Spendenaktion Teure Sneaker für arme Kids

Nike, Adidas und Lacoste: Die "Turnschuhklappe" sammelt teure Markenware bei Herstellern ein und spendet sie an Kinder armer Eltern. Die Kids sollen nicht länger wegen ihrer No-Name-Treter auf dem Schulhof gemobbt werden - perfekte Image-Werbung für die Produzenten.

Frank Jaenicke

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Hamburg - Angesagtes Schuhwerk von Marken wie Etnies, Vans oder Fila kostet im Laden schon Mal hundert Euro - für arme Familien heranwachsender Kinder schlicht unbezahlbar. Damit Kinder und Jugendliche nicht in kaputten Tretern rumlaufen müssen und wegen ihrer uncoolen Schuhe auf dem Schulhof gemobbt werden, gibt es jetzt das Spendenprojekt "Turnschuhklappe".

Mit der Hilfsaktion will der Schuhshop-Besitzer Andre Heller unkompliziert helfen. Er lief als Kind jahrelang in denselben ausgelatschten Schuhen herum, weil das Geld knapp war. Heute betreibt Heller in Frankfurt seinen eigenen Sneaker-Laden, wie die Sport- und Freizeitschuhe genannt werden. Er kontaktierte die Hersteller, die binnen eines Monats rund 3000 Paar Markenschuhe schickten.

Noch stapeln sich die Kartons mit den gespendeten Edel-Tretern in Berlin. Dort sollen die ersten 1000 Sneaker-Paare noch vor Weihnachten verteilt werden - aber nur an Bedürftige. Zuständig dafür ist das Kinderhilfswerk Arche. "Wir kennen die Kinder und die Familien aus unserer Arbeit und damit auch den Bedarf", sagt Paul Höltge von der Arche. Anfang nächsten Jahres sollen weitere 1000 Paar Markenschuhe in Frankfurt verteilt werden.

Arme Familien sparten am Schuhwerk ihrer Kinder, kommentiert Arche-Botschafterin Elke Volk in einem Sneaker-Blog. Oftmals würden nur Billigschuhe gekauft, "die zu schwitzigen Füßen führen". Oder "günstige Modelle ausgewählt, die schnell abgenutzt sind". Glücklicher durch Markenschuhe - dieses Image der Hersteller bedient die Hilfsaktion. Die Firmen brauchen diesen Mythos, um ihre Markenschuhe zu einem Vielfachen der Herstellungskosten in die Läden zu bringen.

Sind kostenlose Edel-Treter also ein falsches Signal an die Kinder, denen damit die Wertlosigkeit von preiswerten Schuhen suggeriert wird?

Markenschuhe als Symbol der Abgrenzung

Jugendforscher Claus Tully gibt Entwarnung. Zwar zeigen Jugendliche mit ihrer Mode, zu welcher Gruppe sie gehören. "Aber nach meiner Beobachtung hat Markenkleidung in den vergangenen zehn Jahren an Bedeutung verloren", sagt Tully. Was an Markenideologie noch übrig sei, werde durch die Schuh-Spenden gekontert. "Wenn jetzt auch Ärmere mit teuren Schuhen rumlaufen, führt das bei denen zu Irritationen, die sich damit vorher abgrenzen wollten", so der Münchener Jugendforscher.

Auch die Initiatoren der Sneaker-Spende verteidigen ihre weihnachtliche Geschenkaktion gegen Konsumkritik, wie sie schon in einer Berliner Zeitung laut wurde. "Wir können die Welt nicht grundlegend ändern", sagt Christoph Becker, der die Pressearbeit für die Turnschuhklappemacht. Dafür wolle man direkt helfen, mit vernünftigem Schuhwerk. "Marke hin oder her."

