Steuerdebatte in Bildern Hier hängt der Mittelstandsbauch

Deutschland diskutiert über Steuersenkungen - im Wahlkampf dürfte das Thema dominieren. Doch was steckt hinter Begriffen wie Mittelstandsbauch, kalte Progression oder Flat Tax? Eine Erklärung in Bildern.

Von und (Grafiken)


Bei der Auswahl ihrer Urlaubslektüre dürften sich auch in diesem Sommer die wenigsten Deutschen für ein schönes Steuerkonzept entschieden haben. Den meisten reicht es wohl, sich einmal im Jahr durch ihre Steuererklärung zu quälen. Zumal die Regeln des deutschen Fiskus in einer oft gruselig verstümmelten Sprache niedergelegt sind - vom Pauschbetrag bis zur degressiven AfA.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Doch in den kommenden Monaten lohnt die Beschäftigung mit der sperrigen Materie besonders. Denn schon jetzt zeichnet sich ab, dass Steuerentlastungen eines der wichtigsten Themen im Bundestagswahlkampf werden (Lesen Sie mehr dazu in der aktuellen Titelgeschichte des SPIEGEL).

Häufig wird es dabei um einige Phänomene mit eher blumigen Namen gehen, die in gezeichneter Form deutlich besser zu verstehen sind. Zum Beispiel der Mittelstandsbauch:

Der Mittelstandsbauch entsteht durch einen Knick im Verlauf des Einkommensteuertarifs. Dieser Tarif ist progressiv, mit dem Gehalt steigt also auch der Steuersatz. Doch im unteren Gehaltsbereich nimmt die Belastung rund vier Mal so stark zu wie jenseits eines Jahresgehalts von 13.670 Euro. Entgegen seinem Namen betrifft der Mittelstandsbauch also vor allem Geringverdiener.

Seit Langem wollen Steuerpolitiker den Tarifverlauf begradigen. Der Wirtschaftsflügel der Union fordert im ersten größeren Steuerkonzept zur Wahl, den Steuersatz ab 13.669 Euro auf 20 Prozent zu senken und den Spitzensteuersatz erst ab 60.000 Euro greifen zu lassen. Damit würde sich der zweite Punkt in der Grafik also nach unten und der dritte nach rechts verschieben - der Bauch würde flacher.

Sinken würde die Belastung dadurch aber auch für alle höheren Einkommensgruppen bis zum Spitzensteuersatz. Deshalb ist die Begradigung teuer, das Unions-Konzept etwa würde den Autoren zufolge zu jährlichen Steuermindereinnahmen von knapp 26 Milliarden Euro führen - was bereits für heftige Kritik sorgte.

In keiner deutschen Steuerdebatte fehlen darf auch die kalte Progression:

Kalte Progression kann entstehen, wenn der Steuertarif länger nicht an die Entwicklung von Preisen und Einkommen angepasst wird. Im ungünstigsten Fall zahlt ein Arbeitnehmer dadurch mehr Steuern, ohne sich mehr leisten zu können. Dann wird eine Gehaltserhöhung zwar komplett von der Inflation aufgefressen, führt aber trotzdem zu einer höheren Steuerbelastung.

Inflation ist in Deutschland derzeit kein Problem, im vergangenen Jahr stiegen die Preise nur um 0,3 Prozent. Solange aber die Einkommen steigen, schlägt die Progression trotzdem zu: Der deutsche Durchschnittsverdiener nähert sich im Laufe der Jahre immer mehr dem Spitzensteuersatz an - er marschiert sozusagen unweigerlich in die Kälte. Durch den Anstieg der Tarifkurve steigt die Belastung dabei gerade im unteren Bereich deutlich stärker als die Bruttoeinkommen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat bislang nur eine kleine Korrektur des Problems gewagt: Anfang 2016 wurde die gesamte Tarifkurve leicht nach rechts verschoben. So greift beispielsweise ein Grenzsteuersatz von 24 Prozent nun bei einem um 200 Euro höheren Gehalt als noch im Vorjahr. Künftig soll es alle zwei Jahre eine solche Anpassung an die Inflation geben. Mit einer Entlastung von rund 1,5 Milliarden Euro ist der Schritt aber kaum mehr als Kosmetik.

Viele Steuerexperten wollen grundlegendere Änderungen am Steuersystem. Zu den radikalsten Vorschlägen gehört dabei die sogenannte Flat Tax:

Alle zahlen den gleichen Steuersatz - so simpel ist das Konzept. Dass eine Flat Tax sich leicht erklären lässt, macht sie für Wahlkämpfer verlockend. Doch die Einheitssteuer birgt auch ein großes Problem: Wenn sie einen progressiven Tarif ersetzt, sinkt die Steuerlast für Besserverdienende, was zu deutlichen Einahmenverlusten führt. Dagegen steigt die Belastung von niedrigen Einkommen.

Deshalb flog der Union bereits vor gut zehn Jahren ein Konzept des Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof um die Ohren, der eine 25-prozentige Flat Tax auf Einkommen forderte. Keine gute Erfahrung machte auch die SPD mit einer anderen Art von Flat Tax: Unter Ex-Finanzminister Peer Steinbrück wurde eine pauschale Besteuerung von Zinsen und Dividenden mit 25 Prozent eingeführt. Dass damit Kapital gegenüber Arbeit bevorzugt wird, ist der SPD-Linken seit Langem ein Dorn im Auge. Inzwischen fordert auch Parteichef Sigmar Gabriel, die Abgeltungssteuer nach der Wahl wieder abzuschaffen.

