Schwache Wirtschaft, rechte Wähler Auf dem Land regiert der Frust

Die Städte hängen das platte Land ab, ganze Regionen sind ökonomisch am Ende. Das schlägt sich politisch nieder: Weltweit übernehmen Rechtspopulisten den ländlichen Raum.

Verlassene Fabrik in Ulberndorf, Sachsen (2013)
DPA

Verlassene Fabrik in Ulberndorf, Sachsen (2013)

Eine Kolumne von


Aus der Idylle entspringt der Zorn. Wo man es am wenigsten vermuten sollte, braut sich ein politisches Beben zusammen: Ländliche Regionen entscheiden Wahlen, überraschen Experten und verändern den Kurs ganzer Nationen. Die Bürger in den Metropolen schauen fassungslos zu.

Wo findet der irrlichternde Donald Trump seine Unterstützer? Vor allem im Mittleren Westen und im Süden, weit weg von den prosperierenden Städten an den Küsten.

Wer stimmt für die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National? Vor allem das erdige, ländliche Frankreich ("la France profonde"), wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist.

Warum hat sich eine Mehrheit der Briten gegen die EU-Mitgliedschaft entschieden? Weil die Bürger in den englischen Provinzen, abseits der Weltmetropole London, lieber für sich sein wollen.

Wer verhalf im osteuropäischen Wirtschaftswunderland Polen der nationaltönenden PiS-Partei zum Wahlsieg? Die Bevölkerung außerhalb der großen Städte, wo seither die Demonstrationen gegen den Rechtsruck nicht aufhören.

Wo fährt die AfD in Deutschland ihre größten Wahlerfolge ein? In relativ dünnbesiedelten Regionen Ostdeutschlands.

Die wirtschaftlichen Gegensätze zwischen Stadt und Land werden größer, überall auf der Welt. Jetzt schlagen sich die Differenzen auch politisch nieder.

Abwanderung in die Städte

BBSR

Der Trend ist eine indirekte Folge der Globalisierung. In den Großstädten, den Knotenpunkten der Weltwirtschaft, ist die Produktivität viel höher; die Einwohner Londons beispielsweise produzieren pro Kopf fast das Fünffache des britischen Durchschnitts. Zunehmend konzentriert sich das Wirtschaftswachstum auf die Metropolregionen; so entfiel im vorigen Jahrzehnt auf den Großraum Paris rund die Hälfte der Steigerung des französischen Bruttoinlandsprodukts, das hat die Industrieländerorganisation OECD ermittelt. Entsprechend höher sind dort die Löhne. Entsprechend wohlhabender sind Städter im Durchschnitt. Höher gebildet und zufriedener mit ihrem Leben sind sie obendrein.

So setzt ein selbst verstärkender Effekt ein: Junge, ambitionierte Leute zieht es in die größeren Städte, wo sich ihnen bessere Entfaltungschancen bieten. Auch Investitionen fließen bevorzugt in die Metropolen.

Das flache Land hingegen dünnt aus, ökonomisch und demografisch. Zurückbleiben abstiegsbedrohte Regionen, die sich, wenn es schlecht läuft, zu einer Parallelwelt entwickeln. Wo sich ein Lebensgefühl ausbreitet, das mit dem Geist der Städte nur noch wenig gemein hat: ärmer, älter, pessimistischer - und entsprechend empfänglich für populistische Politstrategen.

Deutschland steht bislang noch relativ gut da. Noch halten sich die ökonomischen Unterschiede zwischen den Regionen in Grenzen. So sind die Differenzen bei den verfügbaren Einkommen bislang relativ gering, deutlich kleiner etwa als in Großbritannien, Frankreich oder Polen. Aber das könnte sich bald ändern.

Menschenarme Landschaften

Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigen, dass weite Teile Deutschlands in den kommenden zwei Jahrzehnten zu ziemlich menschenarmen Landschaften zu verkommen drohen. Denn die demografische Entwicklung führt keineswegs zu einem gleichmäßigen Rückgang der Bevölkerung. Vielmehr konzentriert sich die verbleibende Bevölkerung in den Städten. Dünn besiedelten Regionen hingegen steht ein starker Rückgang bevor (siehe Grafik oben).

