Hermann-Josef Tenhagen

Steuerpläne des Unions-Wirtschaftsflügels Schön für alle, die gut verdienen

Den Mittelstand entlasten - so lauten die Pläne vom Wirtschaftsflügel der Union. Doch was ist, wenn nichts dabei rauskommt? Und was ist mit denen, die ohnehin nicht profitieren? Es gibt eine Lösung.
Steuererklärung

Steuererklärung

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Die Mittelstandsvereinigung der Union (MIT) schlägt für die Jahre nach der kommenden Bundestagswahl eine Steuerreform in drei Stufen vor. Diese soll die Steuerzahler ab 2020 um mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr entlasten.

Selbst wenn die Union auch die nächste Kanzlerin stellt: Die Aussichten dieser Steuerreformpläne sind ungewiss. So wollen die Unions-Mittelstandspolitiker 2018 die Werbungskostenpauschale  von 1000 Euro auf 2000 Euro erhöhen. Das ist die Summe, die Sie als Arbeitnehmer ohne Belege absetzen können. Und zwar jeder.


Werbungskosten


Doch man kann schon heute - ganz ohne Steuerreform - auf 2000 Euro oder mehr absetzbare Werbungskosten kommen. Für viele stellt die Fahrt zur Arbeit den größten Batzen dar: Wenn Sie an jedem Ihrer 230 Arbeitstage im Jahr mehr als 15 Kilometer zur Arbeit fahren müssen - egal mit welchem Verkehrsmittel  - dann haben Sie die heutige Pauschale für Arbeitnehmer bereits voll. Starten Sie deshalb mit einem Schuhkarton ihre persönliche Steuerreform, in dem Sie kontinuierlich alle Belege für ein Jahr sammeln.

Wenn die Werbungskostenpauschale durch Fahrtwege erschöpft ist, lassen sich jeder Bleistift, jede Briefmarke, jede Fachzeitschrift, aber auch die Sicherheitsschuhe, die Sie für Ihren Beruf benötigen, als Arbeitsmittel zusätzlich steuermindernd geltend machen. Teile der Kosten für Computer und Smartphone , falls beruflich genutzt, gehören auch dazu. Selbst das Buffet beim kleinen Fest mit Kollegen zu Ihrer Beförderung geht als Werbungskosten  durch.

Wie viel Ersparnis das Ihnen bringt, hängt vom persönlichen Steuersatz ab: Geringverdiener etwa bekommen pro Euro Werbungskosten 15 Cent von der Steuer zurück, Besserverdiener mehr als 40 Cent.

Auch hier wollen die Unionspolitiker ran: Den Spitzensteuersatz von 42 Prozent muss bereits ein Lediger mit einem zu versteuerndem Einkommen von knapp 54.000 Euro zahlen. Laut den Steuerplänen soll diese Schwelle ab 2019 hochgesetzt werden auf 60.000 Euro im Jahr. Und die, die zum Beispiel 40.000 Euro verdienen, sollen künftig auch weniger Steuern zahlen.

Die Unions-Mittelstandslobbyisten sehen zudem einen großen Schritt für die Familien vor: Künftig soll für Kinder derselbe Grundfreibetrag angesetzt werden können wie für einen Erwachsenen. Bislang ist der viel niedriger. Eine vierköpfige Familie könnte aufgrund des dann faktisch für jeden geltenden Grundfreibetrags  deshalb mehr als 34.000 Euro Erwerbseinkommen bekommen, ohne Steuern zu zahlen. Allerdings würden die Familien  erst in der dritten Stufe der Reform ab 2020 profitieren.


Kosten für Kinderbetreuung und Haushaltshilfe


Was manche nicht wissen: Sie können schon längst weitere Kosten für Kinder absetzen. Von 6000 Euro, die Sie für Kinderbetreuung  zahlen, können Sie bis zu 4000 Euro als Sonderausgaben geltend machen.

Und wenn beide Eltern berufstätig sind, dann ist oft eine Haushaltshilfe  die letzte Rettung. Auch die können Sie absetzen: Über das Haushaltsscheckverfahren  können Sie die Putzhilfe als Minijobberin mit wenig Aufwand legal anmelden - und erhalten bis zu 510 Euro Steuern zurück. Nehmen wir also auch das zu unserer gedanklich vorgezogenen Steuerreform hinzu.

Ein Haken ihres Reformplanes ist auch den Urhebern aus der Union aufgefallen: Eigentlich muss man mit dem Kinderfreibetrag auch das Kindergeld  erhöhen, damit die Familien mit niedrigem Einkommen auch etwas von den Plänen haben. Das würde jedoch nochmal 7,7 Milliarden Euro im Jahr kosten. Der Rahmen der Entlastung würde auf rund 40 Milliarden Euro im Jahr wachsen.

Womit wir beim Pferdefuß einer solchen Steuerreform wären. Wer keine Einkommensteuer zahlt, profitiert abseits des zuletzt genannten Kindergeldes nicht. 95 Prozent der Einkommensteuer werden von Steuerzahlern bezahlt, die mehr als 28.000 Euro Einkommen haben . Die mit niedrigeren Einkünften zahlen kaum noch etwas, sie haben ja auch nicht viel.

Aber es sind viele. Mehr als 20 Prozent der Haushalte. Das gilt natürlich für Rentnerinnen und Rentner, deren Einkommen zu niedrig sind. Mehr als 15 Millionen Ältere zahlen aktuell keine Einkommensteuer.

Doch auch dies ändert sich und immer mehr müssen neben Sozialversicherungsbeiträgen zusätzlich Steuern auf ihre Rente  bezahlen.

Und diese Rentner müssen mit dem verbliebenen Geld auskommen. Ebenso wie die Familien mit geringem Einkommen, vor allem aber Alleinerziehende  mit Kindern und Empfänger von Sozialleistungen. Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland bekommen Hartz IV .

Steuern zahlen die alle schon, Mehrwertsteuer im Laden, Mineralölsteuer beim Tanken und Grundsteuer - selbst als Mieter. Hilfe hätten sie auch nötig. Aber sie sind ja nicht der Mittelstand.

Und statistisch gesehen gehen die Hilfsempfänger auch kaum wählen.


Haushaltsnahe Dienstleistungen


Deswegen sei hier noch ein kleiner Tipp für die Steuererklärung  aufgeführt, von dem auch der kleine Steuerzahler profitiert: Haushaltsnahe Dienstleistungen  lassen sich fast von jedem absetzen. Denn davon profitieren nicht nur wohlhabende Menschen, die sich einen Gärtner leisten. Jeder Mieter kann sich von der Hausverwaltung eine Nebenkostenabrechnung ausstellen lassen, in der die Arbeitskosten für Hausmeister, Gärtner und Kaminkehrer für die Hausgemeinschaft sauber aufgeschlüsselt sind. Ihren Anteil können Sie in der Steuererklärung geltend machen. Das bringt Ihnen 20 Prozent der Lohnkosten als Steuererstattung.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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