Auch eine Flat Tax auf Einkommen dürfte so bald keine der großen Parteien mehr fordern. Kirchhof aber verteidigt sein Konzept bis heute - auch weil es gleichzeitig die Abschaffung zahlloser Vergünstigungen und Ausnahmen im Steuerrecht bringen sollte. Diese ermöglichen in Deutschland vielen Besserverdienenden bislang, ihre Steuerlast zu drücken.

Mit dem Abbau von Unternehmerprivilegien begründen auch die Grünen, warum sie sich vor der Wahl offen für eine Flat Tax bei der Erbschaftsteuer zeigen. Diese Steuerart müsste nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eigentlich längst reformiert sein, der Fall landete aber im Vermittlungsausschuss des Bundestags. Falls dieser im September keine Lösung findet, könnten die Verfassungsrichter eigene Regeln erlassen. Im Gegensatz zum Normalbürger mussten deshalb zumindest manche Politiker auch im Sommer Steuerkonzepte studieren.

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
smartphone 22.08.2016
1. Hungerbauch
Es gibt auch etwas, das nennt sich Hungerbauch .... Im Grund entspricht kaufkrafttechnisch ein 60000 Euro Gehalt nicht mal dem Einstiegsgehalt eines Ingenieurs von 1995 ..... Es ist hochbedauerlich, daß Schäuble und co lieber massiv das Volk ausbeiten ( im Gelcihklang mit den AGs ) udn sich einbilden , das wäre ein tragfähiges Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren gewesen . Jeder der halbwegs bei Verstand ist, erkennt, daß man im Grunde den Bettler schon auspokert- und sich dabei auch noch Wohl fühlt. Stichwort Nahles mit den 80 ct Jobs .... ( sowas kommt bei raus ,wenn man "STA mult" ist ( multipler Studienabbrecher in Soziologie uns co noch dazu )
Immergrün321 22.08.2016
2. Populistische Darstellung
Aus dem populistischen Mittelstandsbauch wird andersrum ein Schuh draus: Nicht der Anstieg bei den Mittelverdienern ist ursächlich, sondern die enormen Steuerentlastungen, die (zu Recht) die Geringverdiener erhalten. Denn hier nimmt die Belastung mehr als 4-mal so stark ab zum Schutze der Einkommensschwachen. Diese gewollte Reduktion für besonders Bedürftige führt automatisch zu dem Effekt, da darauf folgende Erhöhungen immer linear erfolgen. PS:10 % der Steuerzahler zahlen in Deutschland 50 % der Einkommenssteuer. Man kann es auch mal von dieser Seite betrachten...
yvowald@freenet.de 22.08.2016
3. Steuerkurve nach oben erweitern
Wer die Bezieherinnen und Bezieher mittlerer Einkommen steuerlich entlasten will, muß die Steuerkurve im höheren und hohen Bereich (Besser- und Spitzenverdiener) entsprechend anheben bzw. erweitern. Was ist an einem Steuersatz von 75 Prozent bei Einkommen oberhalb von 1 Mio. EURO falsch oder unangemessen? Und wer ein Jahreseinkommen von mehr als 10 Mio. EURO bezieht, sollte durchaus mit einer 80prozentigen Einkommensteuer belegt werden. Denn dann würde er netto immer noch 2 Mio EURO für sich behalten dürfen. Nicht schlecht, oder?
sdietze 22.08.2016
4. Bei der FlatTax ist was vergessen worden:
Herr Kirchhoff hat bei seinem FlatTax-Anliegen leider nicht deutlich darauf hingewiesen, dass gleichzeitig ein Grundeinkommen frei bleibt (damals waren das für eine Familie mit 2 Kindern ca. 38.000€). Das heißt, dass von einem Einkommen von 40.000€ nur 2000€ versteuert werden, bei einem Einkommen von 4.000.000€ aber fast alles. Zusätzlich wollte er die steuerfreien Boni der Vorstände abschaffen, die sowieso Blödsinn sind. Dadurch würden zusätzliche Steuereinnahmen geschaffen. Wenn dann noch Abschreibungen wegfallen bzw. vereinfacht werden, haben die Steuerberater und Finanzbeamten nur noch die Hälfte zu tun.
yvowald@freenet.de 22.08.2016
5. Spitzensteuer zwischen 70 und 80 Prozent
Zitat von sdietzeHerr Kirchhoff hat bei seinem FlatTax-Anliegen leider nicht deutlich darauf hingewiesen, dass gleichzeitig ein Grundeinkommen frei bleibt (damals waren das für eine Familie mit 2 Kindern ca. 38.000€). Das heißt, dass von einem Einkommen von 40.000€ nur 2000€ versteuert werden, bei einem Einkommen von 4.000.000€ aber fast alles. Zusätzlich wollte er die steuerfreien Boni der Vorstände abschaffen, die sowieso Blödsinn sind. Dadurch würden zusätzliche Steuereinnahmen geschaffen. Wenn dann noch Abschreibungen wegfallen bzw. vereinfacht werden, haben die Steuerberater und Finanzbeamten nur noch die Hälfte zu tun.
Herr Kirchhoff, der "Heidelberger Professor", setzte seinen Steuersatz - beeinflußt durch die Lobby der Gutverdienenden - deutlich zu niedrig an. Selbstverständlich sollten Einkommen von 4 Mio. EURO deutlich angemessener besteuert werden als heute. Denn heute zahlen Bezieherinnen und Bezieher von Millionengehältern (auch Aufsichtsratsbezüge und Boni) unter 50 Prozent Einkommensteuer und können sich durch geschickte Transaktionen auch noch entlasten, so daß am Ende vielleicht nur 40 Prozent an Steuern fällig sind. Dies kann nicht gerecht sein. In de Spitze sollten die Steuersätze durchaus zwischen 70 und 80 Prozentpunkten liegen, wenn wir es schon nicht fertigbringen, eine angemessene Vermögenssteuer wieder einzuführen.
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