Sparminister Tremonti Italien verspricht Blitzsanierung

Sparen statt Prassen lautet die neue Devise Italiens: Finanzminister Giulio Tremonti verspricht im "Wall Street Journal" eine Blitzsanierung seines Landes. Zugleich plädiert er für Euro-Anleihen, um den Weg aus der Krise zu meistern - und bemängelt einen zunehmenden Egoismus in Europa.

Italiens Finanzminister Giulio Tremonti: Historisches Sparpaket
REUTERS

Italiens Finanzminister Giulio Tremonti: Historisches Sparpaket


London - Italien schlägt in der Euro-Krise neue Töne an: Nach Plänen von Sparminister Giulio Tremonti wird das Land sein Haushaltsdefizit schneller als erwartet reduzieren. Es werde wahrscheinlich in diesem und im kommenden Jahr geringer ausfallen als bisher erwartet, sagte Tremonti dem "Wall Street Journal". Dies liege an dem harten Sanierungskurs.

Die Regierung geht bisher davon aus, dass das Haushaltsdefizit in diesem Jahr bei 3,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt und 2012 bei 2,7 Prozent. Am Freitagabend stimmt die Abgeordnetenkammer in Rom über das verschärfte Sparpaket der italienischen Regierung ab. Es wird erwartet, dass die Kammer genau wie der Senat am Donnerstag den Kurs mitträgt. "Wir haben alles getan, was zu tun war", sagte Tremonti der Zeitung. "Nie zuvor hat Italien einen Etat innerhalb von drei Tagen durchgesetzt."

Unter dem Druck der Finanzmärkte und EU hatte Tremonti die vor knapp zwei Wochen vorgestellten Sparmaßnahmen noch einmal verschärft. 79 Milliarden Euro anstatt zuvor 47 Milliarden sei der Umfang der Maßnahmen, berichteten italienische Medien.

Tremonti, der bisher im Ausland als italienischer Garant für Seriosität galt, will im laufenden Jahr zusätzliche drei Milliarden Euro, 2012 weitere sechs Milliarden, 2013 zusätzliche 25 Milliarden und 2014 zusätzliche 45 Milliarden in die italienischen Staatskassen fließen lassen.

"Aufteilung, Egoismus und Lokalpatriotismus"

Im Interview ermahnt der italienische Minister die EU, in der Krise mehr Einigkeit zu zeigen. Die historische Grundidee der EU sei die Annäherung gewesen, sagte Tremonti dem "Wall Street Journal". "Jetzt treten Tendenzen wie Aufteilung, Egoismus und Lokalpatriotismus zutage."

Tremonti, ein glühender Anhänger von Euro-Bonds, trat erneut für die Schaffung solcher gemeinsamer Anleihen ein, um die Schuldenkrise zu lösen. "Ich bin für Euro-Bonds", sagte er. Diese würden für ein gemeinsames europäisches Gefühl stehen. Deutschland lehnt gemeinsame Euro-Anleihen dagegen strikt ab.