Es sind zwar nicht die allerneuesten Modelle, welche die Arche verteilt, manche Schuhe haben auch kleinere Produktionsfehler, aber "Schrott ist nicht darunter", sagt Becker. "Das sind tolle Sneaker." Ein Paar hat er selbst am Montagabend getragen, als die erste Schuhspende auf der Party an das Kinderhilfswerk Arche übergeben wurde. Dresscode der "Kick-off"-Veranstaltung in Berlin-Mitte: Turnschuhe zu schicken Klamotten.

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Seite 1
edv3000 15.12.2009
1. Unser krankes System
Zitat von sysopNike, Adidas und Lacoste: Die "Turnschuhklappe" sammelt teure Markenware bei Herstellern ein und spendet sie an Kinder armer Eltern. Die Kids sollen nicht länger wegen ihrer No-Name-Treter auf dem Schulhof gemobbt werden - perfekte Image-Werbung für die Produzenten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,667048,00.html
Ich denke, dies ist der falsche Weg.
vingativa 15.12.2009
2. Hallo!?
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: "Turnschuhklappe". Schuhe populärer Markenhersteller werden an die Kinder armer Familien verteilt. Das das im Sinne der Hersteller ist, darf wohl nicht bezweifelt werden. Die Kleinen werden schon möglichst früh, trotz fehlendes Geldes in der Familie, an die Plastiktreter, billig und unökologisch produziert in Fernost, herangeführt und eingespannt. Das ist das völlig falsche Signal! Fast jeder kennt es wie es ist, nicht die aktuellste Mode auf dem Schulhof zu tragen. Aber ist es wirklich sinnvoll so dagegen bzw. dafür anzutreten? Zumal die Aktion die Schüler (mal wieder) total unterschätzt. Spätestens nach einigen Wochen heisst es auf dem Pausenhof: "Wo hast du dies Assitreter her? Aus der Klappe?" Eine absolut hirnrissige Schnapsidee!
vielblabla, 15.12.2009
3. Applaus
Ja das nenn ich mal virales Marketing. Von armen Menschen oft noch im Kindesalter in Billiglohnländern gefertigte Turnschuhe großer Markenhersteller werden bei uns an Kinder verteilt, die kein Geld dafür haben. Da schließt sich der Kreis und die Markenhersteller lachen sich ins Fäustchen. Vermutlich gibt es demnächst einen Förderpreis vom Bundesfamilienministerium. Aus matriell einfachen Verhältnissen kommend habe ich in meiner Jugend unter diesem Markenwahn leiden "dürfen" und plädiere dafür für Turnschuhverbot an Schulen.
robytoby 15.12.2009
4. Der richtige Weg...
...wäre es, den Kindern klar zu machen, dass sie nichts Schlechteres sind, nur weil sie keine Markentreter haben. Diese Marken- und Konsumfixierung ist widerlich.
witag 15.12.2009
5. Markiges Selbstwertgefühl...
Zitat von sysopNike, Adidas und Lacoste: Die "Turnschuhklappe" sammelt teure Markenware bei Herstellern ein und spendet sie an Kinder armer Eltern. Die Kids sollen nicht länger wegen ihrer No-Name-Treter auf dem Schulhof gemobbt werden - perfekte Image-Werbung für die Produzenten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,667048,00.html
Die Aussage bedeutet für die Gesellschaft nichts Gutes. Konsum und genauer Markenkonsum bewertet den Menschen. Oberflächlicher geht es nicht. Wünschenswert wäre eine Wertediskussion, die Heranwachsenden wirkliche Werte und verantwortliches Handeln vermittelt. Das - so die conclusio - ist eine Schimäre; es gibt schlicht kaum noch Eltern und auch sonst niemand, der diese Werte vermitteln und verantworten kann. Angesichts dieses Armutszeugnisses für die Gesellschaft ist der Versuch des Verpflasterns vermittels Turnschuhklappe und Umverteilung zwecks Angleichung ein verzweifelter letzter Hilfeversuch für ein gescheitertes Gemeinwesen. Deutschland, denk ich an dich in der Nacht...
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