Investitionen in die Zukunft Schluss mit der Schuldenschuld

So verwerflich wie im Deutschen klingt Schuldenmachen in kaum einer anderen Sprache. Zeit für eine positive Haltung zur Staatsschuld - jetzt, wo sie so nötig und so billig ist wie nie.

Schuldenuhr beim Bund der Steuerzahler in Berlin
Schöning/ imago images

Schuldenuhr beim Bund der Steuerzahler in Berlin

Eine Kolumne von


Deutschland hat ein bislang stark unterschätztes Sprachproblem. Fürs Kreditaufnehmen gibt es bei uns das Wort Schuldenmachen, was das Wort Schuld beinhaltet. Und so auf etwas moralisch höchst Unschönes schließen lässt. Obwohl ja nicht jeder Kredit gleich unmoralisch ist.

Das gibt es sonst (fast) in keiner Sprache - außer bei den Niederländern. Und es könnte erklären, warum Deutsche und Niederländer berühmt dafür sind, dass sie besonders eifrig dem staatlichen Schuldenabbau huldigen.

Nun ist Vorsicht in Geldangelegenheiten natürlich prima. Wer zu viele Schulden macht, macht Pleite. Was auch immer "zu viel" ist. Die Sache mit der sprachhistorischen Moralisierung scheint sich in Deutschland derzeit nur zunehmend zum Drama zu entwickeln. Weil nicht jede Kreditaufnahme schlecht ist. Erst recht nicht für die Kinder. Im Gegenteil.

Und weil die vermeintlich bösen Schuldner heute fast gar keine Zinsen mehr aufs Schuldenmachen zahlen müssen - was wiederum auch eine Folge übereifrigen Schuldenabbaus ist.

Total sparsam, klar

Höchste Zeit, die Sache moralisch neu zu bewerten - und vielleicht auch einen schöneren deutschen Begriff dafür zu suchen, sich Geld zu leihen, wenn es darum geht, in die Zukunft des Planeten und des eigenen Landes zu investieren. Statt Schuldenmachen so etwas wie, sagen wir, Hübsch-Geldausleihen-für-gute-Zwecke.

Briten und Amerikaner bezeichnen Schulden trocken-bürokratisch als "debt" - und Schuld mit "blame". Der Italiener sagt fürs Schuldenmachen etwas mit "debitore" - für die moralische Schuld "la colpa". Beim Franzosen heißt das eine schlicht "dette", das andere bedeutungsschwanger "culpabilité". Selbst der Finne macht bekanntlich den Unterschied zwischen "velka" und "syy". Nur bei uns - und unseren nordwestlichen Nachbarn - war bei der großen Verteilung offenbar kein zweites Wort mehr übrig. Nun müssen sich beide Bedeutungen den Begriff "Schuld" teilen. Total sparsam, klar.

Schuld ist Schuld

Jetzt heißt das nicht, dass bei uns gar keiner Schulden macht. Von wegen. Nicht lange her, dass Deutschland eine staatliche Schuldenquote von mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hatte. Die Alt-Staatsverbindlichkeiten erreichen nach wie vor Billionen. Und auch die privaten Kredite liegen gemessen an der Wirtschaftsleistung nicht zwingend niedriger als in Ländern, wo die Sprache nicht so einseitig moralisierend wirkt.

Das Sprach-Unikat könnte aber mit erklären, warum in Sonntagsreden nirgendwo so schön über den nötigen Abbau von Schulden geredet wird wie bei deutschen Finanzministern. Und warum dann gern von Sündern die Rede ist - Schuld ist Schuld. Und warum wir als (beinahe) einziges Land der Welt sogar eine "Schuldenbremse" haben, die in die hochheilige Verfassung musste, wo sonst ja so Dinge wie die Menschenwürde stehen. Oder warum eine "schwarze Null" zu einem sexy Kriterium für Politik werden konnte.

