Ende der Friedenspflicht IG Metall droht mit Flächenstreiks schon im Januar

In der Metall- und Elektroindustrie könnte es erstmals seit Jahren wieder zu einem heftigen Arbeitskampf kommen. Ende Dezember läuft die Friedenspflicht aus. Die IG Metall will sich mit Warnstreiks nicht lange aufhalten.

Kundgebung der IG Metall Mitte Dezember in Ludwigsburg
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Kundgebung der IG Metall Mitte Dezember in Ludwigsburg


Es könnte ein heißer Start ins neue Jahr werden: In der laufenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie droht die IG Metall den Arbeitgebern mit einer schnellen Eskalation. "Mehr als zwei oder drei Wochen Warnstreiks machen ja keinen Sinn", sagte der Erste Vorsitzende der Gewerkschaft, Jörg Hofmann, der Nachrichtenagentur dpa. "Sollte sich bis Ende Januar nichts an der Position der Arbeitgeber ändern, werden wir dann darüber nachdenken, ob wir zu 24-Stunden-Warnstreiks greifen oder gleich zur Urabstimmung für Flächenstreiks aufrufen."

Seit Mitte November verhandeln IG Metall und Arbeitgeber über einen neuen Tarifvertrag für einen der wichtigsten deutschen Wirtschaftszweige mit fast vier Millionen Beschäftigten. Am 31. Dezember läuft die sogenannte Friedenspflicht aus - dann dürfen die Gewerkschaften zu Streiks aufrufen.

Die IG Metall fordert bundesweit sechs Prozent mehr Geld und das Recht auf eine vorübergehende Senkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden. Dabei sollen bestimmte Gruppen - etwa Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und Angehörige von Pflegebedürftigen - einen Teillohnausgleich erhalten.

"Kurze und heftige Auseinandersetzung"

Die Arbeitgeber hatten in der zweiten Runde der regional geführten Tarifverhandlungen ein Lohnplus von zwei Prozent ab April angeboten, außerdem eine Einmalzahlung von 200 Euro für die Monate Januar bis März.

Der IG Metall ist das viel zu wenig. "Die Arbeitgeber haben ein mickriges Angebot vorgelegt, von dem sie selbst wissen, dass es so nicht kommt", sagte Hofmann. "Ab dem 8. Januar geht die IG Metall in allen Regionen in Warnstreiks, in der Woche vorher kann es bereits zu einzelnen Maßnahmen in einigen Betrieben kommen."

Wegen der starken Konjunktur und der rekordverdächtigen Auftragslage rechne er aber mit einem starken Interesse des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall an einer schnellen Lösung. "Eine kurze und heftige Auseinandersetzung wäre möglicherweise für beide Seiten besser", sagte Hofmann. "Wir wollen unsere Forderungen durchsetzen und die Arbeitgeber ihre Produktionsausfälle überschaubar halten."

Auch die Arbeitgeber stellen sich bereits auf Streiks ein. "Ein Arbeitskampf ist das Letzte, was wir uns wünschen", sagte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. "Streiks sind immer ein volkswirtschaftlicher Schaden. Es ist vor allem unnötig, wenn noch gar nicht richtig verhandelt wurde. Aber ich befürchte, dass die IG Metall ihre Streiks jetzt schon organisiert hat, völlig losgelöst von unserem Angebot."

28 Stunden bei teilweisem Lohnausgleich

Umstritten ist nicht nur die geforderte Lohnerhöhung, sondern vor allem auch die angestrebte neue Arbeitszeitregelung. Arbeitgebervertreter Dulger sagte, eine Arbeitszeitverkürzung aufgrund besonderer Lebensumstände sei "in der betrieblichen Praxis schon heute gang und gäbe". Klar sei aber auch: "Wenn einer nur vier Tage arbeitet, dann kriegt er auch nur vier Tage bezahlt."

In der Metall- und Elektroindustrie liege das jährliche Durchschnittseinkommen bei 56.000 Euro. "Wenn ein durchschnittlicher Metallfacharbeiter auf 28 Stunden geht, dann verdient er immer noch rund das Doppelte einer Metzgereifachverkäuferin, die 38 Stunden arbeitet."

IG-Metall-Chef Hofmann hingegen verteidigte die Forderungen seiner Gewerkschaft. Es handele sich um eine zeitgemäße tarifliche Sozialleistung, wenn Schichtarbeitern, Eltern junger Kinder oder pflegenden Angehörigen ein Entgeltzuschuss gezahlt werde, wenn sie bei kürzerer Arbeitszeit weniger verdienen.

Ein genereller Einstieg in die Vier-Tage-Woche sei nicht geplant, sagte der Gewerkschafter. "Wir wollen keinen Weg hin zu kollektiven Arbeitszeitverkürzungen."

