Ökonom Luis Garicano "Spanien hat nur noch wenige Wochen"

Spanien ruft um Hilfe: Die Banken brauchen dringend frisches Geld - doch die EU streitet, unter welchen Bedingungen sie es bekommen sollen. Der Ökonom Luis Garicano erklärt im Interview, warum jetzt alle Europäer für die spanischen Institute haften sollten.
Spanische Börse: "Zu lange gezögert"

Spanische Börse: "Zu lange gezögert"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Garicano, Spaniens Finanzminister Cristóbal Montoro hat zugegeben, dass sich das Land kaum noch am Kapitalmarkt finanzieren kann. Führt nun noch ein Weg an europäischen Hilfen vorbei?

Garicano: Nein. Die Probleme in Spaniens Finanzsektor können nur noch mit Hilfen anderer Länder gelöst werden.

SPIEGEL ONLINE: Die spanische Staatsverschuldung beträgt rund 80 Prozent der Wirtschaftsleistung, weniger noch als in Deutschland. Selbst wenn die Regierung 100 Milliarden Euro in den Bankensektor pumpen würde, läge die Verschuldung mit 90 Prozent noch im tolerablen Bereich. Kann Spanien das Problem nicht selbst lösen?

Garicano: Nein, wie sollte sich die Regierung das Geld jetzt noch leihen? Die Unsicherheit an den Kapitalmärkten ist zu hoch. Die Zinsen für spanische Staatsanleihen sind stark gestiegen. Die Regierung hat mit einer Lösung für den Bankensektor zu lange gezögert. Ein Alleingang ist jetzt unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Wann rechnen Sie mit Hilfen aus Europa?

Garicano: Spanien hat nur noch wenige Wochen. Die Banken brauchen dringend Hilfe. Wenn die Staatengemeinschaft rasch frisches Geld zusichert, dürfte das die Märkte etwas beruhigen. Den Krisenmanagern bliebe dann noch etwas Zeit, einen konkreten Rettungsplan auszuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit wird diskutiert, Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm direkt an den spanischen Bankenrettungsfonds zu zahlen.

Garicano: Ein sinnvoller Ansatz. Das Problem würde so an seiner Wurzel gepackt. Und anders als Griechenland, Irland und Portugal würde die Regierung in Madrid keine Souveränität einbüßen.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Regierung ist weniger begeistert. Sie fürchtet, viele Milliarden auf Nimmerwiedersehen in Spaniens Bankensektor zu versenken - ohne dass sie im Gegenzug Reformen einfordern kann.

Garicano: Natürlich muss es für die Hilfen Auflagen geben. Die spanische Regierung muss sich verpflichten, Reformen voranzutreiben. Zudem müssen noch viele der 17 autonomen Regionen diszipliniert werden - denn während die Zentralregierung spart, geben manche Regionen nach wie vor zu viel Geld aus. Die Güter- und Service-Märkte müssen konsequent reformiert werden. In all diesen Bereichen ist während der vergangenen zehn Jahre viel zu wenig passiert.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als sei der Druck von Europas Krisenmanagern ganz heilsam. Wäre es nicht doch besser, wenn Spaniens Regierung unter den Rettungsschirm schlüpft und einen Teil ihrer Souveränität abgibt?

Garicano: Nein, denn das würde in erster Linie bedeuten, dass sie sich dem Spardiktat der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und IWF unterwerfen müsste. Das wäre falsch. Die spanische Regierung kämpft nicht mit übermäßigen Schulden, sondern mit einer Bankenkrise und strukturellen Problemen. Mit direkten Hilfen an die Banken würden Europas Krisenmanager die spanische Finanzkrise beenden und könnten gezielt Strukturreformen fordern.

SPIEGEL ONLINE: Irland leidet wie Spanien unter einer Bankenkrise. Die Regierung musste Geldhäuser verstaatlichen, brauchte danach EU-Hilfen und musste im Gegenzug einen Teil ihrer Souveränität aufgeben. Was werden die Iren wohl sagen, wenn die Spanier jetzt Hilfen zu lascheren Bedingungen bekommen?

Garicano: Die damalige Handhabe war ein Fehler. Es war falsch, dass die irischen Steuerzahler für die gewaltigen Verluste der Banken einstehen mussten - und das Land in der Folge zu radikalen Sparmaßnahmen gezwungen wurde, die wiederum die Bevölkerung belasten. Das Gute ist: Die Euro-Krisenmanager haben seitdem dazugelernt. Spanien hat nun die Chance auf einen besseren Rettungsplan.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Willen der EU-Kommission sollen Europas Banken künftig staatenübergreifend beaufsichtigt werden und sich im Notfall gegenseitig helfen. Ein sinnvoller Vorschlag?

Garicano: Ja. Eine solche Bankenunion würde die europäische Währungsunion stabilisieren. Systemrelevante Banken - also solche, deren Pleite unkalkulierbare Folgen hätte - sollten dafür Geld in einen gemeinsamen Rettungsfonds einzahlen. Steckt ein Institut in der Krise, können die anderen es stützen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte die Deutsche Bank dafür geradestehen, wenn sich die Banco de Santander mit Immobilienkrediten verzockt?

Garicano: Weil auch die Deutsche Bank große Verluste macht, wenn andere europäische Großbanken wanken. Die großen Institute sind oft durch gegenseitige Kredite miteinander verwoben. Wird ein wankendes Geldhaus gestützt, bewahrt das viele andere Banken vor Abschreibungen.

SPIEGEL ONLINE: Zu einer Bankenunion gehört auch die Idee eines gemeinsamen Einlagensicherungsfonds. Die Banken sollen gemeinsam für die Einlagen der europäischen Anleger haften - damit diese im Fall einer Pleite ihr Geld zurückbekommen.

Garicano: Auch das ist ein wichtiger Bestandteil. Wir beobachten derzeit, wie Anleger in Griechenland und Spanien Geld von ihren Konten abziehen - aus Angst, es nicht wieder zu bekommen. Diese Panikreaktion verschärft die Bankenkrise. Eine europäische Einlagensicherung würde dem Spuk ein Ende bereiten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre sie nicht auch ein Freifahrtschein für Banken, noch mehr zu zocken?

Garicano: Nein, denn die europäische Bankenunion und der gemeinsame Einlagenfonds würden ja von einer strengen Aufsicht überwacht.

SPIEGEL ONLINE: Schon die nationalen Bankenaufseher waren nicht besonders erfolgreich. Deshalb stecken wir ja in der Krise. Warum sollte eine europäische Aufsicht besser arbeiten?

Garicano: Weil sie sich nicht dem Druck von Nationalregierungen beugen muss. Die spanischen Sparkassen etwa bekamen zum Teil Probleme, weil der Staat sie gedrängt hat, problematische Kredite zu vergeben. Das wäre mit einer europäischen Bankenaufsicht nicht mehr möglich.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Bau- und Immobiliensektor ist der Wachstumsmotor der spanischen Wirtschaft ausgefallen. Wäre das Land wirklich gerettet, wenn die Bankenkrise gelöst ist?

Garicano: Ja, bei einer konsequenten Lösung würde die Wirtschaft sofort wachsen, das Bruttoinlandsprodukt könnte dann schon im kommenden Jahr wieder im Plus sein. Die Produktivität ist seit 2008 um 11 Prozent gestiegen, die Exporte sind es gar um 36 Prozent. Das Land ist auf einem guten Weg. Es hat stark an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen - nur hat es durch die Bankenkrise leider nichts davon.

Das Interview führte Stefan Schultz
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