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13. Mai 2015, 15:14 Uhr

Tarifkonflikte

Streikrepublik Deutschland

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Erzieher, Lokführer, Piloten, Briefträger: Fast täglich wird irgendwo in Deutschland ein Betrieb lahmgelegt. Es wird nicht viel mehr gestreikt als früher, aber es fühlt sich so an - aus mehreren Gründen.

Den längsten Streik in der Historie der Bahn hat Deutschland gerade überstanden, da sind die Kita-Erzieher in den Ausstand getreten. Sehr bald könnten die Postboten mit einem unbefristeten Streik folgen. Sollte es soweit kommen, könnte das laufende Jahr das stärkste Streikjahr seit 2006 werden, schätzt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). In Zahlen ausgedrückt heißt das: Die damals rund 430.000 von der Bundesagentur für Arbeit gezählten streikbedingten Ausfalltage werden 2015 vielleicht übertroffen.

Das mag nach viel klingen, verglichen mit noch früheren Jahren ist es das aber nicht. So fielen etwa 1992 gut 1,5 Millionen Tage streikbedingt aus. Auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren gingen die Ausfälle teils in die Millionen. In der Stahl- und Metallindustrie oder im Öffentlichen Dienst wurden Betriebe wochenlang lahmgelegt, also oft deutlich länger als heute.

Aber warum ist dann derzeit regelmäßig die Rede von der Streikrepublik Deutschland? Warum fühlt es sich heute so viel heftiger an? Kurz gesagt: Weil wir die Konflikte stärker als früher spüren, ja Leidtragende sind. Wenn die Piloten der Lufthansa die Maschinen am Boden lassen, kaum noch Züge rollen, Geburtstagskarten nicht mehr ankommen und Kita-Kinder zuhause bleiben müssen, trifft es fast jeden von uns an mindestens einem Punkt. Ein Streik in einem Metallbetrieb lässt dagegen die meisten von uns wohl ziemlich kalt, weil der Konflikt nichts mit unserem Alltag zu tun hat.

Fast 90 Prozent aller Arbeitskämpfe und gut 97 Prozent aller Ausfalltage betrafen zuletzt den Dienstleistungsbereich, wie das WSI-Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung festgestellt hat. Allein die Gewerkschaft Verdi war demnach in mehr als 160 von Streiks begleiteten Tarifkonflikten involviert - von insgesamt 214.

Klassischer Lohnkampf wird von Grundsatzkonflikten abgelöst

Dominiert wird das Streikgeschehen zwar von Großkonflikten wie bei der Bahn, der Lufthansa oder der Post. Tatsächlich aber findet fast immer irgendwo in Deutschland ein Streik statt - und sei er noch so klein (Eine Auswahl aktueller Ausstände finden Sie hier). So sind beispielsweise die 150 Mitarbeiter der Geldtransportfirma Prosegur in Potsdam aktuell in einem unbefristeten Streik. Das bekommen in diesen Tagen auch einige Bankkunden in Berlin zu spüren: Manche Geldautomaten bleiben leer.

Insgesamt hat die Zahl der - oft kleineren - Konflikte zugenommen, was aber nicht automatisch bedeutet, dass mehr Arbeitnehmer streiken oder mehr Arbeitstage ausfallen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Tariflandschaft zunehmend zersplittert ist, es also weniger große Flächentarife gibt, die einmal ausgehandelt werden und dann für Hundertausende Beschäftigte gelten. Stattdessen wird im Kleinen gekämpft.

Zugleich sind im vergangenen Jahrzehnt die Spartengewerkschaften wie Cockpit, Marburger Bund oder GDL einflussreicher geworden. Je mächtiger diese werden, desto aggressiver müssen auch die Riesen IG Metall, Verdi und andere auftreten, um neue Mitglieder zu gewinnen oder zu halten. Und was hilft da besser, als ein öffentlichkeitswirksamer Ausstand?

Auch haben die Streitigkeiten eine andere Qualität angenommen. Der klassische Arbeitskampf um das satte Lohnplus oder die 35-Stunden-Woche scheint zunehmend abgelöst zu werden von großen Grundsatzkonflikten: Sollten Erzieher mehrere Gehaltsklassen aufsteigen, weil sich ihr Berufsbild radikal verändert hat? Muss Amazon seine Mitarbeiter in den Versandzentren nach dem Einzelhandelstarif bezahlen statt nach dem für die Logistik? Darf die Post die Paketzusteller aus dem Haustarifvertrag ausgliedern, um wettbewerbsfähiger zu werden? Muss die Lokführergewerkschaft GDL um ihre Macht streiken, bevor das Tarifeinheitsgesetz sie beschneiden könnte?

Und dennoch: Trotz steigender Streiktendenz wird in Deutschland im internationalen Vergleich relativ wenig gestreikt. Nach Schätzung des WSI-Instituts fielen in der Bundesrepublik zwischen 2005 bis 2013 rechnerisch durchschnittlich 16 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigten aus. In Frankreich waren es demnach 139 Arbeitskampftage, in Dänemark 135 und in Großbritannien 23. Angesichts dieser Zahlen hat die Streikrepublik Deutschland in dieser Hinsicht eher den Namen Streikrepublikchen verdient.

Zusammengefasst: Trotz der Konflikte bei der Bahn, der Lufthansa oder in den Kitas - in Deutschland wurde bislang nicht wesentlich mehr gestreikt als früher. Allerdings hat die Zahl der vielen, oft kleineren Auseinandersetzungen zugenommen. Sehr oft finden sie im Dienstleistungsbereich statt und treffen uns daher mehr als frühere Streiks.

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