Strom, Gas, Öl Wie die Energiekrise Deutschlands Unternehmen und Verbraucher trifft

Versorger erhöhen die Preise, Industriekonzerne drohen mit Produktionsstopps: Die hohen Energiepreise bringen Privathaushalte und Firmen in Schwierigkeiten. Was die Politik jetzt tun will.
Strommasten in NRW: Der Winter wird teuer

Strommasten in NRW: Der Winter wird teuer

Foto: Federico Gambarini / dpa

In der seit Wochen schwelenden Energiekrise kommen die Schreckensnachrichten mittlerweile fast im Stundentakt:

  • Am Dienstag kündigte der Versorger E.on an, wegen der hohen Preise vorerst keine neuen Gaskunden mehr zu akzeptieren.

  • Der deutsche Stahlkonzern Salzgitter drohte am selben Tag mit Produktionsstopps  an seinem stromintensiven Standort in Peine.

  • Und das Baustoffunternehmen Heidelberg Cement verkündet, für die Branche völlig unüblich, kurzfristige Preiserhöhungen .

Schon jetzt spüren die Verbraucher die Krise: Heizöl verteuerte sich laut Statistischem Bundesamt im September um 76,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Sprit kostete 28,4 Prozent mehr. Auch die Preise für Erdgas (plus 5,7 Prozent) und Strom (plus 2,0 Prozent) zogen an. Die teuren Energiepreise sind ein maßgeblicher Faktor dafür, dass die Inflationsrate in Deutschland zuletzt über die Marke von vier Prozent gestiegen ist. Zum Teil liegt das daran, dass die Preise im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres so niedrig waren.

Doch die Zahlen sind auch Vorboten dessen, was angesichts explodierter Großhandelspreise noch auf Verbraucher und Unternehmen zukommt.

Hauptgrund für die grassierende Energiekrise ist eine Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage. Durch die wirtschaftliche Erholung nach der Coronapandemie ist die Produktion weltweit wieder angesprungen – und mit ihr die Nachfrage nach Energie gestiegen. Das Angebot konnte damit teils nicht Schritt halten. Zusätzlich treiben die höheren Kosten für EU-Emissionsrechte die Preise. Solche Papiere müssen Energieversorger und Fabriken kaufen, wenn sie Kohlendioxid in die Atmosphäre emittieren. Im Gasmarkt kommt zudem aus Russland auffallend wenig Nachschub. Zwar hält der Staatskonzern Gazprom alle vertraglichen Verpflichtungen ein. Doch schickt er deutlich weniger Stoff in den Westen, als er könnte. Kritiker vermuten, dass der Kreml so den Start seiner neuen Pipeline Nord Stream 2 beschleunigen will.

Diese Gemengelage hat in allen Energiemärkten inzwischen zu Rekordpreisen geführt. Der Gaspreis etwa schwankt im langjährigen Mittel eigentlich zwischen 15 und 20 Euro pro Megawattstunde, derzeit sind es 65 Euro. Strom an der Börse ist in Deutschland seit Jahresbeginn rund 140 Prozent teurer geworden, in Spanien gar um 425 Prozent. Die Ölpreise haben teilweise die höchsten Stände seit drei Jahren erreicht.

Was genau bedeuten die Rekordpreise für Firmen und Verbraucher? Und welche Maßnahmen könnte die Politik ergreifen? Ein Überblick.

Unternehmen: Der Treibstoff der Industrie wird unbezahlbar

Deutschlands Firmen leiden vor allem unter den hohen Gaspreisen. Denn der Stoff wird in unzähligen industriellen Prozessen benötigt, zum Beispiel als Heizmittel für Prozesswärme oder als sogenanntes Reduktionsmittel, das Eisenerz in der Stahlproduktion Sauerstoff entzieht. Ein Drittel des deutschen Erdgasverbrauchs erfolgt in der Industrie, vor allem in der Chemie- und Metallbranche, aber auch in der Ziegelindustrie, die Gas vor allem als Wärmequelle nutzt. Hohe Preise verteuern in all diesen Bereichen die Produktion.