Es könnte auch erklären, warum Politiker gerade in Krisenzeiten gern mal in Panik geraten - und dann alles heillos gekürzt wird. Wie einst bei Gerd Schröder. Und warum wir das - noch lieber - anderen aufdrücken. Griechenland hat damit Erfahrung.

Mangelnde Investitionen sind die Kehrseite

Die Tücke ist, dass beim Moralisieren die Vernunft schon mal aussetzt. Zwar dürfte der Eifer dazu beigetragen haben, dass Deutschlands Finanzminister seit Jahren sinkende Staatsschulden vermelden. Hauptsächlich liegt es allerdings viel schnöder daran, dass die Wirtschaft wuchs, es immer weniger Arbeitslose und niedrige Zinsen gab und gibt.

Die Kehrseite sind jedoch jahrelang ausgebliebene Investitionen in Straßen, Streckennetze, Bahnhöfe, S-Bahn-Ausstattung, Schulgebäude, Lehrer, Kita-Erzieher, Notaufnahmen, Breitbandnetze, Tankstellennetze für Elektroautos, Gebäudesanierungen zum Klimaschutz, vernünftige Mindestrenten und die flächendeckende Ausstattung mit Internet. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Weil für alles angeblich kein Geld da war. In Wirklichkeit wurde eben nur politisch die Priorität auf den Abbau der bösen Schulden gelegt. Und das auch noch mit dem irren Argument des einen oder anderen Chefapostels, dass wir unseren Kindern doch nicht so böse Schulden hinterlassen dürfen. Jetzt hinterlassen wir ihnen die oben genannten Mängel. Und einen Planeten, der droht, mangels klimaschützender Investitionen auf Katastrophen zuzusteuern - wogegen bemühte Kinder nicht ganz zu Unrecht freitags Protest kundtun - nicht gegen Schulden.

So billig war es selten, die Zukunft zu sichern

Selbst eher liberal-konservative Ökonomen wie der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, schlagen mittlerweile Alarm, dass es kein Selbstzweck und sogar gefährlich ist, die Schuldenquote immer weiter abzubauen. Zumal das auch einen gravierenden ökonomischen Haken hat: Weil der deutsche Staat seine Schulden abbaut, werden derzeit so gut wie keine neuen Staatsanleihen mehr ausgegeben, sondern hauptsächlich nur noch solche, die alte Anleihen ablösen. Und das, obwohl es nach wie vor etliche Anleger gibt, die ihr Geld gern in die sicheren Papiere stecken würden. Ergebnis: Die Leute kaufen die Anleihen selbst ohne Zins. Mittlerweile werden sogar auf 30-jährige Staatsanleihen effektiv keine Zinsen mehr gezahlt - Stichwort Negativzins.

Das hat wenig mit Mario Draghi zu tun, dem hierzulande gern gescholtenen Chef der Europäischen Zentralbank. Das ist eher ein stabilitätspolitisches deutsches Eigentor. Und der beste (noch fehlende) Grund, jetzt wieder mehr auszugeben und in die Behebung der gravierendsten Probleme des Landes zu investieren: Wann, wenn nicht jetzt, wo der Finanzminister fürs Geldleihen respektive Schuldenmachen sogar noch Geld bekommt? So billig war es selten, die Zukunft zu sichern.

Und: Je schneller das wirkt und sich die Lage normalisiert, desto schneller bekommen Sparer wieder entsprechend normale Zinsen auf ihr Erspartes.