stk/dpa



insgesamt 66 Beiträge
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Nordstadtbewohner 26.12.2017
1. Erschreckend und weltfremd zugleich
"Die IG Metall fordert bundesweit sechs Prozent mehr Geld und das Recht auf eine vorübergehende Senkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden." Wenn ich solche Forderungen lese, frage ich mich, in welcher Welt die IG Metall eigentlich lebt. Einerseits eine Lohnerhöhung von 6%, die durch nichts gerechtfertigt ist, andererseits eine Senkung der Wochenarbeitszeit, die völlig utopisch ist. In Zeiten voller Auftragsbücher ist es hanebüchen, die Wochenarbeitszeit senken zu wollen. Da ist eher das Gegenteil angebracht, um die vielen Aufträge abarbeiten zu können. Außerdem sind die 6% Lohnerhöhung eine Forderung jenseits von Gut und Böse. Durch was sieht die IG Metall diese Forderung gerechtfertigt? Eine gute Auftragslage für die Unternehmen bedeutet nicht, dass automatisch mehr Geld an die Beschäftigten gezahlt werden muss, denn das Mehr an Aufträgen kommt durch die Unternehmen zustande, nicht durch die Gewerkschaften. Dazu kommt die Wichtigkeit der internationalen Konkurrenzfähigkeit. In Zeiten der Globalisierung wird, wenn die Lohnkosten ins Exorbitante steigen, woanders produziert. Ich kann nur hoffen, dass die Arbeitgeber der Metall- und Elektrobranche den Forderungen nicht nachgeben und sich durch Streiks nicht erpressen lassen.
fiegepilz 26.12.2017
2.
Sehr gut. Was bei unserer Wirtschaft für die Arbeiter rumkommt ist einfach lächerlich. Wobei die Leute sich ja meist mit „woanders is schlechter“ Vera****en lassen. Ich hoffe die Gewerkschaften legen richtig die Daumenschrauben an
Neandiausdemtal 26.12.2017
3. Bravo
Arbeitgeber jammern bzw. die sogenannte Wirtschaft jammert immer. Ein weiser Gewerkschafter hat mal in etwa gesagt: "Man muss solange Druck machen, bis das erste Blut kommt. Erst dann hat man es richtig gemacht." Das ist leider in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr möglich gewesen. Und zwar deswegen nicht, weil die Politik den Arbeitgebern Vorteile zugeschanzt hat ( der Spendenpraxis sei Dank ) und weil viele Arbeitnehmer nicht den Weitblick haben, zu erkennen, dass ohne Mitgliedschaft in der zuständigen DGB-Gewerkschaft ( z. Bsp. IG Metall, ver.di, GdP, IG BAU usw. ) nichts zu erreichen ist.
böseronkel 26.12.2017
4.
Zitat von Nordstadtbewohner"Die IG Metall fordert bundesweit sechs Prozent mehr Geld und das Recht auf eine vorübergehende Senkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden." Wenn ich solche Forderungen lese, frage ich mich, in welcher Welt die IG Metall eigentlich lebt. Einerseits eine Lohnerhöhung von 6%, die durch nichts gerechtfertigt ist, andererseits eine Senkung der Wochenarbeitszeit, die völlig utopisch ist. In Zeiten voller Auftragsbücher ist es hanebüchen, die Wochenarbeitszeit senken zu wollen. Da ist eher das Gegenteil angebracht, um die vielen Aufträge abarbeiten zu können. Außerdem sind die 6% Lohnerhöhung eine Forderung jenseits von Gut und Böse. Durch was sieht die IG Metall diese Forderung gerechtfertigt? Eine gute Auftragslage für die Unternehmen bedeutet nicht, dass automatisch mehr Geld an die Beschäftigten gezahlt werden muss, denn das Mehr an Aufträgen kommt durch die Unternehmen zustande, nicht durch die Gewerkschaften. Dazu kommt die Wichtigkeit der internationalen Konkurrenzfähigkeit. In Zeiten der Globalisierung wird, wenn die Lohnkosten ins Exorbitante steigen, woanders produziert. Ich kann nur hoffen, dass die Arbeitgeber der Metall- und Elektrobranche den Forderungen nicht nachgeben und sich durch Streiks nicht erpressen lassen.
Die Auftragszuwächse in Unternehmen kommen durch im Unternehmen beschäftigte Menschen besonders gewerkschaftlich organisierte zustande, nicht durch die im Hintergrund agierende Groß-share-holder. Verständlich wenn organisierte Arbeitnehmer es als nicht besonders gerecht empfinden, dass die von ihnen erarbeiteten Wertzuwächse einseitig bei einigen im Hintergrund agierenden Geldgiganten landen. Die Organisierten können sehr gut die irgendwo versteckt veröffentlichten gigantischen Ausschüttungen der Global-Player bemerken.
muellerthomas 26.12.2017
5.
Zitat von Nordstadtbewohner"Die IG Metall fordert bundesweit sechs Prozent mehr Geld und das Recht auf eine vorübergehende Senkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden." Wenn ich solche Forderungen lese, frage ich mich, in welcher Welt die IG Metall eigentlich lebt. Einerseits eine Lohnerhöhung von 6%, die durch nichts gerechtfertigt ist, andererseits eine Senkung der Wochenarbeitszeit, die völlig utopisch ist. In Zeiten voller Auftragsbücher ist es hanebüchen, die Wochenarbeitszeit senken zu wollen. Da ist eher das Gegenteil angebracht, um die vielen Aufträge abarbeiten zu können. Außerdem sind die 6% Lohnerhöhung eine Forderung jenseits von Gut und Böse. Durch was sieht die IG Metall diese Forderung gerechtfertigt? Eine gute Auftragslage für die Unternehmen bedeutet nicht, dass automatisch mehr Geld an die Beschäftigten gezahlt werden muss, denn das Mehr an Aufträgen kommt durch die Unternehmen zustande, nicht durch die Gewerkschaften. Dazu kommt die Wichtigkeit der internationalen Konkurrenzfähigkeit. In Zeiten der Globalisierung wird, wenn die Lohnkosten ins Exorbitante steigen, woanders produziert. Ich kann nur hoffen, dass die Arbeitgeber der Metall- und Elektrobranche den Forderungen nicht nachgeben und sich durch Streiks nicht erpressen lassen.
Das frage ich mich bei Ihren Beiträgen auch oft... Die IGM fordert 6%, die Arbeitgeber bieten 2% und am Ende kommt was um 4% raus, was m.E. absolut angemessen ist. Wieviel wäre denn Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
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