yes/Reuters

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
bunterepublik 15.07.2011
1. Überrascht
Wenn eine Sanierung so leicht und schnelle ginge, bin ich tatsächlich überrascht, warum um alles in der Welt, diese Massnahmen erst jetzt ergriffen wurden, und Italien so lange wartete, bis die Ansteckung eintrat....Ich sehe das eher skeptisch
unterländer 15.07.2011
2.
Zitat von bunterepublikWenn eine Sanierung so leicht und schnelle ginge, bin ich tatsächlich überrascht, warum um alles in der Welt, diese Massnahmen erst jetzt ergriffen wurden, und Italien so lange wartete, bis die Ansteckung eintrat....Ich sehe das eher skeptisch
Das ist wie mit dem angestrebten ausgeglichenen Haushalt in Deutschland für das Jahr 2014. Solch ambitionierte Ziele werden nie für das nächste Jahr genannt, sondern liegen immer in einer Zukunft, die in der sich schnell wandelnden Umgebung überhaupt nicht vorhergesehen werden kann. Realistischer für Italien sind Einsparungen (wenn überhaupt) in der Größenordnung der für 2012 genannten Zahlen. Ebenso wie in D vielleicht die Nettokreditaufnahme zurückgehen wird, aber nur wenn das Umfeld gleich bleibt. Ein ausgeglichener Haushalt ist ja nicht einmal in der jetzigen Boom-Situation erreichbar.
la borsa, 15.07.2011
3. Blitzsanierung - das ich nicht lache.
Zitat von sysopSparen statt Prassen lautet die neue Devise Italiens: Finanzminister Giulio Tremonti verspricht im "Wall Street Journal"*eine Blitzsanierung seines Landes.*Zugleich plädiert er für Euro-Anleihen, um den Weg aus der Krise zu meistern - und bemängelt einen zunehmenden Egoismus in Europa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,774563,00.html
*Bekanntlich ist Papier geduldig. *Ich traue Italien einfach nicht über den Weg. Nur eine Notstandsregierung könnte die Blitzpläne vielleicht umsetzen. Die ist nicht in Sicht. Die Linke wird den Sozialstaat schonen und die Rechte die Reichen. Auf dieser Basis kommt es zum Absturz. Berlusconi und Tremonti: Wer ist Don Quijote und wer Sancho Panza?
flötrolf 15.07.2011
4. Die Krise ist auch eine Kommunikationskrise!
Zitat von sysopSparen statt Prassen lautet die neue Devise Italiens: Finanzminister Giulio Tremonti verspricht im "Wall Street Journal"*eine Blitzsanierung seines Landes.*Zugleich plädiert er für Euro-Anleihen, um den Weg aus der Krise zu meistern - und bemängelt einen zunehmenden Egoismus in Europa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,774563,00.html
Wir können uns alle an die tollen Kommentare der griechischen Politiker erinnern, Hilfen brauchen wir nicht, das sind ja nur Kredite, es wird alles auf Heller udn Pfennig zurückgezahlt. Grundsätzlich ist Italien in einer anderen Situation, das Land ist wirtschjaftlich stark und diversifiziert genug, um angemessen zu reagieren. Es steht in Italien, wie auch in Deutschland, nicht alles zum Besten. Jetzt aber von Blitzsanierung zu sprechen! Irgendwann fragt mal jemand, was das heißt! Ein Monat, ein Jahr, zwei jahre? Und dann. In dieser Phase herumzuschwadronieren, das passt nicht. Schon garnicht, wenn im gleichen Atemzug EURO-Bonds ins Spiel kommen. Das entspricht der Einführung des billigen Geldes 2002, doch nun tatsächlich zu Lasten der EURO-Gemeinschaft. Es gibt in der EU/im EURO-Verbund keinen Heiligen, der nicht versucht, sich zu Lasten der Anderen einen Vorteil zu verschaffen.
Litajao 15.07.2011
5. "Und täglich grüßt das Murmeltier"
Komisch, habe ich nicht Ähnliches schon von Merkel und Papandreou im März 2010 gelesen, nachzulsen im Spiegel vom 8.3.2010: Die Kanzlerin war voll des Lobes und der Anerkennung. "Eine gewaltige Kraftanstrengung" habe die Regierung des griechischen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou unternommen, sagte Angela Merkel am vergangenen Freitagabend im Kanzleramt nach einem Krisengespräch der beiden. "In bemerkenswert kurzer Zeit" hätten die Griechen ein Maßnahmenpaket umgesetzt, das die Kapitalmärkte beeindruckte. Mit Freude habe sie deshalb zur Kenntnis genommen, wie erfolgreich die neue Anleihe der Griechen am Vortag platziert worden sei. "Das hat gut geklappt." Zufrieden vernahm Papandreou die Worte der deutschen Regierungschefin, bedankte sich artig für deren Unterstützung und legte Wert auf die Feststellung, dass er nicht um finanzielle Hilfen gebeten habe. So sehen Sieger aus. Vergangenen Mittwoch hatte Papandreou ein Sparpaket verkündet, das griechischen Rentnern, Autofahrern und Staatsbediensteten milliardenschwere Einschnitte aufbürdete. Tags darauf war es den Schuldenhändlern der Athener Regierung problemlos gelungen, auf dem internationalen Kapitalmarkt neue Kredite im Umfang von fünf Milliarden Euro aufzunehmen. Von einem "sehr, sehr wichtigen Signal" sprach Merkel. "Nur so kann Griechenland die Zukunft sichern", sagte Papandreou. Zwei Gewinner feierten ihren Triumph. Die Griechenland-Krise, so lautete die Botschaft ans Publikum, ist vorbei. Tremonti braucht also nur die Blaupause der Gespräche von 2010, von Papandreou und Merkel. Klar, wir wissen es doch: In Italien ist alles ganz anders! Die Verar.... geht also weiter.
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