Streik in Großbritannien Lehrer marschieren gegen Camerons Sparkurs

Der Widerstand gegen den Sparkurs der Regierung von David Cameron wächst: Hunderttausende britische Staatsdiener streiken gegen die Rente mit 66, Zehntausende marschieren durch die Innenstädte. Doch der konservative Premier gibt sich unbeeindruckt - und weiß sogar die Opposition auf seiner Seite.

Protest in London: Die großen Gewerkschaften beteiligen sich nicht
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Protest in London: Die großen Gewerkschaften beteiligen sich nicht


In Großbritannien nimmt der Protest gegen den Sparkurs der Regierung zu. Hunderttausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes legten am Donnerstag für einen Tag ihre Arbeit nieder. Zehntausende Lehrer, Zollbeamte und Justizangestellte marschierten durch die Innenstädte von London, Liverpool und Cardiff. Auf ihren Plakaten war zu lesen: "Hände weg von unserer Rente".

Es waren die größten Demonstrationen seit den Studentenprotesten gegen höhere Studiengebühren im vergangenen Herbst. "Day of Disruption", titelte die sonst so seriöse BBC aufgeregt. Gewerkschaftsführer verkündeten, dies sei der Beginn einer Streikwelle gegen den Sparkurs der liberalkonservativen Regierung.

Doch am Ende hielt sich die Störung in Grenzen. Nur vier von 29 Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes hatten zu dem Streik aufgerufen. Die größten Gewerkschaften wie Unison und Unite hatten sich nicht angeschlossen. Statt wie angekündigt 750.000 beteiligten sich deutlich weniger Staatsangestellte an dem Streik.

Die streikenden Lehrer wollten 80 Prozent der Schulen in England und Wales lahmlegen, doch sie blieben deutlich unter ihrem Ziel. Rund die Hälfte der 21.500 öffentlichen Schulen war geschlossen oder hatte einen teilweisen Unterrichtsausfall zu verkraften. Auch die befürchteten Schlangen an den Grenzkontrollen der Flughäfen blieben weitgehend aus, es kam nur zu leichten Verzögerungen. Von den 750 Arbeitsämtern waren 18 geschlossen.

Dennoch verschafften sich die Streikenden Gehör. Ihr Protest richtete sich gegen die geplante Rentenreform: Die liberalkonservative Regierung will bis 2020 das Rentenalter für die öffentlich Bediensteten von 60 auf 66 Jahre anheben und ihre Rentenbeiträge um 3,2 Prozent erhöhen. Man werde den Angriff auf die eigenen hart erkämpften Rentenansprüche nicht dulden, sagte Gewerkschaftsführer Mark Serwotka.

Cameron gibt sich unbeeindruckt

In den vergangenen Wochen hatten die Gewerkschaften ihre Rhetorik deutlich verschärft. Unison-Boss Dave Prentis hatte mit einer Streikwelle gedroht, die das Land paralysieren werde wie der Generalstreik in den 1920er Jahren. Doch ist dies bislang nicht mehr als Säbelrasseln. Die meisten Gewerkschaften warten noch ab, wie die öffentliche Stimmung sich entwickelt. Bislang unterstützen die Briten Umfragen zufolge den Sparkurs der Regierung, die bis 2015 den Staatshaushalt ausgleichen will.

Premier David Cameron zeigte sich von den Protesten denn auch unbeeindruckt. Der Streik sei "falsch" und "unverantwortlich", sagte der Tory-Chef. Selbst Labour-Oppositionsführer Ed Miliband verurteilte den Streik. Zwar habe er Verständnis für die Wut der Streikenden, aber Arbeitsniederlegung sei das falsche Mittel, sagte der Sozialdemokrat.

Auch in den britischen Medien herrschte Einigkeit, dass der Streik nicht viel erreichen werde, weil die Rente mit 66 unvermeidlich sei. Viele Aspekte des Rentensystems seien nicht haltbar, kommentierte der "Guardian". Der Streik sei zwar "ein Meilenstein" im Protest gegen den Sparkurs, aber seine Bedeutung solle nicht übertrieben werden. Es gehe nicht um die Macht im Staat - wie einst in den achtziger Jahren unter Margaret Thatcher.

Viele Briten finden die Sparpläne plausibel

Der "Independent" kommentierte, der Streik werde die "unvermeidliche" Rentenreform nicht verhindern. Die "Times" nannte den Streik einen "schlimmen Fehler" und gab zu bedenken, dass die Arbeitsniederlegung den Ruf der Lehrer in der Öffentlichkeit nicht verbessern werde.

Im Vergleich zu den Beschäftigen der Privatwirtschaft gelten Staatsdiener immer noch als relativ privilegiert. Ihre Renten sind deutlich höher, daher findet das Spar-Argument der Regierung in der breiteren Öffentlichkeit durchaus Gehör.

Die vier Gewerkschaften, die zum Streik aufgerufen hatten, feierten ihre Aktion dennoch als Erfolg. Sie drohten mit weiteren Blockaden, sollte die Regierung bei den Verhandlungen über die Rentenreform nicht einlenken. Der Streik sorgte jedoch auch im Gewerkschaftslager für erheblichen Unmut. Vertreter anderer Gewerkschaften befürchten, dass der Streik zu früh kam und eher der Regierung in die Hand gespielt habe.



insgesamt 3 Beiträge
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Erhan24 30.06.2011
1. Langsam wirds lächerlich
Komischerweise gehen alle in Europa wegen Sparmaßnahmen auf die Straße. In den arabischen Ländern reden wir von Demokratiebewegungen. Verstehen sie mich nicht falsch. Dumm sind wir nicht. Wir haben das Internet. Wir können uns frei informieren. Wir können in ganz Europa mit den Leuten persönlich übers Internet schreiben. Und nein, da redet keiner von Sparmaßnahmen. Da reden alle darüber wie gierige Leute die Demokratie ausgehöhlt und eine geldjagende Pseudoschauspieldemokratie eingeführt haben. Wir hätten es fast nicht bemerkt. Ihr solltet zu eurer eigenen Sicherheit den Internetkillswitch einführen.
genugistgenug 30.06.2011
2. ....
Zitat von sysopDer Widerstand gegen den Sparkurs der Regierung von*David*Cameron wächst: Hunderttausend britische*Staatsdiener streiken gegen die Rente mit 66, Zehntausende marschieren durch die Innenstädte.*Doch der konservative Premier gibt sich unbeeindruckt*- und weiß sogar die Opposition auf seiner Seite. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,771662,00.html
Es waren NICHT nur Lehrer - auch Feuerwehrleute die um die öffentliche Sicherheit fürchten, Arbeiter die um ihre Firmenpensionen fürchten, usw..... Außerdem gehen die MEnschen nicht wegen Sparmaßnahmen auf die Straßen sondern wegen dieser willkürlichen Kürzungen zu LAsten der MEnschen - oder hat schon irgendein Politiker auf seine Kohle verzichtet? Der Bundestag hat doch gerade erhöhrt.
CHANGE-WECHSEL 30.06.2011
3. wie naiv
Wie naiv sind die Europäer eigentlich? Niemand in Europa, sei es nun Griechenland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland etc, muss sparen. Wir sparen, damit die Reichen nicht belastet werden! Würden die Reichen europaweit endlich so besteuert wie es unser System es verlangt, dann müsste in keinem Land ein Sparprogramm aufgelegt werden. Die Politikerinnen und Politiker zwingen uns zu sparen, damit die Reichen reich bleiben und noch reicher werden. Das sind keine Volksvertreter, das sind Kriminelle.
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