Die meisten Industriefirmen sorgen eigentlich für schwierige Zeiten vor. Sie schließen am Markt sogenannte Terminkontrakte ab, die ihnen künftige Gaslieferungen zu bestimmten Preisen sichern. Doch dieser Schutz ist nicht allumfassend, und erste Firmen scheinen bereits jetzt Probleme zu bekommen. »Wir blicken mit großer Sorge auf die steigenden Energiekosten«, sagt der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff.

Entsprechend erwägt der Konzern Salzgitter an seinem Standort Peine schon Produktionskürzungen. Die Anlage dort ist besonders energieintensiv, denn sie schmilzt Stahlschrott mittels sogenannter Elektrolichtbogenöfen ein, um ihn dann zu recyceln. Die Swiss Steel Group prüft derweil Preisaufschläge für ihre Produktion. Das Unternehmen besitzt in Deutschland eine Reihe von Stahlwerken, die aus Altmetall mithilfe von Elektrizität neue Stähle herstellt. Etwa 4000 Beschäftigte arbeiten in den vier Standorten der Deutschen Edelstahl Werke Nordrhein-Westfalen. »Selbst der Stopp von Produktion oder die Verlegung von Schichten sind kurzfristig denkbar«, sagte Swiss-Steel-Chef Frank Koch am Dienstag dem SPIEGEL.

Im Ausland sieht die Lage kaum besser aus. Im Vereinigten Königreich sind die Energiepreise seit Jahresbeginn um satte 250 Prozent gestiegen. Viele Energieversorger mussten den Handel einstellen. Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng hatte deswegen am Wochenende eine Krisensitzung einberufen. Laut »Financial Times« fordert die britische Wirtschaft ein Hilfspaket im Umfang von mehreren Milliarden Pfund.

In China leiden deutsche Firmen ebenfalls unter einer Energiekrise. Die Preise für Kohle haben sich dort seit Jahresbeginn teils verdreifacht, was Kraftwerke nicht zahlen können und deshalb teils den Betrieb einstellen. Regionalregierungen ordnen in vielen Teilen des Landes immer wieder Stilllegungen von Betrieben an – und das teils von dem einen auf den anderen Tag. Die Probleme dürften sich mit der bevorstehenden Heizperiode verschärfen, sagte der Vorsitzende der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke. »Wir stecken in einem Marathon, nicht in einem Sprint.« Die Rationierungen werden nach seiner Einschätzung bis mindestens März bestehen bleiben.

Verbraucher: Der Winter wird teuer

Die deutschen Verbraucher bekommen die Folgen der Energiepreiskrise sogar noch unmittelbarer zu spüren als die Unternehmen. Laut dem Vergleichsportal Verivox sind die Stromkosten in Deutschland im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 9,3 Prozent gestiegen. Damit ist Strom in Deutschland so teuer wie noch nie. Fürs Heizen mit Gas müssten Verbraucher 28 Prozent mehr bezahlen, für Öl gar 87 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Die Stadtwerke Memmingen im Freistaat Bayern halten laut »Bild«-Zeitung bei den Preiserhöhungen derzeit den traurigen Rekord. Sie wollen ihren Gastarif zum 1. Dezember um satte 68 Prozent heraufsetzen. Für eine vierköpfige Familie bedeutet das Mehrkosten von 786 Euro pro Jahr.

Insgesamt haben bislang 61 Gasversorger ihre Preise für diesen Winter angehoben oder Tariferhöhungen angekündigt. Die Erhöhungen betragen im Schnitt rund zehn Prozent. Experten rechnen damit, dass bald noch viele weitere Versorger die Preise erhöhen. Auch im Stromsektor seien steigende Kosten zu erwarten.