Die Polarisierung der Bevölkerung zeigt sich für Deutschland insgesamt, wo den BBSR-Prognosen zufolge insbesondere der Süden profitieren wird. Hingegen werden große Teile des Nordens und insbesondere des Ostens - Ausnahme: der Großraum Berlin - mit erheblich schrumpfenden Einwohnerzahlen zu kämpfen haben. Auch innerhalb westlicher Flächenländer kommt es zu einer demografischen Polarisierung: Regionen wie das Sauerland, Südniedersachsen, Nordhessen oder die Oberpfalz droht ein erheblicher Bevölkerungsrückgang.

Die verbleibende Bevölkerung zieht sich in die Städte zurück. An dieser Tendenz würde auch ein stärkerer Zuzug aus dem Ausland wenig ändern (das BBSR kalkuliert mit einer Nettozuwanderung von 200.000 Personen jährlich). Denn auch Immigranten ziehen bevorzugt dorthin, wo es Arbeit gibt und wo bereits kulturelle Vielfalt herrscht - und nicht in frustgeplagte Gebiete mit geringen Jobchancen.

Erst die demografische Polarisierung, dann die politische

Die Wechselwirkungen zwischen Demografie und Ökonomie machen es umso schwieriger, sich dem Abstieg der Regionen entgegenzustellen. Durch die fortschreitende Digitalisierung verlagert sich die Wertschöpfung zunehmend auf wissens- und innovationsintensive Aktivitäten, die wiederum bevorzugt in Ballungsräumen gedeihen. Nämlich dort, wo es eine ausgebaute Wissensinfrastruktur - Universitäten, Forschungseinrichtungen, technologieintensive Unternehmen - gibt. In dünn besiedelten ländlichen Räumen hingegen wird es immer schwieriger, überhaupt noch die fundamentale Infrastruktur bereitzustellen: öffentliche Verkehrsmittel, allgemeinbildende Schulen, Gesundheitsversorgung.

So sinnvoll die Bevölkerungskonzentration wirtschaftlich sein mag - weil sie die Produktivität befördert und die Kosten der staatlichen Daseinsvorsorge dämpft -, so gefährlich ist sie politisch. Wenn sich in ländlichen Regionen ein Gefühl der Perspektivlosigkeit ausbreitet, hat dies Rückwirkungen auf den Kurs ganzer Nationen. Protektionistische, xenophobe Haltungen breiten sich aus. Tendenzen, die bereits heute zu beobachten sind - siehe die Erfolge von Trump, Le Pen und Co.

Die demografische Polarisierung droht eine politische Polarisierung nach sich zu ziehen. Die Gefahr besteht, dass Nationen in zwei Welten zerfallen, die immer weniger miteinander zu tun haben: einerseits die Städte, geprägt von einem florierenden, weltoffenen Bürgertum - andererseits der ländliche Raum, geplagt von Abstiegsängsten und Radikalisierungstendenzen. Beides passt immer weniger zusammen. Vor allem wenn der Zorn regiert.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

MONTAG

Washington/Peking - Die Stimmung in Chimerica - Neue Daten zur Stimmung bei den Managern in den USA und in China.

Vientiane - Schulterschluss - In der Hauptstadt von Laos kommen die Wirtschaftsminister der Asean-Staaten zu einem einwöchigen Treffen zusammen. Es geht um die Schaffung eines gemeinsamen Marktes. Vor dem Hintergrund chinesischer Expansionsbestrebungen in der Region kein ganz unwichtiges Vorhaben.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von der VW-Mutter Porsche SE und Air Liquide.

DIENSTAG

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Commerzbank, BMW, Fresenius, Fresenius Medical Care, Lufthansa, Vonovia, Metro, Infineon.

MITTWOCH

Pretoria - Kap der enttäuschten Hoffnungen - Kommunalwahlen in Südafrika: Eine bemerkenswerte Reihe von Fehltritten durchzieht die Amtszeit von Präsident Jacob Zuma. Entsprechend groß ist der Unmut. Die führende afrikanische Volkswirtschaft, Mitglied der BRICS-Gruppe der wichtigsten Schwellenländer, bleibt seit längerem hinter den Erwartungen zurück.

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Deutsche Post, Continental, AXA, HSBC, Société Générale, Crédit Agricole.

DONNERSTAG

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von Siemens, Adidas, Beiersdorf, ProSiebenSat.1, Hannover Rück, Fraport, Toyota.

