Deutschland hingegen deutlich teurer. Verlässt Großbritannien die EU, könnten die Zusatzgebühren auch dort wieder fällig werden.

Welche Garantie gilt?

Die deutsche Tochter des britischen Mobilfunkgiganten Vodafone mag sich nicht festlegen, schrieb mir aber diese Woche: "Wir haben keinerlei Anzeichen dafür, dass Großbritannien künftig nicht mehr an der EU-Roaming-Regulierung teilnehmen will. Insofern gehen wir davon aus, dass sich selbst im Falle des Brexits an der bestehenden Roaming-Regelung mit Großbritannien vorerst nichts ändern wird." Auch die Telekom eiert bei dem Thema herum.

Obacht beim Einkaufen: Shopping bei britischen Firmen kann nach einem harten Brexit zu Zollkosten oder Einfuhrumsatzsteuer führen. Das Einkaufen selbst wird für Kunden hingegen weiterhin nur ein kleines Problem. Die Gewährleistungsrechte, die sie in der EU haben - also zwei Jahre lange Rückgabe -, bleiben erhalten. Kein Problem für die Briten. Im Vereinigten Königreich gilt die Gewährleistung bei neuen Geräten nämlich sogar für mindestens fünf Jahre, falls sie kaputtgehen. Das Land ist an dieser Stelle deutlich über die EU-Gewährleistungsmindeststandards hinausgegangen. Einziger Haken an der längeren Gewährleistung: Die muss man dann womöglich vor Ort, zum Beispiel in Sheffield erkämpfen.

Es gelten die Grundregeln, die das Europäische Verbraucherzentrum in Kehl schön auf den Punkt gebracht hat: Beim Streit mit britischen Unternehmen wird weiterhin entscheidend sein, ob das britische Unternehmen für den deutschen Markt angeboten hat. Also ob die Website auf deutsch war und zum Beispiel Lieferung nach Deutschland angeboten wurde. Dann gilt deutsches Recht. Oder ob man in Großbritannien etwas eingekauft hat, das für den britischen Markt gedacht war. Dann gilt das britische Recht.

Besuchen Sie Britannien, solange es noch steht. Wer jenseits eines Urlaubs oder eines Besuchs in Großbritannien erwägt, dort zur Schule zu gehen oder zu studieren, hat bis Ende 2020 erst einmal keine Probleme. Was im Studienjahr 2021/2022 passiert, ist noch unklar. Das Gleiche gilt für die Frage der Studiengebühren. Bis Ende 2020 haben Studierende aus der EU finanziell den gleichen Status wie britische Inländer, auch die zahlen oft bis zu 9250 Pfund an Studiengebühren im Jahr. Nur in Schottland können EU-Europäer derzeit kostenlos an Bachelorstudiengängen teilnehmen.

Eines ist allerdings schon klar: Wer sein Studium in Großbritannien schon begonnen hat, kann für das ganze Studium Bafög beantragen. Sollte Großbritannien hart austreten, würde das Vereinigte Königreich zum Drittstaat - Auslandsbafög gäbe es dann nur noch für ein Jahr.

Haben Sie noch Fragen und Hinweise für den Alltag der neuen deutsch-britischen Nachbarschaft? Schreiben Sie mir!

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde als Beispiel für eine britische Fluglinie British Midland genannt, die aber 2012 von British Airways übernommen wurde. Wir haben deshalb ein anderes Beispiel gewählt.



insgesamt 79 Beiträge
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derhey 06.04.2019
1. Hört´s doch auf
natürlich wird es Nachteile geben, für alle Seiten (vielleicht ausgen. die Finanzindustrie), ja, das Eine oder Andere wird teurer, vielleicht aucvh den einen oder anderen Arbeitsplatz kosten. Die Briten wollen raus, also müssen wir uns und die sich darauf einrichten. Man sollte sich mal überlege, ob es auch Vorteile gibt, längerfristig - vielleicht wird es einfacher in der EU, nicht unbedingt zum Vorteil von D aber insgesamt? Eine konstrutivere Qualität der EU-Politik? Wer weiß? Das alles ist mit genausovielen Fragezeichen versehen wie die anderen "Weissagereien".
ingnazwobel 06.04.2019
2.
Also kurz gesagt, der Einfluss des Brexits auf den deutschen Verbraucher ist gleich Null. Eher das Gegenteil wird der Fall sein. Das GB Unternehmen und Verbraucher in Zukunft weniger Investitionen bzw. Importe leisten können und Ihren Urlaub nicht in Südeuropa verbringen können, wird natürlich Auswirkungen auf die EU haben. Das wird aber durch die Abwanderung aller internationalen Unternehmen die ihren EU Sitz und Produktion in GB haben wohl ausgeglichen weden. Diese Unternehmen werden in GB nur noch den Inlandsbedarf (wenn überhaupt) aufrecht erhalten und den Rest in die EU verlageren.
Dummschwätzer2 06.04.2019
3.
Besonders viele Nachteile bei einem harten Brexit sehe ich nicht. Fast keines der aufgeführten Beispiele trifft auf mich zu.
lungervogel 06.04.2019
4. Kein Risiko für "den" Verbraucher
Wer ist denn "der" Verbraucher? Eine private Reisekrankenversicherung ist bei Auslandsreisen ein Muss und kostet nicht das Leben. EU Roaming ist relativ neu. Die Mobilfunkanbieter müssten ihre AGB überarbeiten bzw. UK in eine andere Kategorie einstufen und den deutschen Verbraucher über die Änderung informieren. Oder gibt es in den AGB der Mobilfunkanbieter eine automatische Roaming-Brexit-Klausel? Legt der Verbraucher gemeinhin sein Vermögen in in Pfund an?
george2013 06.04.2019
5. Viel Spaß beim "London-weekend-shopping"
Auch"trendige" Besserverdiener,die bislang noch alle zwei Wochen zum Einkaufen "umweltbewusst" nach London fliegen dürften künftig ein Problem haben: Waren im Wert von insgesamt bis zu 430 Euro bleiben steuerfrei. Darüber sind dann aber 19 Prozent Umsatzsteuer am deutschen Ankunfts Flughafen zu zahlen. Und wer mit jeder Menge Designer-Zeugs im Gepäck aus Gewohnheit den falschen "grünen Ausgang" vor dem Zoll nimmt, begeht eine veritable Straftat.
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