Kampf gegen Schuldenkrise Zypern setzt alles auf den Wunderfonds

Jetzt steht also der Plan B für Zypern: Ein Solidaritätsfonds soll den Weg für das Rettungspaket freimachen. Doch wie genau dieser funktioniert, ist unklar. Noch am Donnerstagabend soll das Parlament über den Fonds entscheiden. Die Stimmung im Land schwankt zwischen Euphorie und Fatalismus.
Kampf gegen Schuldenkrise: Zypern setzt alles auf den Wunderfonds

Kampf gegen Schuldenkrise: Zypern setzt alles auf den Wunderfonds

Foto: YORGOS KARAHALIS/ REUTERS

Die Anspannung in Nikosia steigt. Man spürt sie, wenn die Menschen, die einem der unzähligen Kamerateams in der Hauptstadt Interviews geben, ihre Stimme erheben und gegen Europa und so langsam auch gegen die eigene Regierung wettern. Man spürt sie, wenn die Menschen vor den Fernsehern stehen und die Köpfe schütteln vor Unglauben oder Verzweiflung. Die zyprischen TV-Sender kennen seit Tagen nur noch ein Thema: die Krise. Seit dem frühen Donnerstagmorgen schalten sie im Viertelstundentakt zu ihren Korrespondenten, die vor dem Präsidentenpalast auf eine Entscheidung warten.

Dort haben die zyprischen Minister mit Staatspräsident Nikos Anastasiades und Zentralbankchef Panicos Demetriades den Plan B geschmiedet: Bis Montag werde "ein Unterstützungsprogramm für die zyprische Wirtschaft" stehen, sagte Demetriades, kurz darauf wurden die Umrisse von Plan B enthüllt: Einstimmig habe der Ministerrat einen Vorschlag von Anastasiades angenommen, einen Solidaritätsfonds aufzulegen. Der Fonds soll mit Geld aus Rentenkassen und der Kirche sowie anderen Institutionen gebildet werden und zyprische Staatsanleihen ausgeben. Auch die zyprische Zentralbank soll mit ihren Goldreserven dazu beitragen.

Wie der Fonds genau funktionieren soll, ist allerdings noch unklar. Ebenso wie die Antwort auf die Frage, ob so genügend Geld zusammenkommen wird, um die 5,8 Milliarden Euro große Lücke im Rettungspaket zu stopfen. Nach Angaben zyprischer Politiker ist die ursprünglich geplante Zwangsabgabe für Sparguthaben mittlerweile vom Tisch.

Der neue Vorschlag müsse nun zunächst in Gesetzesform gegossen und dann an das Parlament zur Entscheidung weitergeleitet werden, sagte Regierungssprecher Christos Stylianides. Noch am Donnerstagabend solle darüber abgestimmt werden, sagte ein Parlamentsvertreter SPIEGEL ONLINE.

Wie das zyprische Fernsehen berichtete, soll zuerst der Ministerrat kurz tagen. Danach wird es am frühen Abend zu einer kurzen Debatte und zur Abstimmung im Parlament kommen. Es wird erwartet, dass alle 56 Abgeordneten dafür stimmen. Die Parteivorsitzenden haben sich nach einem Treffen mit Staatspräsident Anastasiades einstimmig für die Bildung eines "Solidaritätsfonds" ausgesprochen.

Mindestens bis dahin müssen die Menschen weiter warten. Freundlich sind die Zyprer immer noch, aber das andauernde Hinhalten zehrt an den Nerven. Für kleine Unternehmen grenzt die Situation an einen geschäftlichen Überlebenskampf: Manok, der einen Laden mit der typischen Mischung aus Andenken, Zeitungen, Getränken und Zigaretten in der Altstadt von Nikosia besitzt, lacht nur, wenn ein Kunde mit einem Schein bezahlen will, der größer ist als zehn Euro - Wechselgeld hat er nämlich kaum noch. "Ich habe mein ganzes Geld auf einem Sparbuch, das kann ich jetzt aber nicht abheben." Aus lauter Verzweiflung hat er schon die meisten Lampen ausgeschaltet - um Strom und damit Geld zu sparen. An die Vision eines vereinten Europa glaubt Manok - wie so viele Zyprer - nicht mehr: "Wenn ich an die EU denke, dann denke ich an Ungerechtigkeit."

Viele Tankstellen akzeptieren nur Bargeld

Während der Europäische Bankenverband Druck macht und zu einer schnellen Wiedereröffnung der zyprischen Banken drängt und die EZB ein Ultimatum bis kommenden Montag gestellt hat, arrangiert sich das Land mit der Situation, so gut es geht: Die Zahl der Kartenzahlungen ist in den vergangenen Tagen in die Höhe geschnellt - allerdings vor allem bei kleineren Einkäufen. Viele Tankstellen beispielsweise akzeptieren nur Bargeld. Der Grund: Sie müssen ihre Benzin- und Diesellieferungen im Voraus bezahlen - und das geht derzeit nur mit Cash.

Der Präsident der Tankwarte der Hafenstadt Larnaka, Andreas Ioannou, ging im Fernsehen sogar davon aus, dass die meisten Tankstellen am Wochenende schließen könnten. Sie hätten kein Geld mehr, um Spritnachschub zu kaufen. Nach Angaben des Apothekerverbands sind aufgrund der Geldprobleme zudem seit Tagen keine Medikamente mehr importiert worden. "Wenn die Banken bis kommenden Dienstag nicht aufmachen, dann werden wir Knappheiten haben", hieß es in einer Erklärung der Apotheker in Nikosia.

Einige größere Supermärkte akzeptieren Kreditkarten gar nicht mehr, weil die Girokonten ihrer Kunden teilweise bis zum letzten Cent ausgeschöpft sind. Wenn die Leute kein Geld mehr aus dem Automaten bekommen, kratzen sie die letzten Barreserven aus Sparschweinen und Portemonnaies zusammen. Weil die Banken keine Überweisungen ausführen und die Kunden keine Schecks abgeben können, bleiben in diesen Tagen viele Rechnungen unbezahlt. Der öffentliche Stromversorger hat seine Beschäftigten schon angewiesen, keinem Haushalt wegen unbezahlten Rechnungen den Strom abzustellen.

Alles ist jetzt auf den Plan B ausgerichtet: Wenn er verabschiedet und von den Euro-Staaten abgesegnet ist, können die Banken wieder öffnen und dann kann das öffentliche Leben wieder Fahrt aufnehmen. Das jedenfalls ist die Botschaft, die die Regierung aussendet. Die Menschen allerdings sind skeptisch. Maria, 32, Verkäuferin, glaubt nicht an die gute Nachricht: "Ist das jetzt die Lösung? Die werden doch einen Weg finden, uns trotzdem noch Geld wegzunehmen", sagt sie. Ihre Kollegen nicken zustimmend mit dem Kopf.

Mit Material von dpa
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