FREITAG

Washington - Mehr Jobs, höhere Zinsen? - Amerikas Statistiker legen die US-Arbeitsmarktstatistik für Juli vor. Seit geraumer Zeit steigt die Beschäftigung, sinken die Arbeitslosenquoten, inzwischen ziehen auch die Löhne an. Die weltwirtschaftsbewegende Frage hinter diesen Zahlen lautet: Wann reagiert die US-Notenbank mit weiteren Zinserhöhungen?

Wiesbaden - Deutsche Konjunktur - Neue Zahlen von den Auftragseingängen bei der deutschen Industrie im Juni: Angesichts der schwächelnden Nachfrage aus den Schwellenländern entwickeln sich die Auslandsorders bei deutschen Unternehmen seit längerem eher schleppend.

Berichtssaison V - Quartalszahlen von Allianz, Evonik, Hugo Boss, Royal Bank of Scotland.

SONNTAG

Bangkok - Demokratie, reloaded - Nach dem Putsch vom vorvergangenen Jahr stimmt Thailand über eine neue Verfassung ab. Kommendes Jahr könnten Wahlen folgen.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
Caddlwylch 31.07.2016
1. Es geht auch anders
Auch wenn es mir persönlich widerstrebt muss man der CSU zugute halten, dass sie genau diese Entwicklung in einem ländlich geprägten Land wie Bayern vermieden hat, durch einen stetigen Ausgleich zwischen Stadt und Land. Durch dieses Vorgehen profitieren am Ende beide Seiten.
kratzdistel 31.07.2016
2. das war schon immer so, nur
auf dem land haben heute viele sehr schön ausgestattete häuser.ob sie nach Ostfriesland in den Westerwald oder bayernwald fahren, den bürgern geht es gut. über gute Straßen können sie in den städten Geld verdienen und billig im Nebenerwerb oder so auf dem lande leben. da die polizeidichte auf dem lande nicht so groß ist, weichen die rechtspopulisten gerne auf das land aus. bei uns im Westerwald, wo die mäuse über den Hafer gucken, weil die böden nicht so fruchtbar sind, arbeiten die meisten im rhein-main-gebiet
mikado17 31.07.2016
3. So ein Quatsch
Dann müssten ja Köln und der Rest von NRW ein Hort rechter Gesinnung sein, denn abgehängt ist diese Region alle mal. Hier werden Millionen und Milliarden in irgendwelche Projekte versenkt, ohne Beschäftigung zu generieren! Am drolligsten wird es immer dann, wenn seit mehr als einem Viertel Jahrhundert von Kraft und Co die Mähr vom Strukturwandel erzählt wird.
odapiel 31.07.2016
4. Sie haben etwas dabei vergessen!
Man würde ja annehmen, daß mit dem Wegzug derer, die es (noch) können, sich dann wenigstens ausgleichende Ressourcen für die, die dort bleiben, ergeben. Das ist aber mitnichten der Fall. Stattdessen kaufen Finanziers und Anleger aus den Metropolen Land, Immobilien und Ressourcen auf, um damit zu spekulieren, oder für den Ferieneigenbedarf zu nutzen. So sind schon ganze Wälder, Wiesen und Ackerflächen an finanziell potente Aufkäufer gegangen, häufig für einen Appel und ein Ei. Die werden dann großkotzig eigenjagdlich genutzt und ansonsten maximal ausgebeutet. Oder von einem ehemaligen Springreiter und Landwirt aufgekauft, um dort dann Gülle und Mist zu verklappen, oder den Anwohnern gar noch eine Agrarfabrik vor die Augen und Nase zu setzen, eine die natürlich weniger als 2-3 Angestellte zum Knöpfe drücken braucht. Auch (un)gern gesehen, jene, die alte, oft erhaltenswürdige Höfe eines ganzen Landstrichs aufkaufen, und diese dann abreissen und großkopfete Edelgestüte hinhauen, an denen niemand der dort wohnt auch nur ansatzweise was hat. Aber den wenigen Jungen, die dableiben günstige Wohnmöglichkeiten kaputtmachen. Die Liste läßt sich noch erweitern. Es ist nicht allein der Wegzug und die fehlende Arbeit, die die Leute nervt.
GoaSkin 31.07.2016
5. das steigert nicht gerade den Ruf ländlicher Regionen
Wenn die Menschen in den ländlichen Regionen den Eindruck vermitteln, nationalistisch und intolerant zu sein, dann überlegt man sich drei mal, ob man dort investieren möchte, um Arbeitsplätze zu schaffen.
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