Das Ding mit der Sprache

Bliebe eigentlich nur noch das Ding mit der etwas unglücklichen deutschen Sprache. Solange bei jeder Aufnahme eines Kredits moralisch der Gang zur Hölle mitschwingt, wird das natürlich nichts mit der Planetenrettung. Da würde als Begrifflichkeit so etwas wie "Hübsch-Geldleihen-für-eine-schönere-Zukunft" deutlich behaglicher daherkommen. Vielleicht mit der Kurzformel Hübsch-Geldleihen. Dann käme schon sprachlich-intuitiv keiner mehr auf die Idee, eine "Hübsch-Geldleih-Bremse" ins Grundgesetz zu setzen. Und die statistisch auszuweisende Hübsch-Geldleih-Quote hätte im Rahmen der Überprüfungen des Stabilitätspakts auch nicht mehr ein so durchweg schlechtes Image. Müsste nur noch jemand dafür sorgen, zwischen den Ausgaben zu unterscheiden, die wirklich für unsere Zukunft sinnvoll sind - und jenen, die es nicht sind. Die können dann ja wirklich weg.

Aber dafür haben wir ja die Demokratie und notfalls Experten.



insgesamt 296 Beiträge
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Seite 1
peter-11 09.08.2019
1. wieder mal übertreiben
Wie wäre es, mal den Haushalt zu durchforsten? Diese Wortklauberei hilft niemandem. Abbau von diversen Subventionen schon, z.B. dem Klima. Ca. 1 Billion Sozialausgaben sind auch nicht wirklich wenig. Irgendwann Schulden zurückzuführen? Griechenland ist ein gutes Beispiel wie man ins Finanzenchaos stürzen kann. Später sind alle anderen dran "Schuld" (moralisch) Steuereinnahmen sind genug da, es kommt drauf an, wofür man sie verwendet. Irgendwie hat der Kommentar abstruse Züge. Ähnlich wie beim Klima ... und nach mir die Sintflut.
Niteftef 09.08.2019
2. Nicht überall wird Geldausgeben vermieden...
Es sei auch immer wieder erwähnt, dass für das Militär jedes Jahr über 40 Milliarden bereitstehen und tendenziell mehr - obwohl die Bundeswehr das Geld nachgewiesenermaßen in kaputte Gewehre, teure Berater und fragwürdige Werbekampagnen am Minderjährige (Hey, willst du Krieg? Macht voll Laune!) versenkt, anstatt einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.
freigeistiger 09.08.2019
3. Strukturelle Fehler löst man nicht mit mehr Schuldenmachen
Die Einnahmen des Staates sind so hoch wie nie. Die Ausgaben auch. Es muss überprüft werden, wofür man Geld ausgibt, und wofür nicht mehr. Zinslose Schulden zahlen keinen Kredit zurück. Dei Schulden bleiben. Wenn die Zinsen wieder ansteigen führen sie zu hohen Haushaltsbelastungen. Die derzeitige Schuldenreduzierung des Staates ist nur minimal. Im Grundgesetzt ist festgelegt, dass der Staat keine Schulden machen darf. Die Kreditaufnahme darf maximal nur so groß sein wie die Investitionen. Dagegen wurde jahrzehntelang verstoßen. Es wurden Schulden für den laufenden Haushalt gemacht, etwa Beamtengehälter. Die Kolumne ist keine journalistische Arbeit.
wo_st 09.08.2019
4.
Privat kenne ich Leute, die ihre Schulden nicht abgezahlt hatten und nur Zinsen zahlten. Die Erkenntnis doch die Schulden abzubauen kam zu spät und damit kam eine Altersarmut. Geht dem Staat ebenso.....
Europa! 09.08.2019
5. Stimmt
Das Wort "Schulden" ist absolut dämlich. Es klingt, als wäre es ein Verbrechen, sich Geld von der Bank zu leihen. Hypothek ("Unterpfand") ist schon viel besser. Am besten ist aber "Kredit". Da ist von Vertrauen die Rede. Und gerade dem deutschen Staat vertrauen die Leute unendlich. Was da gerade mit den Anleihen abgeht, ist absolut wahnsinnig. Je größer die Minuszinsen, die man den Käufern androht, desto rasanter der Absatz der Anleihen. Man könnte meinen, da sind lauter Masochisten am Werk (und der Finanzminister die Domina mit der Peitsche).
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