SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Mai 2011, 12:06 Uhr

Strauss-Kahn-Nachfolge

Lagarde will IWF-Chefin werden

Frankreichs Finanzministerin kandidiert für einen der wichtigsten Posten der Welt: Christine Lagarde will Chefin des IWF und Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn werden. Die Unterstützung der Europäer ist ihr sicher - doch die Schwellenländer rebellieren.

Paris - Sie gilt als die aussichtsreichste Kandidatin auf europäischer Seite. Jetzt hat Christine Lagarde auf einer Pressekonferenz in Paris offiziell ihre Kandidatur für den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds (IWF) bekanntgegeben. "Ich habe entschieden, meine Kandidatur einzureichen", sagte die 55-jährige französische Finanzministerin am Mittwoch in Paris. Der Posten des IWF-Chefs war frei geworden, nachdem der bisherige Direktor Dominique Strauss-Kahn - auch ein Franzose - wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs festgenommen wurde und daraufhin zurücktrat.

Lagarde sagte, sie sei "nach reiflicher Überlegung" zu dieser Entscheidung gelangt. Seit dem Rücktritt Strauss-Kahns wurde sie als Nachfolgerin und damit erste Frau an der IWF-Spitze gehandelt. Das IWF-Direktorium will bis Ende Juni seine Wahl treffen. In dem Spitzengremium sitzen Vertreter von 24 Staaten oder Ländergruppen.

Lagarde, die in der Finanzwelt hoch geschätzt wird, erhielt bereits von vielen Seiten Unterstützung. "Die Europäer haben mit ihr eindeutig ihre Beste und Klügste ausgewählt", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria in Paris. Rückendeckung bekommt Lagarde auch aus Deutschland: "Die Bundesregierung unterstützt diese Kandidatur nachdrücklich", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Kandidatin sei bestens vertraut mit der Staatsschuldenkrise in Europa. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Lagarde bereits im Vorfeld als "ausgezeichnete und erfahrene Persönlichkeit" bezeichnet.

Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ließ seine Präferenz für Lagarde erkennen, ebenso wie Großbritannien. Der französische Staatschef Nicolas Sarkozy sähe es besonders gern, wenn Frankreich auch den nächsten IWF-Chef stellen würde. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso will vor allem einen Europäer in Washington sehen und unterstützt Lagardes Kandidatur. Die Kommission glaube, "dass ihre Qualitäten ebenso wie ihr Engagement für die Stärkung der globalen Wirtschaftsregierung unerlässlich sind, um den Auftrag des IWF und seinen entscheidenden Beitrag zur Stabilität der internationalen Wirtschaft umzusetzen", hieß es in einer Erklärung Barrosos vom Mittwoch.

Schwellenländer wollen eigenen Kandidaten

Mächtige Mitgliedstaaten wie die USA und Japan haben ihre Meinung noch nicht kundgetan, allerdings drängen die Amerikaner bei der Wiederbesetzung des Postens zur Eile. Die Mahnung zum Tempo könnte den Europäern in die Hände spielen, weil sie mit der USA-Freundin Lagarde schon eine anerkannte Persönlichkeit mit gepacktem Koffer haben. Lagarde hatte vor ihrem Sprung in die Politik eine führende Anwaltskanzlei in den USA geleitet.

Doch nicht alle scheinen mit Lagarde ganz glücklich zu sein. Vor allem die aufstrebenden Schwellenländer Russland, China, Indien und Brasilien forderten in einem gemeinsamen Appell, den Chefposten nicht automatisch mit einem Europäer zu besetzen. Immerhin ist China mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft in der Welt, Brasilien gehört zu den Top Ten. Eine offizielle Kandidatur aus dem Kreis der Schwellenländer gibt es bislang nicht. Der indische Finanzexperte Montek Singh Ahluwalia, der als aussichtsreichster Kandidat seines Landes gegolten hatte, kommt aus Altersgründen nicht für den Posten in Frage.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Konferenz von Bretton Woods geschaffenen Institutionen, die das internationale Währungs- und Finanzsystem ordnen sollten, sind noch heute fest in der Hand des Westens. Die USA und die Europäer schlossen kurz nach der Gründung 1944 eine informelle Abmachung, laut der die Amerikaner den Vorsitz der Weltbank und die Europäer den IWF-Top-Job besetzen dürfen. Doch dieser Deal spiegelt nicht mehr die weltwirtschaftlichen Gewichte des 21. Jahrhunderts wider - die Verteilung hat sich geändert: Der Anteil der Industrienationen an der globalen Wirtschaftsleistung ist seit 1980 von fast 60 auf heute unter 50 Prozent gefallen.

lgr/AFP/dapd/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung