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16. Mai 2015, 08:46 Uhr

Flüchtlingskinder als Unternehmer

"Wir sind Rebellen"

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Ihre Eltern flohen vor Krieg, Not, Verfolgung; ihre Kinder gründen Start-ups und probieren sich aus: Auffallend viele Flüchtlingskinder machen sich in Deutschland selbstständig. Was verbindet sie? Was macht sie erfolgreich?

Sie studiert Wirtschaftsinformatik, organisiert Programmier-Workshops für Jugendliche, beschäftigt sich mit der technischen Umsetzung von Tradity, einem Börsenspiel für Schüler: Aya Jaff aus Nürnberg hat viel zu tun für eine 19-Jährige. Sie träumt von einem Auslandssemester in China und dem eigenen Start-up; ihre Helden sind die Gründer im Silicon Valley.

Der Vater hatte ihr Interesse an Computern geweckt, erzählt die Studentin: "Mein Papa hat immer den neusten Kram gekauft, und da musste ich ihm jedes Mal beim Installieren mit der Sprache helfen."

Denn noch etwas unterscheidet Aya Jaff von vielen Teenagerinnen: Sie ist ein Flüchtlingskind - ihre Eltern kamen 1996 aus dem Irak nach Deutschland, da war Aya ein Jahr alt. Ihr Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter als Kassiererin. Beide mussten ihr Studium im Irak abbrechen, um zu fliehen.

Rund zwei Millionen Menschen beantragten in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Deutschland Asyl. Die meisten Anträge wurden damals abgelehnt. Doch was wurde aus den Kindern derjenigen, die in Deutschland bleiben durften?

Migranten machen sich häufiger selbstständig

Es gibt über Flüchtlinge in Deutschland bisher kaum Studien. Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes unterscheidet zwischen Ausländern sowie Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Ob jemand als Flüchtling oder als Gastarbeiter ins Land kam, unterscheidet die Statistik nicht.

René Leicht forscht an der Universität Mannheim zu Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Sie machen sich ihm zufolge häufiger als Durchschnittsdeutsche selbstständig.

"Die Gründungsneigung von Personen mit Migrationserfahrung ist höher als die unter den Herkunftsdeutschen. Aber viele Migranten scheitern auch, weshalb die Quote im Selbstständigenbestand nicht höher als bei den Herkunftsdeutschen liegt, sondern ungefähr auf gleichem Niveau", erklärt er. Studien über Flüchtlinge, die sich selbstständig gemacht haben, gebe es bisher keine.

Die Geschichten von Flüchtlingen dürften sich stark unterscheiden je nach Herkunftsland und persönlicher Situation: Für manche war schnell klar, dass sie bleiben durften. Andere wurden Jahre oder sogar Jahrzehnte lang nur geduldet. Sie mussten stets damit rechnen, dass man sie irgendwann doch noch abschiebt. Solche Unsicherheit verleitet kaum dazu, sich auf Dauer etwas aufzubauen.

Wie die Fluchterfahrung junge Gründer prägt

Ein Herkunftsland sticht heraus, zumindest in der deutschen Start-up-Szene. Dort finden sich auffällig viele iranisch klingende Namen. Die jungen Männer und Frauen sind die Kinder derjenigen, die Iran nach der Islamischen Revolution 1979 verlassen haben.

"Meine Mutter hat vier Reisepässe geholt und vier Flugtickets zu meinem Onkel nach Frankreich. Dann sagte sie zu meinem Vater: 'Komm mit oder nicht', und ist mit mir und meinem kleinen Bruder geflogen", erinnert sich Ali Jelveh, 34, an die Flucht aus Iran. Er war damals drei Jahre alt. 1987 zog die Familie nach Hamburg.

Jelveh studierte Physik, weil er wissen wollte, wie die Welt funktioniert, und programmierte nebenbei, weil sich so Geld verdienen ließ. 2012 machte er sich mit einer Vision selbstständig: Datensicherheit und -hoheit für alle. Sein Unternehmen Protonet bietet Soft- und Hardware an, mit der Kunden ihr eigenes Netzwerk und einen eigenen Speicherplatz bekommen.

Die Flüchtlingserfahrung habe ihn geprägt, glaubt Ali Jelveh. "Plötzlich war alles anders, die Familie weg und ich hatte keine Kontrolle mehr über gar nichts. Ich bin bis heute sehr sensibel, was Kontrollverlust angeht. Ich will Selbstbestimmung und Unabhängigkeit - auch in der digitalen Welt."

"Wir sind Rebellen. Das zieht sich durch unser Leben und das unserer Eltern", sagt Bahman Nedaei, 32. Seine Eltern sind 1986 aus Iran nach Aachen geflohen. Mit Zahir Dehnadi, 32, hat er Navabi gegründet, einen weltweit führenden Onlinehandel für Frauenmode in Übergrößen. Zusammen wollen sie die gängigen Schönheitsideale der Modeindustrie aufmischen.

Die beiden Gründer lernten sich als Teenager beim Basketballspielen kennen. Ihre ähnliche Familiengeschichte ist Zufall. Dehnadis Vater hatte sich in Iran für mehr Rechte engagiert. Er, ein linker Aktivist, wurde nach der Revolution hingerichtet. Dehnadis Mutter floh mit ihrem Sohn 1989 nach Deutschland.

Warum, glauben die beiden, gibt es so viele iranischstämmige Flüchtlingskinder in der deutschen Start-up-Szene?

"Wir sind offen für Neues und Anderes, das hilft. Und unsere Eltern waren politische Flüchtlinge, sie waren gezwungen, ihr Land zu verlassen", sagt Zahir Dehnadi. Für die Geflohenen war klar: Sie mussten nach vorne schauen. Es gab für sie keine Hoffnung auf eine baldige Rückkehr.

"Egal was passiert, es gibt immer einen Weg"

Ein roter Faden zieht sich durch alle Gespräche mit den Flüchtlingskindern. Die jungen Unternehmer schöpfen aus ihrer Familiengeschichte Zuversicht und Mut.

"In Deutschland haben wir bei null angefangen", sagt Zahir Dehnadi. "Man würde das nicht glauben, aber eigentlich ist das genau der richtige Kontext: Es motiviert einen sehr stark, sich etwas aufzubauen. Ich weiß, dass meine Mutter zum Großteil wegen mir nach Deutschland gekommen ist, um mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen."

Ali Jelveh sagt: "All das, was ich in Deutschland mittlerweile geschafft habe, habe ich nur geschafft, weil meine Mutter dieses große Risiko eingegangen ist."

"Wir mussten in Deutschland neu starten", erzählt die 19-jährige Aya Jaff. "Wenn ich jetzt sehe, was wir geschafft haben und welche Chancen ich in Deutschland habe - egal was noch passiert, ob ich irgendwann einmal ein Start-up an die Wand fahre oder nicht, es gibt immer einen Weg, wenn man nicht aufgibt."


Zusammengefasst: Migranten machen sich häufiger selbstständig als Herkunftsdeutsche. Manche Flüchtlinge scheinen die Risikobereitschaft ihrer Eltern zu übernehmen: Die Eltern haben alles hinter sich gelassen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Kinder wollen diesen Traum erfüllen.

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