Manche Unternehmen reagieren inzwischen nicht mehr nur mit Preiserhöhungen. Der Energiekonzern E.on etwa stoppte wegen der Preisexplosion beim Gas vorerst das Neugeschäft mit Privatkunden. »Leider können wir Ihnen derzeit keine Erdgas-Produkte anbieten«, teilt das Unternehmen auf seiner Internetseite mit . Die Firma Deutsche Energiepool war im September noch weiter gegangen und hatte sogar manchen Bestandskunden die Gaslieferverträge gekündigt.

Es machen schon Warnungen die Runde, dass ärmere Menschen im Winter frieren dürften, weil sie ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen könnten. In anderen, teils deutlich ärmeren EU-Ländern sieht die Lage noch düsterer aus.

Auswege: Kommt der Heizzuschuss?

Die möglichen Auswege aus der Energiekrise scheinen, zumindest kurzfristig, begrenzt zu sein. Vertreterinnen und Vertreter der Bundesregierung schlagen derzeit vor allem zwei Maßnahmen vor: Zuschüsse für bedürftige Bürgerinnen und Bürger zur Heizrechnung – und eine rasche Reduktion oder Abschaffung der EEG-Umlage. Während sich Heizzuschüsse wohl recht einfach und unbürokratisch auf den Weg bringen lassen, scheint die schnelle Senkung der EEG-Umlage weniger realistisch.

Die Höhe der Umlage für das kommende Jahr wird diesen Freitag bekannt gegeben. Nach Angaben aus Parlamentskreisen hätte es bis spätestens 30. September einen Beschluss des Bundestags gebraucht, auf das EEG-Konto im kommenden Jahr einen Zuschuss von bis zu 15 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt zu überweisen. Das aber sei nicht geschehen. Wie der zuständige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Umlage jetzt noch senken wolle, sei völlig offen.

Altmaier hatte in den vergangenen Wochen mehrfach gesagt, er wolle auf SPD, Grüne und FDP zugehen, um kurzfristige Entlastungen für die Verbraucherinnen und Verbraucher zu besprechen. Doch nach Angaben aus den Fraktionen hat er das nicht getan. In den Sondierungsgesprächen für eine Ampelkoalition sei das Thema allerdings unabhängig davon schon diskutiert worden, Details könnten in der kommenden Woche besprochen werden.

Bis dahin dürfte die größte Hoffnung für Verbraucherinnen und Verbraucher sein, dass die umstrittene Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 bald eingeweiht wird – und sich zumindest die europäische Gaskrise dadurch von selbst entschärft. Kundinnen und Kunden sollten sich zudem schon jetzt mit einem möglichen Wechsel ihres Strom- und Gasanbieters beschäftigen, rät der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Sollte ihr bisheriger Anbieter eine Preiserhöhung ankündigen, dürfen Verbraucherinnen und Verbraucher innerhalb von 14 Tagen ihren Vertrag kündigen.

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In anderen EU-Ländern, die von der Energiepreiskrise noch deutlich stärker getroffen wurden, ist man schon weiter als in Deutschland. Mehrere Mitgliedstaaten haben bereits Maßnahmen ergriffen, um Privathaushalte vor hohen Strom- und Heizungsrechnungen zu schützen. Frankreich will ärmeren Haushalten zum Beispiel 100 Euro zahlen. Italien will drei Milliarden Euro investieren, um Bürgerinnen und Bürger über Steuersenkungen bei ihren Strom- und Gasrechnungen zu entlasten. Auch Spanien plant Steuererleichterungen. Großbritannien will Energieversorger mit Krediten unterstützen.

Die EU-Kommission will solche und viele weitere Vorschläge nun in einer Toolbox bündeln. Sie hat zudem versprochen, in begründeten Notfällen kurzfristige Hilfsmaßnahmen von Mitgliedstaaten für die armen Bevölkerungsschichten zu akzeptieren.