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Griechenlands Staatsrundfunk ERT: Ende über Nacht

Foto: SIMELA PANTZARTZI/ picture alliance / dpa

Radikalkur für griechischen Staatsrundfunk Warum ARD und ZDF nicht als Vorbild taugen

Die griechische Regierung schaltet den staatlichen Rundfunk ab - sie will mit einer neuen Anstalt angeblicher Verschwendung ein Ende bereiten. Vorbild soll auch das deutsche System sein. Das ist keine gute Idee.

Hamburg - Der Schritt war ebenso drastisch wie überraschend: Mit nur wenigen Stunden Vorlauf verkündete die griechische Regierung am Dienstag, die staatliche Rundfunkanstalt ERT zu schließen. Bereits in der Nacht auf Mittwoch wurden die drei landesweiten Fernseh- und mehr als 20 Radioprogramme nach und nach abgeschaltet. Mehr als 2600 Beschäftigte sind buchstäblich von einem Tag auf den anderen gefeuert.

Den Entschluss von Ministerpräsident Antonis Samaras verband die Regierung mit heftiger Kritik, vor allem am Finanzgebaren der ERT. Die Sender, in die der Großteil der 290 Millionen Euro Gebühren im Jahr fließen, seien "ein typischer Fall unglaublicher Verschwendung". Der staatliche Rundfunk sei "ein in Schieflage und auf faule Fundamente gebautes 'Bauwerk'".

Dementsprechend drastisch verschlankt soll die Nachfolge-Anstalt Ende August wieder den Sendebetrieb aufnehmen. Mit 1200 Angestellten soll sie weniger als die Hälfte der bisherigen ERT-Mitarbeiter beschäftigen. Auch das Budget soll deutlich schmelzen - der Regierung zufolge um etwa ein Drittel auf dann knapp 200 Millionen Euro.

Als Vorbild für den neuen - kompakten und wirtschaftlichen - Rundfunk hat die griechische Regierung die modernen öffentlich-rechtlichen Systeme Europas auserkoren - ausdrücklich auch das in Deutschland.

Da lohnt sich doch ein Vergleich: Wie teuer ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland und Griechenland - und was bekommen die Bürger dafür?

  • Vergleicht man in einem ersten Schritt die Gesamtkosten des Systems, fällt das Ergebnis für Deutschland wenig schmeichelhaft aus: Die deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten - ARD und ZDF sowie das Deutschlandradio - planen in diesem Jahr mit Ausgaben von 8,7 Milliarden Euro. Pro Einwohner sind das 109 Euro. In Griechenland hingegen kostet der angeblich so ineffiziente staatliche Rundfunk im Schnitt nur 26 Euro pro Jahr und Kopf. Selbst wenn man die unterschiedliche Wirtschaftskraft einbezieht - in Griechenland liegt sie pro Kopf nur bei etwa der Hälfte des deutschen Werts -, ist das deutsche System um rund das Doppelte kostspieliger.

  • In der Struktur ähnelt die griechische ERT allerdings am ehesten einer der ARD-Anstalten, da sie sowohl Radio- als auch Fernsehprogramme unter einem Dach vereint. Der Bayerische Rundfunk (BR) hat rund 12,4 Millionen Einwohner im Sendegebiet, das entspricht etwa den 11,3 Millionen Einwohnern Griechenlands. Allerdings gibt der BR in diesem Jahr 1045 Millionen Euro aus - mehr als das Dreieinhalbfache des griechischen ERT-Budgets. Auch beim Personal erscheint die ERT schlanker: Deren 2600 Mitarbeitern stehen 3350 Angestellte und rund 1500 sogenannte feste Freie des BR gegenüber - insgesamt also fast 5000 Mitarbeiter.

  • Noch schlechter fällt der Vergleich für kleinere ARD-Anstalten aus. Der Saarländische Rundfunk (SR) etwa macht Programm für rund eine Million Menschen, weniger als zehn Prozent der 11,3 Millionen Griechen. Das SR-Budget erreicht mit 111,3 Millionen Euro allerdings fast 40 Prozent des ERT-Betrags. Beim Personal leistet sich der SR mit 559 Planstellen und rund 150 festen Freien - bezogen auf die Einwohnerzahl - mehr als das Zweieinhalbfache des griechischen Pendants.
  • Das ZDF allein - von der griechischen Regierung explizit als eines der Vorbilder für den neuen Rundfunk genannt - liegt bei den Kosten mit einem Budget von 2,02 Milliarden Euro gleichauf mit ERT. Pro Einwohner entspricht das etwa 25 Euro im Jahr, bei rund 8000 festen und freien Angestellten. Allerdings betreibt das ZDF keinen Hörfunk, sondern ausschließlich landesweites Fernsehen.

Betrachtet man also die Kosten und die Personalausstattung, eignet sich das deutsche System eher nicht als Vorbild für Griechenland - die vermeintlich verschwenderische ERT schneidet besser ab.

Allerdings sind ARD und Co. bei Zuschauern und Hörern wesentlich erfolgreicher: Die ERT-Fernsehprogramme schaffen zusammengenommen nur eine Einschaltquote von rund sechs Prozent, bei den Radiosendern sieht es kaum besser aus. In beiden Bereichen dominieren private Sender den griechischen Markt klar. Im Gegensatz dazu finden sich in Deutschland das ZDF und Das Erste regelmäßig in den Top 3 der Zuschauergunst. Die dritten Fernsehprogramme erreichen zusätzlich je nach Anstalt 6 bis 8,5 Prozent Einschaltquote. Und auch viele ARD-Radioprogramme gehören in ihrer Region zu den meistgehörten Sendern.

TV-Moderator mit 1200 Euro Monatslohn

Trotz der relativ niedrigen Quoten gilt ERT den Griechen jedoch als weit verlässlichere Informationsquelle als die private Konkurrenz. Dem "Internationalen Handbuch Medien" des Hans-Bredow-Instituts zufolge sind die Nachrichten "von Seriosität, Verantwortung und relativer Ausgewogenheit geprägt". Auch SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Georgios Christidis sagt: "Die Qualität und Verlässlichkeit der Nachrichten hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert." ERT biete Kultur und Dokumentationen, die es bei der privaten Konkurrenz schlicht nicht gebe. Zudem sende ERT als einzige Anstalt wirklich flächendeckend. "Seit der Nacht empfangen Griechen etwa in der Nähe der türkischen Grenze keinen einzigen griechischen Fernsehsender mehr", berichtet Christidis.

Doch auch Christidis spricht von Verschwendung aufgrund der direkten Kontrolle durch die Regierung: Mit jedem Machtwechsel sei noch mehr "handverlesenes Personal" auf Posten mit exorbitanter Bezahlung gehievt worden, während gewöhnliche ERT-Mitarbeiter gerade so über die Runden kämen - und nun auf der Straße stünden. So verdiente etwa ein Fernsehmoderator lediglich 1200 Euro im Monat.

Fraglich ist allerdings, ob ausgerechnet das deutsche System hier als Vorbild taugt: Auch in öffentlich-rechtlichen Anstalten soll es angeblich die ein oder andere gutbezahlte Führungskraft geben, die ihren Posten eher politischer Patronage als journalistischem Talent verdankt.

Mitarbeit: Thomas Riedel
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